Charkiw - "Das Trauma von München", sagt Arjen Robben, "werde ich noch mein ganzes Leben im Kopf haben". Umso wichtiger ist für den niederländischen Superstar des FC Bayern daher eine erfolgreiche EM Endrunde mit seinen Freunden - in seiner Wohlfühloase "Oranje".

"Der Titel muss das Ziel sein", sagt Robben selbstbewusst vor dem Auftaktspiel der Niederländer am Samstag (ab 17:45 Uhr im Live-Ticker) in der deutschen Gruppe B im ukrainischen Charkiw gegen Dänemark. Das Duell ist nur Teil eins der Traumabewältigung: Nach zwei verlorenen Champions-League-Endspielen und der Niederlage im WM-Finale gegen Spanien ist Robben reif für einen großen Titel.

"Unser wichtigstes Spiel"



Bundesliga-Torschützenkönig Klaas-Jan Huntelaar von Schalke 04 ist von Robbens starkem Nervenkostüm überzeugt. Auf die Frage, ob der Bayern-Star nach seinem Trauma aus dem Champions-League-Finale am Mittwoch im Klassiker gegen das DFB-Team einen Elfmeter schießen würde, sagte Huntelaar im "SPORT1"-Interview: "Kann sein. Wenn es gegen die Deutschen geht, dann ist Arjen so cool und wird sich den Ball zum Elfmeterpunkt hinlegen und schießen. Davon bin ich überzeugt."

Erster Prüfstein für die Ambitionen der Niederländer ist Dänemark - ein nicht zu unterschätzender Außenseiter in der "Todesgruppe" B. "Es ist das erste Spiel. Für mich ist es das wichtigste von allen. Schon kurz nach der Auslosung habe ich gesagt, dass dies unser wichtigstes Spiel sein wird, und das ist es noch immer", sagte Bondscoach Bert van Marwijk: "Ich kann es nicht ändern, dass wir in der Todesgruppe spielen. Aber das Gute ist, dass wir von Anfang an voll konzentriert sein werden."

Huntelaar und andere Probleme



Der ehemalige Dortmund-Coach strahlt vor dem Turnierstart die nötige Souveränität und Gelassenheit aus, um seine Starauswahl auf Kurs zu bringen. Die schwelenden Konflikte in der erstklassig besetzten Offensive erstickte van Marwijk im Keim, sehr zum Leidwesen von Klaas-Jan Huntelaar und dem ehemaligen Hamburger Mittelfeldstar Rafael van der Vaart.

Beide werden erst mal auf der Bank sitzen, weil Englands "Spieler des Jahres" Robin van Persie vom FC Arsenal und Inter Mailands Mittelfeldstratege Wesley Sneijder die Nase vorn haben. "Das heißt aber nicht, dass Huntelaar während des gesamten Turniers Ersatzstürmer ist und nie in der Startelf stehen wird", sagte van Marwijk, der geschickt den Konkurrenzkampf schürt.

Gründlich die Laune verhagelt hat den Niederländern neben dem verletzungsbedingten Ausfall des Innenverteidigers Joris Mathijsen (Oberschenkelzerrung), die Beleidigungen während des Trainings in Krakau am Mittwoch. "Wir haben alle die Affenlaute gehört", sagte Kapitän Mark van Bommel der Zeitung "De Telegraaf": "Wir können das nicht akzeptieren." Van Marwijk hatte das Training auf die andere Seite des Platzes verlegt, die Europäische Fußball-Union UEFA am Tag danach den Vorfall dementiert.

"Wäre lieber Favorit"



Die Dänen von Trainerlegende Morten Olsen hoffen ein bisschen auf niederländische Lässigkeit. "Wenn die Niederländer mit dem Glauben ins Spiel gehen, dass es schon laufen wird, ist das etwas arrogant. Sie sollten keinen Gegner unterschätzen. Das kostet schnell mal zehn Prozent vom Fokus. Hoffentlich können wir davon profitieren", sagte Dennis Rommedahl, mit 116 Länderspielen der erfahrenste Spieler von "Danish Dynamite".

Ganz nüchtern sieht Olsen die Situation seines Teams. "Ich wäre natürlich lieber Favorit, aber dem ist nicht so. Dänemark ist kein Favorit, das ist einfach so", sagte Olsen "fifa.com".

van Bommel ohne Angst



Entsprechend lautet das Motto des Europameisters von 1992, der auf seinen verletzten Stammtorhüter Thomas Sörensen verzichten muss, wie folgt: "Wir wollen, die anderen müssen weiter."

Einen entsprechend defensiv eingestellten Gegner erwartet deshalb van Bommel. "Sie werden tief stehen, so wie fast jede Mannschaft gegen uns. Aber das macht uns nichts", sagte der ehemalige Bayern-Spieler selbstbewusst. Wohlwissend, dass vor allem Arjen Robben darauf brennt, seinen Kopf und sein Herz mit positiven Erlebnissen zu erfreuen.


Voraussichtliche Aufstellungen:

Niederlande: Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Vlaar, Willems - van Bommel, N. de Jong - Robben, Sneijder, Afellay - van Persie. Trainer: van Marwijk

Dänemark: S. Andersen - Jacobsen, Kjaer, Agger, S. Poulsen - Kvist, Zimling - Rommedahl, Eriksen, Krohn-Dehli - Bendtner. Trainer: Olsen

Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien)


Die Top-Fakten zum Spiel:

  • Direkter Vergleich: 29 Spiele - 12 Siege, 10 Unentschieden, 7 Niederlagen, 40:58 Tore

  • Die Niederlande und Dänemark trafen auch bei der WM 2010 am ersten Gruppenspieltag aufeinander, die Skandinavier verloren damals mit 0:2

  • Jenes 2:0 vor zwei Jahren war auch das letzte Länderspiel der beiden Teams gegeneinander - die Torschützen waren damals Daniel Agger per Eigentor und Dirk Kuyt

  • Dänemark gewann zuletzt am 4. Oktober 1967 ein Länderspiel gegen die Niederlande (3:2 in Kopenhagen) - in den seitherigen acht Duellen gab es fünf Remis und drei Niederlagen

  • Zum dritten Mal treffen die beiden Teams bei einer EM-Endrunde aufeinander: 1992 setzten sich die Dänen im Halbfinale im Elfmeterschießen durch (2:2 n. V.), 2000 gewann die Niederlande das Gruppenspiel mit 3:0

  • Jubiläum für Bert van Marwijk: Er sitzt zum 50. Mal auf der niederländischen Trainerbank

  • Beide Länder wurden schon ein Mal Europameister: die Niederlande 1988 in Deutschland, Dänemark 1992 bei der Endrunde in Schweden

  • Keine andere Nation kassierte bei EM-Endrunden so viele Niederlagen wie Dänemark (zwölf, in 24 Spielen)

  • Die Niederlande schossen bei EM-Endrunden 55 Tore - das wird von keinem anderen Land übertroffen

  • Auch in der EM-Qualifikation waren die Niederländer mit 37 Treffern das torhungrigste Team, und mit dem 6:0 im letzten Testspiel gegen Nordirland stellte die Elftal ihre Offensivstärke noch einmal eindrucksvoll unter Beweis

  • Teamkollegen: Dänemarks Spielmacher Christian Eriksen und der niederländische Rechtsverteidiger Gregory van der Wiel spielen beide bei Ajax Amsterdam