München - Otto Rehhagel gilt als Liebhaber der schönen Künste, schmökert gerne in den deutschen Literaturklassikern und zitiert Johann Wolfgang von Goethe unfallfrei. Sollte er in diesen Tagen in den Werken von Friedrich Schiller blättern, dürfte er eine überraschende Parallele zu seinem eigenen Wirken erkennen. Am Ende des Dramas "Die Räuber" ersticht der Protagonist Karl Moor seine Herzensdame Amalia auf deren Geheiß ("Tod ist meine Bitte nur"). Ein ähnliches Schicksal droht dem Hertha-Coach nun mit seiner alten Liebe, dem 1. FC Kaiserslautern.

Die Ausgangslage ist klar: Rehhagel, der 1998 die Pfälzer zum bislang letzten Titelgewinn führte, empfängt am Samstag mit seinen Berlinern die "Roten Teufel" - und könnte seinem ehemaligen Club den metaphorischen Todesstoß versetzen. Sprich: Bereits bei einem Unentschieden wäre der 1. FC Kaiserslautern nicht mehr zu retten und würde vorzeitig absteigen.

Auch Daum und "Toppi" steckten in der Bredouille



Im Laufe der knapp 50-jährigen Bundesliga-Geschichte gab es erst zwei Mal eine ähnliche Konstellation: In der Saison 1997/98 holte Christoph Daum mit Bayer Leverkusen am 34. Spieltag ein 2:2 bei seinem Ex-Club 1. FC Köln, der dadurch den Klassenerhalt verpasste. Ähnliches widerfuhr Klaus Toppmöller am 34. Spieltag der Spielzeit 2003/04, als er mit dem HSV 2:1 gegen Eintracht Frankfurt gewann und seinen ehemaligen Verein damit in die 2. Bundesliga schickte.

Allzu viel wird sich Rehhagel mit diesem Dilemma jedoch nicht beschäftigen - denn die "Alte Dame" hat selbst große Probleme, die Klasse zu halten: Aktuell liegt Hertha BSC auf Platz 17, einen Zähler hinter dem Relegationsplatz. Ein Blick auf die Historie macht nicht nur dem FCK, sondern auch den Berlinern wenig Mut: Bisher gab es elf Mal an den letzten drei Spieltagen einer Saison das Aufeinandertreffen des Tabellenletzten gegen den Vorletzten - und nur ein einziges Mal konnte sich eines der beiden Teams noch retten: Dortmund schaffte es in der Saison 1968/69 dank eines 3:0-Sieges gegen Kickers Offenbach, dem (Abstiegs)-Tod von der Schippe zu springen.

Rehhagel fordert Unterstützung der Fans



Doch während sich der 1. FC Kaiserslautern schon mit der Planung der neuen Zweitligasaison beschäftigt, schöpfen die Herthaner nach wie vor Mut, zumindest den Relegationsplatz zu erreichen. "Die Mannschaft weiß, worum es geht", ist sich Peter Niemeyer sicher. "Das ist das wichtigste Spiel überhaupt, da gibt es kein 'hätten wir doch'. Das ist unsere letzte Chance, einen Befreiungsschlag zu landen. Samstag muss der Kessel brennen."

Dass das Rehhagel-Team durchaus noch an seine Chance glaubt, war nicht zuletzt beim 3:3 in Leverkusen zu sehen, wo die Berliner trotz Unterzahl einen 0.2-Rückstand umbogen. "Unsere Heimbilanz ist nicht die beste. Aber wir wollen unbedingt gewinnen. Wir nehmen die zweite Halbzeit aus Leverkusen mit und die großartigen letzten 30 Minuten", hofft Hertha-Manager Michael Preetz.

Und gegen die "Roten Teufel" sollen nun auch die Anhänger ihr Team zum Sieg schreien. "Alle Berliner müssen uns jetzt die Daumen drücken. Ich hoffe am Samstag auf 60.000 Zuschauer", sagt Rehhagel. "Die Fans müssen uns tragen, damit wir das Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern gewinnen." Niemeyer wirbt ebenfalls offensiv um die Unterstützung. "In den knapp zwei Jahren, die ich hier bin, waren Mannschaft und Fans fast immer eine Einheit. Und wenn die Fans mal ihren Unmut kundgetan haben, wie gegen Bremen - ich fand das genial."

Herthas Lazarett lichtet sich



Gute Nachrichten gibt es derweil auf dem Lazarett: Die zuletzt angeschlagenen Christian Lell, Adrian Ramos, Änis Ben-Hatira und Andreas Ottl sind am Mittwoch wieder ins Mannschaftstraining einstiegen. Christoph Janker (Leistenprobleme), Alfredo Morales (Wadenverletzung), Roman Hubnik (Außenbandeinriss im Knöchel) und Pierre-Michel Lasogga (muskuläre Probleme) lecken weiter ihre Wunden, könnten nach Vereinsangaben jedoch ebenfalls am Samstag einsatzfährig sein.

Definitiv fehlen wird Levan Kobiashvili, der nach seiner Roten Karte in Leverkusen für zwei Spiele gesperrt ist. Doch auch ohne den Außenverteidiger gibt Torhüter Thomas Kraft das Motto vor dem "Spiel der Spiele" (Rehhagel) aus: "Wir dürfen auf keinen Fall abwartend spielen, sondern müssen von der ersten Minute an agieren."

Und wenn "König Otto" am Ende der 90 Minuten seiner alte Liebe wirklich den Todesstoß versetzt, dann gäbe es doch noch einen gravierenden Unterschied zu Schillers Räuber. Denn während Karl Moor die Folgen seines Handelns ausbaden muss und sich der Justiz stellt, hätte der Protagonist aus der Neuzeit weniger Gewissensbisse: "Das spielt für mich keine Rolle. Für uns geht es um alles."

Johannes Fischer