2003 wechselte Giovane Elber vom FC Bayern München zu Olympique Lyon und spielte eineinhalb Jahre für die Franzosen. Am Mittwoch treffen seine Ex-Vereine im abschließenden Gruppenspiel der Champions League aufeinander (ab 20:30 im Live-Ticker!).

Im Interview mit bundesliga.de spricht der Brasilianer über die Stärken Lyons und den "neuen Zidane" Frankreichs. Er erinnert sich auch an die legendäre Wutrede von Franz Beckenbauer und die Umstände seines damaligen Wechsels nach Lyon. Außerdem verrät er, warum er dem FC Bayern sogar den Titelgewinn in der "Königsklasse" zutraut.

bundesliga.de: Herr Elber, der FC Bayern hat das Spitzenspiel gegen Hoffenheim gewonnen, ist seit zehn Bundesliga-Spielen in Folge ungeschlagen. Trägt das System von Trainer Jürgen Klinsmann langsam Früchte?

Giovane Elber: Ja, das kann man so sagen. Aber das ist auch ganz normal. Klinsmann kam als neuer Trainer zu einem Verein, bei dem Siege Pflicht sind. Er hat ganz neue Methoden und einen Trainerstab von sechs, sieben Leuten installiert. Da verliert man als Spieler ein bisschen den Überblick. Der Trainer hat zwar auch schon zu Saisonbeginn klare Ansagen gemacht, aber als Spieler weiß man zu Anfang nicht genau, wer bei welchen Sachen das Sagen hat. Aber Jürgen hat sich durchgesetzt und gezeigt, dass man mit seinen neuen Methoden, zum Beispiel auch nach dem Training mit den Spielern zu arbeiten, erfolgreich sein kann. Er hat das klasse gemacht.

bundesliga.de: Welche Veränderungen haben Sie auf dem Spielfeld festgestellt?

Elber: Die Mannschaft ist ruhiger geworden. Am Anfang der Saison - und auch noch vor drei Wochen beim 2:2 in Mönchengladbach - war es so, dass man trotz einer Führung weiter nach vorne gespielt hat, um das dritte, vierte, fünfte Tor zu machen. Für die Zuschauer ist das schön, die wollen viele Tore sehen. Aber wenn man, wie in Gladbach, auswärts mit 2:0 führt, sollte man sich lieber darauf konzentrieren, defensiv gut zu stehen. Die Spieler haben jetzt kapiert, dass nicht nur Schönheitsfußball zählt, sondern dass man auch ergebnisorientiert spielen und dem Trainer zuhören muss. Deswegen läuft es jetzt besser.

bundesliga.de: Die nächste Aufgabe heißt Olympique Lyon. Sie haben selbst von August 2003 bis Ende Januar 2005 bei Lyon gespielt. Wie kam es damals zu dem Wechsel?

Elber: Nach dem Spiel gegen den HSV in der Saison 2003/04 (4. Spieltag, 2:0 für Bayern, Anmerk. d. Red.) hat der Manager Uli Hoeneß noch zu mir gesagt, Giovane, du bleibst noch eine Saison hier, auch wenn wir neben dir noch drei weitere Mittelstürmer haben. Für mich war damit alles erledigt. Aber 24 Stunden später bekam ich einen Anruf, ich solle doch zur Geschäftstelle kommen, um mit Verantwortlichen des AS Monaco zu verhandeln. Da habe ich mir schon gedacht, dass die Aussage von Hoeneß nicht ernst gemeint war und der FC Bayern wollte, dass ich gehe.

bundesliga.de: Statt nach Monaco gingen Sie aber zu Lyon. Warum?

Elber: Ich habe mit dem Manager von Monaco gesprochen und eigentlich war schon alles klar zwischen uns und den Vereinen. Aber schlussendlich hat es nicht geklappt wegen irgendeiner Vorschrift der UEFA. Drei, vier Stunden später kam dann der Anruf von Lyon. Sie hätten gehört, dass es mit Monaco nicht klappt, und sie wollten mich unbedingt haben. Sie wollten eine gute Mannschaft aufbauen, die auch in der Champions League mithalten kann. Da mein Entschluss zu gehen schon feststand, habe ich dann in Lyon unterschrieben.

bundesliga.de: Wie wird dort gearbeitet, etwa im Vergleich zum FC Bayern?

Elber: Als ich dort gespielt habe, war das Arbeiten ziemlich unprofessionell. Sie waren zwar schon Meister geworden, aber die Bedingungen waren nicht zu vergleichen mit dem FC Bayern. Der ist das Maß aller Dinge. Aber auch im Vergleich zum VfB Stuttgart, wo ich vorher gespielt hatte, war es in Lyon unprofessionell. Ich habe schnell gemerkt, oh, das wird schwierig hier! Die Geräte im Kraftraum waren uralt. Einige Übungen, die man im Fußball eigentlich nicht mehr macht, waren dort gang und gäbe. Es war schon sehr komisch. Aber jetzt, nach den sieben Meisterschaften in Folge, geht es dort sehr professionell zu. Es würde mich nicht wundern, wenn Lyon in zwei, drei Jahren die Champions League gewinnt. Der Präsident Jean-Michel Aulas ist ein Fuchs, und er arbeitet sehr hart daran, ins Finale der "Königsklasse" zu kommen. Sie sind seit acht Jahren in Folge in der Champions League dabei und wissen daher, wie man dort spielen muss. Beim 1:1 im Hinspiel bei den Bayern hat man gesehen, dass sie eine brandgefährliche Mannschaft sind.

bundesliga.de: Können Sie die Spielphilosophie der Franzosen beschreiben?

Elber: Sie spielen aus einer guten Abwehr heraus mit dem Brasilianer Cris, der früher in Leverkusen gespielt hat und auch schon in der Nationalmannschaft gewesen ist. Allerdings war er lange Zeit verletzt, ist derzeit nicht in Topform und pendelt zwischen Ersatzbank und Startformation. Im Mittelfeld ist Juninho die bestimmende Person, seine Standards sind immer brandgefährlich. Und im Sturm spielt Karim Benzema, das ist der neue Zidane Frankreichs. Ein unheimlich guter Fußballer, der viele Tore schießt. Real Madrid hat schon ein Auge auf ihn geworfen, aber Lyon will ihn nicht verkaufen. Außerdem haben sie vorne noch Fred, und über die rechte Seite kommt Sidney Govou, der unheimlich schnell ist und geradlinig in Richtung Tor vorstößt. Die Bayern müssen also aufpassen.

bundesliga.de: Juninho und Cris sind allerdings gesperrt, Benzema ist angeschlagen und könnte für das Spitzenspiel gegen den Tabellenzweiten Olympique Marseille geschont werden.

Elber: Das ist sehr gut für den FC Bayern, dass diese Spieler nicht dabei sind. Trotzdem hat Lyon auch ohne sie eine gute Mannschaft, die Münchener müssen aufpassen. Es kann gut sein, dass Spieler, die man vorher überhaupt nicht auf der Rechnung hatte, reinkommen und das Spiel entscheiden.

bundesliga.de: In der Ligue 1 holte Lyon aus den drei letzten Spielen nur einen Punkt, am vergangenen Wochenende verlor Olympique mit 1:2 gegen Nantes. Sind die Franzosen derzeit in einem Formtief?

Elber: Das glaube ich nicht. Vielleicht hatten sie schon zu sehr das Champions-League-Spiel im Kopf, da sie unbedingt Gruppenerster werden wollen. Ihr großes Ziel lautet, ins Finale zu kommen. Das war schon zu meiner Zeit so, dass der Präsident gesagt hat: "Leute, wir wollen ganz oben stehen." 2004 kamen wir ins Viertelfinale, aber jetzt gibt man sich in Lyon damit nicht mehr zufrieden, sie wollen ins Endspiel.

bundesliga.de: Dem FC Bayern reicht - bis auf ein 0:0 - ein Unentschieden für den Gruppensieg. Glauben Sie, dass Klinsmann trotzdem auf Sieg spielen lässt?

Elber: Ja, davon gehe ich aus. Der FC Bayern kommt nie auf den Platz, um unentschieden zu spielen, sondern versucht immer, das Spiel zu gewinnen. Ein 0:0 wird es bestimmt nicht geben, denn Lyon ist immer gut für ein Tor. Und der FC Bayern hat auch schon gezeigt, dass er Tore schießen kann.

bundesliga.de: In der Liga hat Lyon schon zehn Mal zu Null gespielt. Wie kann Bayern diesen Riegel überwinden?

Elber: Mit Franck Ribery! Er ist der beste Spieler in Deutschland und wird die Abwehr schon knacken. Mit kurzen, schnellen Doppelpässen kann man die Viererkette von Lyon überlisten.

bundesliga.de: 2001 gab es eine herbe 0:3-Niederlage und eine anschließende Wutrede von Franz Beckenbauer. Erinnern Sie sich noch daran?

Elber: Ja klar, das kann man nicht vergessen! Aber es war ganz wichtig, dass Franz das gemacht hat. Wir haben damals in diesem Spiel geschlafen und Lyon unterschätzt, denn sie waren zu der Zeit noch nicht so bekannt. Wir dachten, wir könnten mit halber Kraft dort gewinnen. Aber wir hatten überhaupt keine Torchance, verloren das Spiel und dann kam Franz mit seiner Rede.

bundesliga.de: In der damaligen Saison gewannen Sie am Ende die Champions-League-Trophäe. Trauen Sie dem aktuellen FCB solch einen Erfolg zu?

Elber: Ja! 2001 hatte auch keiner den FC Bayern auf der Rechnung, alle haben nur auf Barcelona, Manchester United oder Real Madrid geschaut. Dann haben wir Manchester und Madrid geschlagen und standen plötzlich im Finale. Das könnte in dieser Saison auch passieren.

Das Gespräch führte Denis Huber