München - Nach vier Spieltagen in der Bundesliga hat Bayern München wieder die Tabellenführung vor Schalke 04 und Werder Bremen übernommen. Vor allem die starke Bayern-Defensive wird überall gelobt. Etwas verfrüht, wie Weltmeister Thomas Berthold, der früher selbst in der Bayern-Abwehr spielte, im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de findet. Denn bislang haben die Münchener noch gar keine echte Prüfung meistern müssen.

bundesliga.de: Herr Berthold, die Fachleute sind im Moment voll des Lobes für die starke Defensive des FC Bayern, die in dieser Saison in sieben Pflichtspielen erst ein Gegentor bekommen hat. Wie stark schätzen Sie den Abwehrverbund der Münchner ein?

Thomas Berthold: Ich bin da noch etwas skeptisch, da die Münchner bislang noch nicht auf die hochkarätigen Gegner getroffen sind. Bei allem Respekt vor Borussia Mönchengladbach, dem VfL Wolfsburg, dem Hamburger SV und dem 1. FC Kaiserslautern sowie im Pokal Eintracht Braunschweig und in der Champions-League-Qualifikation dem FC Zürich, die richtigen Herausforderungen warten noch auf den FC Bayern.

bundesliga.de: Sie denken dabei sicherlich an die schweren Aufgaben der Bayern in der Champions League?

Berthold: Genau. In der Champions League haben die Bayern mit Manchester City, dem FC Villareal und dem SSC Neapel eine schwere Gruppe zugelost bekommen. Das wird nicht einfach. Und dann wird sich zeigen, ob die Defensive internationalen Ansprüchen gerecht wird. International braucht man eine Viererkette, in der jeder Spieler auf einem Topniveau ist. Bei den Bayern wird Philipp Lahm diesem Anspruch gerecht. Immerhin konnten die Innenverteidigung mit Holger Badstuber und Daniel van Buyten und Jerome Boateng auf der rechten Seite in Kaiserslautern überzeugen.

bundesliga.de: Aber die Bayern haben mit den Transfers von Torhüter Manuel Neuer und den Defensivspielern Jerome Boateng und Rafinha gerade die Defensive verstärkt. Reicht das nicht?

Berthold: Der Ansatz von Trainer Jupp Heynckes, die Defensive zu stärken, ist richtig. Die Balance zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld muss stimmen. Aber vielleicht müssten die Bayern einmal darüber nachdenken, richtig viel Geld für einen richtig guten Innverteidiger in die Hand zu nehmen, der dann auch 30 bis 35 Millionen Euro kosten würde. Ich denke da an Spieler wie Thiago Silva vom AC Mailand oder Gerard Pique vom FC Barcelona, die für mich derzeit besten Innenverteidiger.

bundesliga.de: Die Bundesliga macht jetzt wegen der Länderspiele eine Pause. Wie fällt Ihr erstes Zwischenfazit aus?

Berthold: Nach vier Spieltagen in der Bundesliga ist es zwar noch etwas früh, ein Zwischenfazit zu ziehen. Aber erste Trends sind erkennbar. Positiv aufgefallen ist mir Borussia Mönchengladbach, das einen guten Start erwischt hat. Dort leistet Lucien Favre eine sehr gute Arbeit, die Mannschaft ist taktisch richtig gut eingestellt. Auch Mainz oder Hannover haben wieder positiv auf sich aufmerksam gemacht. Und etwas überraschend kommt für mich das bisher positive Abschneiden von Werder Bremen und Schalke 04. Allerdings muss man nach vier Spieltagen auch immer darauf schauen, gegen wen die Mannschaften ihre Punkte geholt haben. Mit einigen Teams hat es der Spielplan bislang ganz gut gemeint.

bundesliga.de: Wer konnte bislang aus Ihrer Sicht noch nicht überzeugen?

Berthold: Ich hätte nicht gedacht, dass der VfL Wolfsburg sich so schwer tut. Nach dem Schlussspurt der letzten Saison hatte ich erwartet, dass die Mannschaft die Kurve gekriegt hat. Bei Bayer Leverkusen wundert mich, dass sie derzeit Probleme in der Offensive haben, denn die ist gut besetzt und hat Qualität. Ich hätte eher mit ein paar Schwierigkeiten in der Innenverteidigung gerechnet. Nicht überraschend sind für mich dagegen die Startprobleme von Teams wie Kaiserslautern oder dem HSV, die sich im Umbruch befinden.

bundesliga.de: Abschlussfrage: Wer ist Ihr großer Titelfavorit?

Berthold: Ich gehe davon aus, dass es zu einem Zweikampf zwischen Bayern München und Borussia Dortmund kommen wird. Das sind die Vereine, die qualitativ die besten Mannschaftskader haben, wobei der Kader der Münchener in der Breite etwas besser aufgestellt ist als der der Dortmunder. Beim BVB ist ein Spieler wie Lucas Barrios nicht zu ersetzen. Sein Fehlen in den ersten Wochen merkt man.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski