München - Es gibt Spieler, die brechen einen Sprint vorzeitig ab - im Glauben, den Ball nicht mehr erreichen zu können. Und es gibt Thomas Müller. Im Spiel gegen den Hamburger SV läuft die 42. Minute, als der Weltmeister einen zu lang geratenen Steilpass mit einem Antritt von der Grundlinie kratzt und zu Douglas Costa zurücklegt. Weil erst Robert Lewandowski Costas geblockten Torschuss verwertet, gilt Müller formal nicht als Vorbereiter. Sein Wert für den FC Bayern München geht über das hinaus, was sich statistisch erfassen lässt.

>>> Jetzt mitmachen beim Bundesliga Fantasy Manager

Eine Zahl liefert dennoch einen Hinweis darauf, warum Trainer Carlo Ancelotti ausgerechnet Müller nach dem 8:0-Torfestival gegen den HSV als "Schlüssel zu diesem Sieg" bezeichnete: 11,07 - mehr Kilometer lief an diesem Nachmittag in der Allianz Arena kein FCB-Spieler. "Thomas Müller war der beste Spieler auf dem Platz, auch wenn er kein Tor erzielt hat", sagte Ancelotti. Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge sprach gar von Müllers bester Saisonleistung.

Video: Thomas Müller - Münchner Original

"Irgendwann lief es von selbst"

"Aufs Tor geschossen habe ich leider wieder nicht, aber das kann ich verschmerzen", meinte Müller lächelnd - schließlich habe es auch so richtig Spaß gemacht. "Irgendwann lief es ein bisschen wie von selbst. Wir haben es aber auch erzwungen, haben die Räume, die da waren, genutzt und ein paar schöne Tore erzielt."

>>> Alle Infos zu #FCBHSV im Matchcenter

In der ersten Halbzeit war er an jedem der drei Bayern-Tore beteiligt und legte damit den Grundstein für die spätere Gala. Den Führungstreffer von Arturo Vidal legte der 27-Jährige mit einer geschickten Bewegung direkt vor. Ein Foul an Müller führte zum Elfmeter, den Lewandowski verwandelte. Und den zweiten Treffer des Polen leitete erst der eingangs beschriebene Sprint zur Grundlinie ein.

Im Dienste der Mannschaft

Sein zweiter direkter Assist der Partie stand sinnbildlich für Müllers uneigennützige Spielweise: Statt freistehend vor HSV-Keeper René Adler selbst abzuschließen, legte er quer zum mitgelaufenen David Alaba, der den Ball nur noch ins leere Tor schieben musste. "Ein Tor ist für mich nicht alles, wenn ich meinen Mitspielern dadurch helfen kann", kommentierte Müller die Szene.

>>> Robert Lewandowski im Interview: "Ich schreibe meine eigene Geschichte"

Es ist eine schwierige Saison für den ansonsten so zuverlässigen Torjäger des Rekordmeisters. In den zurückliegenden sieben Spielzeiten traf er - mit Ausnahme der Saison 2011/12 - in der Bundesliga immer zweistellig, aktuell hat er erst ein Liga-Tor auf seinem Konto. "Thomas ist immer wichtig für die Mannschaft, auch wenn er keine Tore schießt oder den Ball gar nicht trifft", betonte Teamkollege Arjen Robben. "Er zieht Räume für Lewy und für mich, wenn er auf meiner Seite spielt."

Video: Die Last-Minute-Bayern

Raumdeuter und Motivator

Auch wenn der selbsternannte Raumdeuter im Moment nicht die Trefferquote der Vergangenheit vorweisen kann, so ist er für den FCB dennoch unverzichtbar. Am Samstag agierte er in Ancelottis 4-2-3-1-Grundordnung als Spielgestalter auf der Zehn, als Ersatz für den ins defensive Mittelfeld zurückgerückten Thiago.

>>> Thiago: Ein Herzstück der Münchner Offensive

"Über seine spielerischen Qualitäten brauchen wir nicht sprechen, die hat er über Jahre gezeigt", sagte Kapitän Philipp Lahm und lobte vor allem Müllers tägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz. "Wie motiviert er ist und wie er die Mitspieler motiviert, ist beeindruckend. In einer Phase, in der es ihm vielleicht etwas schwerer fällt, steckt Thomas den Kopf nicht in den Sand. Er stellt sich den Dingen, arbeitet weiter und geht voran." Und wenn es der Mannschaft hilft, auch mal im Vollsprint.

Aus München berichtet Maximilian Lotz