Warschau - Cristiano Ronaldo ist wieder der Alte, ganz Portugal träumt vom ersten großen Titel - da wollte sich Raul Meireles nicht lange mit dem Viertelfinalgegner Tschechien aufhalten. "Ich habe mit Chelsea die Champions League gewonnen, obwohl uns keiner für den Favoriten hielt. Das ist jetzt genauso", sagte Ronaldos wichtigster Vorarbeiter: "Wir wollen den Finalsieg, den Traum aller Portugiesen, in Angriff nehmen."

In der Tat geht die "Seleccao" am Donnerstag als Favorit in das erste Viertelfinale in Warschau (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker), doch eigentlich sollten allein die Gedanken an die EM 1996 Meireles demütig und kleinlaut werden lassen. Damals waren Luis Figo, Rui Costa und Co. im Viertelfinale ebenfalls favorisiert - und verloren gegen Tschechien 0:1. Der legendäre Lupfer von Karel Poborsky aus vollem Lauf beendete im Villa Park von Birmingham denselben Traum, den auch heute Millionen von Portugiesen träumen.

Stimmung in Portugal schlägt um



Doch Meireles, damals gerade mal 16, lebt im Hier und Jetzt. Der bereits am ganzen Körper tätowierte Mittelfeld-Abräumer kündigte schon mal vorsorglich an, dass er als Europameister seiner Haut ein weiteres Kunstwerk hinzufügen werde. Außerdem weiß er, dass bei Ronaldo der Knoten geplatzt ist, und der ist schließlich "unser Anführer und der beste Spieler der Welt".

Durch die beiden Tore des Superstars beim überzeugenden 2:1 im letzten Gruppenspiel gegen die Niederlande hat sich die Stimmung im Land schlagartig gedreht. Die ultrakritischen Medien stimmten Lobeshymnen an - mit wenigen Ausnahmen. Die Sportzeitung "A Bola" erlaubte sich mitten im nationalen Freudentaumel, darauf hinzuweisen, dass der Sieg gegen eine Oranje-Elf geglückt sei, die "sich in einem taktischen Chaos verlor". Die Tschechen werden Portugal diesen Gefallen nicht tun. Zumindest Trainer Paulo Bento weiß das: "Wir werden uns hüten, uns vor dem Viertelfinale als Favoriten zu bezeichnen. Das wird nicht einfach werden."

Rosicky auf der Bank - Bilek beschwört Kampfgeist



Sein tschechischer Kollege Michal Bilek zeigte dagegen vor dem Viertelfinale aus Erfahrung überraschend viel Offensivgeist. "In den letzten zweieinhalb Jahren haben wir immer unsere kritischen Momente überstanden - und davon gab's eine ganze Menge", sagte der 47-Jährige. Sein Team hatte erst in den Play-off-Spielen gegen Montenegro das EM-Ticket gelöst, in die Endrunde war es mit einem 1:4 gegen Russland gestartet. Die "Sbornaja" ist mittlerweile wieder in Moskau, Tschechien steht im Viertelfinale.

Keine Frage, die Tschechen sind zäh. "Wir standen ständig unter Druck, meine Spieler haben immer gekämpft, und sie haben in den harten Spielen immer eine unglaubliche Moral bewiesen", sagte Bilek. Er muss wie schon im letzten Gruppenspiel ohne Tomas Rosicky beginnen. Teammanager Vladimir Smicer bestätigte am Donnerstagmorgen im tschechischen Fernsehsender CT, dass der 31-Jährige wegen Achillessehnenbeschwerden auf jeden Fall zunächst auf der Ersatzbank Platz nehmen wird.

Cech lobt Ronaldo und Co.



Weltklassetorwart Petr Cech, Teamkollege von Meireles bei Chelsea, setzt voll auf Understatement. Portugal gehöre zu den "zehn weltbesten Teams" und sei vor allem in der Offensive "exzellent besetzt". Ronaldo attestierte er einen "hervorragenden Schuss, ob mit links oder rechts", sowie einen ausgezeichneten Kopfball: "Er kann von überall treffen."

Fast ebenso wichtig wie ein Ronaldo in Topform ist für Portugal die Tatsache, dass Abwehrchef Pepe seine Knöchelblessur aus dem Holland-Spiel auskuriert hat und sich rechtzeitig fit meldete. "A Bola" gab erleichtert "Entwarnung". Gleich mehrere portugiesischen Zeitungen gefiel eine weitere Tatsache besonders gut: Tschechien ist in drei der letzten vier EM-Endrunden am späteren Europameister gescheitert.


Voraussichtliche Aufstellungen:

Tschechien: Cech - Gebre Selassie, Sivok, Kadlec, Limbersky - Hübschman, Plasil - Jiracek, Kolar, Pilar - Baros

Portugal: Rui Patricio - Joao Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fabio Coentrao - Raul Meireles, Miguel Veloso, Joao Moutinho - Nani, Cristiano Ronaldo - Helder Postiga


Die Top-Fakten zum Spiel

  • Beide Teams haben ihr Auftaktspiel bei dieser EM verloren und sind dann mit zwei Siegen doch noch ins Viertelfinale eingezogen. Bisher ist nur ein Land Europameister geworden, obwohl es das Auftaktspiel verloren hat: Die Niederlande 1988 in Deutschland.

  • Inklusive der aktuellen EM überstand Portugal bei allen sechs Teilnahmen die Vorrunde, darunter sind die letzten fünf Kontinental-Turniere in Folge! Seit 1996 gibt es ein EM-Viertelfinale, einzig Portugal ist seitdem immer in der Runde der letzten acht Länder vertreten.

  • Kein Land hat bei Europameisterschaften eine bessere Siegquote als die Portugiesen, 14 von 26 Spielen gewannen sie (54 Prozent, Deutschland liegt ebenfalls bei 54 Prozent). Vor vier Jahren scheiterte Portugal im Viertelfinale: 2:3 gegen Deutschland.

  • Auch bei der letzten EM sind Portugal und Tschechien aufeinander getroffen. Im zweiten Gruppenspiel behielten dabei die Portugiesen mit 3:1 die Oberhand und qualifizierten sich vorzeitig für das Viertelfinale, während die Tschechen anschließend ihr "Gruppen-Endspiel" gegen die Türkei verloren.

  • Cristiano Ronaldo war bei diesem Spiel an allen drei Toren beteiligt: ein Tor, zwei Torvorlagen. Ronaldo hat 93 Länderspiele auf dem Buckel (34 Tore), wird bei einem Einsatz nun in die Top Drei der portugiesischen Rekordspieler rücken: Rui Costa bestritt 94 Länderspiele, Fernando Couto 110 und Luis Figo 127.

  • Paolo Bento, der jüngste Trainer bei dieser EM, wurde am Mittwoch 43 Jahre alt.

  • Alle vier tschechischen Tore erzielten zwei Spieler: Wolfsburgs Petr Jiracek und der künftige "Wolf" Vaclav Pilar trafen jeweils zwei Mal.