Hamburg - Es ist die Saison von Rouwen Hennings. Mit 17 Treffern holte sich der Angreifer die Torjäger-Kanone der Zweiten Liga. Nie zuvor hatte der 27-Jährige in seiner Profizeit mehr als zehn Saisontore erzielt. Das Fußballspielen gelernt hat der vor den Toren Hamburgs in Bad Oldesloe geborene Hennings beim Hamburger SV.

Mit 14 Jahren kam er zu den Rothosen, schaffte den Sprung in den Profikader allerdings nicht. Und nun soll der Top-Torjäger des Karlsruher SC dazu beitragen, ausgerechnet seine Jugendliebe erstmals aus der Bundesliga zu schießen. Den Anfang hat Hennings gemacht. Bereits in der vierten Minute traf er zum 1:0 für den KSC (Spielbericht). "Das hat gleich ein wenig Druck von den Schultern genommen", freut sich Henning, will aber von Genugtuung nichts wissen, "denn der HSV hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin". Für das Rückspiel sieht der Ex-Hamburger einen "leichten Vorteil" für seinen aktuellen Klub.

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Frage: Herr Hennings, 1:1 als Zweitligist zum Auftakt der Relegation bei einem Bundesligisten. Wie haben Sie das Spiel gesehen?

Rouwen Hennings: Wir haben gut mitgespielt, hätten den einen oder anderen Konter allerdings besser ausspielen können.

Frage: War das heute ein normales Spiel?

Hennings: Nein. Vor so einer Bühne ist es natürlich noch einmal was ganz anderes. Es war schon eine besondere Stimmung ins ausverkaufte Stadion einzulaufen. Und heute hat ganz Deutschland zugeschaut. Das hat man in der Zweiten Liga nicht allzu häufig.

Frage: Was war die Marschrichtung des KSC?

Hennings: Wir haben versucht, aus einer kompakten Defensive zu agieren. Und das hat gut geklappt. Wir haben in der Zweiten Liga die beste Defensive und haben heute nicht viel zugelassen. Aber es ist natürlich klar, dass es immer mal brenzlig werden kann - so wie in der einen Situation (beim 1:1 durch Ivo Ilicevic; die Red.).

Frage: Hatten Sie nach den beiden Lattentreffern und den ausgelassenen Chancen das Gefühl, dass sich das noch rächen könnte?

Hennings: Natürlich ist das ärgerlich, aber in solchen Situationen denkt man nicht negativ. Wir haben gesehen, wir kriegen unsere Chancen und haben versucht, so konzentriert weiterzuspielen.

Frage: Hat der KSC heute einen Sieg verschenkt oder einen Punkt gewonnen?

Hennings: Wir haben gezeigt, dass wir gegen einen Bundesligisten sehr gut mithalten können. Wir hatten unsere Chancen, wie in der zweiten Halbzeit die zwei Lattentreffer. Wenn wir da das 2:0 machen, würde es für uns noch ein bisschen besser aussehen. Aber mit dem 1:1 können wir auf jeden Fall gut leben.

"Wir waren auf Augenhöhe"

Frage: Ist der KSC jetzt in der Favoritenrolle?

Hennings: Wir sind als Außenseiter ins Spiel gegangen und waren auf Augenhöhe. Aber dafür können wir uns nichts kaufen. Am Montag müssen wir noch eine Schippe drauflegen. Das Selbstbewusstsein haben wir, dass wir das Spiel gewinnen können. Die Ausgangsposition ist auf jeden Fall gut. Wir haben Unentschieden gespielt und auswärts ein Tor geschossen. Der HSV muss auf jeden Fall treffen. Von daher vielleicht ein leichter Vorteil für uns.

Frage: Wie wird der KSC das Rückspiel angehen? Immerhin genügt ein 0:0...

Hennings: Wir werden nicht mit der Einstellung ins Spielgehen, auf 0:0 zu spielen. Das ist viel zu riskant. Es kann immer mal einer reingehen. Wir versuchen die positiven Sachen mitzunehmen und die Fehler abzustellen. Wir müssen wieder die taktische Disziplin an den Tag legen, die wir heute gezeigt haben und mutiger nach vorn spielen. Wir wollen gewinnen.

Frage: Kommen wir zu Ihrer Person? Wie war das Gefühl,den KSC so früh in Führung zu schießen?

Hennings: Das war natürlich ein Auftakt nach Maß. Es ist natürlich immer gut, wenn man als Underdog so einen frühen Treffer landet. Der erste Nadelstich hat gleich Wirkung gezeigt. Das hat auch ein wenig Druck von den Schultern genommen.

Frage: Das scheint ja Ihre Saison zu sein. Sie sind Torschützenkönig in der Zweiten Liga. Hat das das nötige Selbstvertrauen gebracht, aus dem Winkel so platziert zu schießen, dass der Ball vom Innenpfosten ins Tor prallt?

Hennings: Ich kenne keinen, der genau auf den Pfosten zielt, damit der Ball vom Pfosten reingeht. Ich wollte ins lange Eck schießen. Und das hat hervorragend geklappt.

"Ich verspüre keine Genugtuung"

Frage: Aber es war ja nicht die optimale Position, um aufs Tor zu schießen. Der Winkel war doch recht spitz...

Hennings: Ich habe versucht, mir ein wenig anzueignen, aus dieser Position ins lange Eck zu schießen und habe aus dieser Position in dieser Saison auch schon das eine oder andere Tor gemacht. Das hat zum Glück heute wieder geklappt.

Frage: Dann hätte der HSV das eigentlich wissen und sich darauf einstellen müssen...

Hennings (lächelt): Vielleicht hat der HSV nicht allzu viele Spiele von uns gesehen.

Frage: Tut es ein bisschen weh, dass Sie ausgerechnet ihren Ex-Klub erstmals aus der Bundesliga schießen müssen oder verspüren Sie sogar Genugtuung?

Hennings: Nein, Genugtuung verspüre ich nicht. Für die Konstellation kann ich nichts. Das muss ich nehmen, wie es kommt. Ich will aufsteigen. Wer der Gegner ist, ist egal. Es hat zwar damals nicht für ie Profis gereicht, denn der HSV hatte einen sehr starken Kader. Aber ich habe meinen Weg eingeschlagen, mit dem ich sehr zufrieden bin. Ich habe mich weiterentwickelt. Da hege ich keinen Groll, denn der HSV hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin.

Frage: Wie sieht's mit Ihrem anderen Hamburger Klub aus. Haben Sie sich am Sonntag auch ein wenig gefreut, dass der FC St. Pauli den Klassenerhalt geschafft hat?

Hennings: Ich freue mich, dass sie die Klasse gehalten haben. immerhin sind noch einige gute Freunde im Kader, mit denen ich noch zusammengespielt habe. Sie haben ein Seuchenjahr mit einem Blauen Auge hinter sich gebracht.

Zusammengestellt von Jürgen Blöhs