Berlin - Solch einen Presseauflauf gab es im Medienraum der Geschäftsstelle von Hertha BSC, wenige Hundert Meter vom Olympiastadion entfernt, lange nicht mehr. Zur Vorstellung von Otto Rehhagel als neuen Cheftrainer des abstiegsbedrohten Berliner Bundesligisten platzt der Saal aus allen Nähten.

Am frühen Sonntagnachmittag um Viertel nach Eins betritt Hertha-Pressesprecher Peter Bohmbach zusammen mit Sportdirektor Michael Preetz und Rehhagel den Raum. Sie sehen sich einer ganzen Armee von Presseleuten gegenüber. Mehr als 15 Fotografen und ein gutes Dutzend Kamerateams lassen ihnen kaum ein Durchkommen. Erst nach einem mehrminütigen Blitzlichtgewitter sieht Bohmbach die Chance, mit der Pressekonferenz zu beginnen.

"Kind der Bundesliga"

Kein Zweifel: Das Medieninteresse an Rehhagels Rückkehr, von den Medien nach dem Europameistertitel mit Griechenland 2004 zum "Rehhakles" umgetauft, an die Spree ist riesig. Hier hatte der heute 73-Jährige vor fast einem halben Jahrhundert als Spieler seine Bundesliga-Karriere begonnen.

Inzwischen gilt er als "Kind der Bundesliga" par excellence, obwohl er seit elfeinhalb Jahren nicht mehr in der obersten Spielklasse tätig war. Zunächst beschreibt Michael Preetz noch einmal, wie er Mitte der Woche bei dem Fußballlehrer angefragt und bis zu dessen Zusage am Freitag gebangt hatte. "Wir freuen uns sehr, dass Otto Rehhagel uns in dieser schwierigen Situation zur Seite stehen wird", sagt der Hertha-Sportchef.

Rhetorik-Altmeister Rehhagel

Dann macht Preetz die Bahn frei für Rhetorik-Altmeister Rehhagel. Berlin und die Bundesliga bedeuteten ihm noch immer einen besonderen Reiz, sagt der. "Ich habe früher hier gespielt", erinnert der ehemalige Verteidiger, der von 1963 bis 1966 bei Hertha unter Vertrag stand, "deswegen ist Berlin ein besonderer Ort für mich, deshalb will ich, dass Hertha in der Bundesliga bleibt".

Als die Anfrage kam, jetzt als Cheftrainer die "Alte Dame" vor dem Abstieg zu bewahren, habe er sich nur kurz mit seiner Frau Beate und seinem Sohn Jens beraten müssen. "Eine Nacht habe ich überlegt und mir dann gesagt: Du macht es", erzählt der Bundesliga-Rekordtrainer (820 Spiele). Er verweist dabei auch auf das "wunderbare Stadion", in dem er einst mit seinem Teams zu insgesamt vier DFB-Pokalendspielen antrat.

Mission: Klassenerhalt

"Die Mannschaft ist in großen Schwierigkeiten und braucht Hilfe", ist sich der Altmeister der Aufgabe bewusst. Er wolle zwar seine große Erfahrung einbringen, doch könne er die Tore nicht selber schießen, nimmt Rehhagel sogleich seine Spieler in die Pflicht. Die müssten jetzt alle anderen Dinge beiseite stellen und sich "Tag und Nacht auf ihre Aufgaben" konzentrieren.

Es gebe noch zwölf Spiele, da müsse man wissen, was das einzig Wichtige sei: "Der Klassenerhalt". Den könne man nur "gemeinsam schaffen", indem "alle ihr Ego hinten anstellen". Er verstehe sich zwar als "Spiritus Rector" des Trainerteams, werde aber die Arbeit auf dem Trainingsplatz weitgehend seinen jungen Assistenten Rene Tretschok und Ante Covic überlassen, sagt der gebürtige Essener, der mit Werder Bremen und dem 1. FC Kaiserslautern dreimal Deutscher Meister wurde.

Tretschok und Covic hatten am Samstag bei der als Interimsgespann die Verantwortung getragen. Bei dem Spiel, das Rehhagel sich im Fernsehen anschaute, habe er gute Ansätze gesehen. Wichtig sei ihm, dass die Spieler sich ihrer Verantwortung bewusst seien. Anders als etwa beim Pokalaus gegen Mönchengladbach - für das Rehhagel beispielsweise bei Roman Hubnik wegen dessen umstrittenen Platzverweises eine Mitschuld sieht.

Spieler in der Verantwortung

"Die Spieler sind es, die die Freistöße schießen müssen und die Eckbälle", sagt Rehhagel und sieht dabei einen Journalisten in der ersten Reihe an: "Oder können Sie Eckbälle schießen?" Als der bejaht, erwarten viele Reporter eine rhetorische Ohrfeige für den Kollegen, doch Rehhagel lädt ihn bloß im Spaß zum Training ein, um dessen Können zu testen.

Keine Frage: Der 73-Jährige wirkt ein wenig altersmilde, vermittelt aber einen unglaublich konzentrierten Eindruck. Er weiß, welch schweren Aufgaben auf ihn warten. "Noch stehen drei Mannschaften hinter uns", weiß Rehhagel - und macht klar, dass das so bleiben soll.

Altersmilde ja, aber nicht altersmüde. "Ich bin gesund, ich bin fit, ich kenn' mich aus im Fußball", strotzt Rehhagel vor Tatkraft. Doch bei der Frage, warum er die Hertha nicht über den Sommer hinaus trainieren will, weicht er lieber aus. Alle Konzentration gelte jetzt dem Spiel bei Abstiegskonkurrent Augsburg am kommenden Samstag. So endet die Pressekonferenz nach gerade einmal einer Viertelstunde, wie sie begonnen hat: unter heftigem Blitzlichtgewitter.

Aus Berlin berichtet Andre Anchuelo