Wroclaw - Nein, sagt Tomas Rosicky mit finsterem Blick, "so etwas vergisst man nicht". Den bittersten Moment in seiner Karriere hat der Kapitän der tschechischen Nationalmannschaft noch genau vor Augen - und jetzt sieht er den Moment der Rache gekommen. "Wir hatten bisher nie die Chance, auf dem Rasen eine Antwort auf diese Niederlage zu geben. Jetzt ist sie da!", sagt Rosicky. "Diese Niederlage" war das Aus im EM-Halbfinale gegen Griechenland 2004.

Acht Jahre danach kann sich die "Narodny Tym" nach dem völlig verkorksten EM-Auftakt gegen Russland (1:4) am Dienstag in Breslau bei den Hellenen revanchieren (ab 17:45 Uhr im Live-Ticker)

Rosicky hatte 2004 die Entscheidung auf dem Fuß - er traf mit seinem Volleyschuss aber nur die Querlatte. Auch Torhüter Petr Cech und Milan Baros waren dabei, als die Griechen mit Trainer Otto Rehhagel den EM-Finaleinzug bejubelten. "Diesmal", sagt Rosicky, "sind wir bereit für Griechenland. Solche Fehler wie gegen Russland zum Auftakt werden uns nicht wieder passieren."

Das sollten sie auch nicht, denn bei einer zweiten Niederlage wäre für Tschechien wie schon 2008 das Vorrunden-Aus fast besiegelt. "Wir werden nach vorne spielen, uns nicht verstecken", verspricht Rosicky. Cech sagt: "Ich habe immer gesagt, das zweite Spiel der Vorrunde ist für mich das wichtigste. Wir müssen und werden Griechenland schlagen."

"Wir kämpfen um Platz 1"



Doch die Griechen, die als unbequemer Partygast zum Auftakt einen Punkt gegen Co-Gastgeber Polen (1:1) holten, haben schon unter Beweis gestellt, dass sie kein Punktelieferant sind. Vielmehr träumt die Mannschaft von Trainer Fernando Santos vom Einzug ins EM-Viertelfinale.

"Wir kämpfen immer noch um den ersten Platz in dieser sehr ausgeglichenen Gruppe A. Es ist noch alles möglich", sagt der griechische Nationaltrainer bei der Abschlusspressekonferenz: "Wir haben die Stärken der Tschechen ganz genau studiert und unsere Hausaufgaben gemacht. Wir sind optimal vorbereitet."

Allerdings muss Santos im zweiten Spiel der Gruppe A seine komplette Innenverteidigung umbauen. Der Bremer Sokratis ist nach seiner Gelb-Roten-Karte gesperrt, für Avraam Papadopoulos ist das Turnier nach einem Kreuzbandriss im linken Knie beendet. Für sie sollen der Schalker Kyriakos Papadopoulos und Kostas Katsouranis in die Abwehr rücken. Zudem fehlt Mittelfeldmann Georgios Fotakis (Oberschenkelverletzung).

Voraussichtliche Aufstellungen:

Griechenland: Chalkias - Torosidis, Katsouranis, K. Papadopoulos, Holebas - Maniatis, Makos, Karagounis - Salpingidis, Gekas, Samaras. Trainer: Fernando Santos

Tschechien: P. Cech - Gebre Selassie, Sivok, Kadlec, Limbersky - Jiracek, Plasil - Rezek, Rosicky, Pilar - Pekhart. Trainer: Bilek

Schiedsrichter: Stephane Lannoy (Frankreich)


Die Top-Fakten zum Spiel:

  • Direkter Vergleich: zwei Spiele - je ein Sieg und eine Niederlage

  • Griechenland und Tschechien bzw. die Tschechoslowakei trafen zwei Mal bei einer EM aufeinander, zuletzt im Halbfinale 2004: In Porto köpfte damals Traianos Dellas in der 105. Minute die Griechen mit seinem 1:0-Siegtreffer ins Endspiel (erstes und letztes "Silver Goal" der Historie).

  • Bei der EM 1980 traf im zweiten Vorrundenspiel die Tschechoslowakei in Rom auf Griechenland: Antonin Panenka, Ladislav Vizek und Zdenek Nehoda sorgten für einen 3:1-Sieg der Osteuropäer, die Griechen kamen durch Nikos Anastopoulos zum zwischenzeitlichen Ausgleich.

  • Griechenland hat nur eines der acht Länderspielduelle gegen Tschechien bzw. die Tschechoslowakei gewonnen (zwei Remis, fünf Niederlagen): eben das EM-Halbfinale 2004.

  • Das 1:4 gegen Russland zum EM-Start war Tschechiens höchste EM-Niederlage seit 1960.

  • Schon nach dem ersten Spiel hat Griechenland eine bessere Bilanz als vor vier Jahren: 2008 war der damalige Titelverteidiger der einzige Endrunden-Teilnehmer, der ohne Punkt nach Hause fuhr.

  • Tschechien schied bisher nur zwei Mal in der Vorrunde aus: 2000 und 2008. Nun droht dies zum zweiten Mal in Folge.

  • Unter ihrem portugiesischen Trainer Fernando Santos verloren die Griechen nur eines der vergangenen 22 Länderspiele (1:3 in einem Testspiel im November 2011 gegen Rumänien).

  • Griechenland hat die vergangenen drei Elfmeter alle verschossen: Karagounis gegen Polen, Samaras und Katsouranis bei der EM-Generalprobe gegen Armenien (1:0).

  • Dimitris Salpingidis schoss 2010 Griechenlands historisch erstes Tor bei einer WM (gegen Nigeria), jetzt gelang ihm als Joker das erste griechische Tor bei dieser EM.

  • Von den 14 Tschechen, die im Auftaktspiel gegen Russland zum Einsatz kamen, war nur ein einziger jünger als 25 Jahre: Vaclav Pilar.