Hamburg - "Abhaken", "Vergessen", "Zurück auf Start"... so oder ähnlich fielen die Reaktionen im Kreise des Hamburger SV nach dem 0:8-Debakel bei Bayern München, der höchsten Niederlage in der langen Bundesliga-Geschichte der "Dinos", aus.

"Das gelang nicht ganz", wie Josef Zinnbauer zugeben musste. Die Stimmung im Training sei "zu Wochenbeginn" schon "ein bisschen gedrückt gewesen". Das wollte der Coach nicht noch forcieren. Die nach jedem Spiel übliche ausführliche Video-Analyse ersparte der 44-Jährige seinen Spielern ebenso wie Einzelkritiken oder einen Rundumschlag gegen die Mannschaft.

"Nicht mit dem Hammer draufhauen"

"Ich werde jetzt nicht auf die Mannschaft einprügeln, ich mache auch kein Straftraining. Diese Mannschaft hat zuletzt viel Zeit investiert, wir können jetzt nicht noch mal die Trainingsintensität hochfahren und mit dem Hammer draufhauen", so Zinnbauer und forderte einen Druck auf die Rest-Taste: "Wir müssen wieder da anfangen, wo wir vor dem Bayern-Spiel waren."

"Nach der letzten Klatsche gegen Bayern und den dann ergriffenen Maßnahmen wurde meines Wissens nach wieder verloren", erinnert der Coach an das 3:4 gegen den 1. FC Köln 2011 nach einem 0:5 bei den Bayern und dem 0:1 gegen Freiburg nach der bis letzte Woche geltenden 2:9-Rekord-Klatsche in der Allianz Arena 2013.

"Nicht Einzelne tragen Schuld, sondern die ganze Mannschaft, inklusive meiner Person", gestand der Coach eigene Fehler ein. "Wir müssen alle alles anders machen, der Trainer mit eingeschlossen."

Gleich sieben Neue gegen Gladbach

Zinnbauer ließ seinen Worten Taten folgen und machte in der Tat vieles anders. Nur vier Verlierer aus der Münchner Elf standen am Sonntag in der Startformation. Ein Blick auf die Aufstellung verriet: In der Imtech Arena war Abstiegskampf angesagt. Das technische Element spielte kaum eine Rolle.

Obwohl sich nach dem langzeitverletzten Valon Behrami im Abschlusstraining auch noch dessen im Winter verpflichteter Ersatz Marcelo Díaz schwer verletzte, musste Kapitän Rafael van der Vaart auf der Bank Platz nehmen. Petr Jiracek und Gojko Kacar sollten im Mittelfeld Beton anrühren. "Wir wollten defensiver spielen", erklärte Zinnbauer nach dem 1:1 gegen Mönchengladbach die Maßnahme. "Rafa ist ein Profi, er hat das voll akzeptiert."

Auch den nächsten Schock steckten die Gastgeber weg. bereits nach 25 Minuten musste Angreifer Ivica Olic verletzungsbedingt passen. Trotz aller Rückschläge: Die Defensivtaktik ging auf - bis in die Nachspielzeit. Da zerstörte der erst gut zehn Minuten zuvor eingewechselte Branimir Hrgota mit einem Kopfballtor den Traum der Hamburger vom Sprung auf Rang 11.

Favre: "Der HSV hat besser gespielt als wir"

"Wenn man mir vor dem Spiel ein 1:1 angeboten hätte, hätte ich das sofort angenommen", so Zinnbauer. So aber "gingen die Köpfe ein bisschen nach unten", beschrieb der Coach auf der Pressekonferenz nach dem Spiel die Stimmung in der Kabine. ()

Die Spielanalyse seiner Mannschaft hatte ihm sein Gegenüber Lucien Favre zu diesem Zeitpunkt bereits abgenommen. "Das war schwer für uns, Hamburg war sehr aggressiv, sehr gut organisiert, hat gutes Pressing gespielt. Der HSV hat besser gespielt als wir. Hamburg hat gekämpft und ist viel gelaufen", so der Trainer von Borussia Mönchengladbach anerkennend. "Dem ist nichts hinzuzufügen", nahm Zinnbauer das Lob an. "Wir sind von Minute zu Minute besser ins Spiel gekommen. Die Mannschaft wollte was beweisen."

"Wollten eine Reaktion zeigen"

"Wir wollten eine Reaktion zeigen", beschrieb Zoltan Stieber, der den HSV 16 Minuten vor Ende der Partie in Führung gebracht hatte, die Stimmung im Team. "Ich denke, das ist uns gelungen. Wir haben gut gespielt und auch kämpferisch überzeugt. Vielleicht haben wir nächste Woche wieder mehr Glück."

Auf Glück allein will Johan Djourou nicht bauen. "Wir haben eine gute Reaktion gezeigt und eine sehr gute Leistung gebracht. Wir haben viel gekämpft, aber auch gut Fußball gespielt. So müssen wir weiter machen." Nicht nur für den Abwehrchef ist die Bayern-Pleite abgehakt.

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs