Augsburg - Raul Bobadilla ist mit dem FC Augsburg auf dem Höhenflug. Im Interview spricht er über seinen Werdegang, seine Tattoos und seine Gefühle für Deutschland.

bundesliga.de: Raul Bobadilla, mit einem Sieg am Samstag könnte Augsburg den Vorsprung auf Bayer 04 Leverkusen auf fünf Punkte ausbauen und einen großen Schritt in Richtung Europa League machen.

Raul Bobadilla: So denke ich nicht, unsere Marschroute bleibt die gleiche wie bisher: Wir wollen 40 Punkte erreichen und so früh wie möglich die Klasse halten. Dem wollen wir am Samstag einen Schritt näher kommen und drei Punkte gewinnen. Erst wenn wir das erste Ziel geschafft haben, werden wir uns neue Ziele setzen.

bundesliga.de: Mit 34 Punkten ist noch nie ein Club abgestiegen. Haben Sie wirklich Sorge, dass Sie noch abrutschen können?

Bobadilla: Nein, nein, aber die 40 Punkte sind von Anfang an unsere Maßgabe gewesen, seit dem 1. Spieltag. Die wollen wir erreichen, dann schauen wir weiter.

bundesliga.de: Zuletzt haben Sie zwei Mal nicht gewonnen, trotzdem spielt der FC Augsburg seine bisher erfolgreichste Saison. Was macht die Mannschaft so stark?

Bobadilla: Unsere größte Stärke ist die gleiche wie in den vergangenen beiden Jahren: unser Teamgeist. Wir sind ein Team und zeigen das auf dem Platz. Außerdem versuchen wir attraktiven Fußball zu spielen, das klappt in dieser Saison gut.

bundesliga.de: Dieser Teamgeist, hat er auch Ihrer Integration geholfen? Es scheint, alles hätten Sie in Augsburg Ihr sportliches Zuhause gefunden.

Bobadilla: Ja, ganz sicher. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin sehr gut drauf. Mit der Unterstützung der Kollegen kann ich meine Tore schießen und so versuche ich der Mannschaft zu helfen. Das klappt richtig gut momentan. Wenn wir alle zusammenarbeiten, ist es sehr schwierig uns zu schlagen.

"Wenn der Trainer sagt, spiel rechts, tue ich das"

bundesliga.de: Ihr Trainer Markus Weinzierl sagt, es würde für Sie so gut laufen, weil Sie als Rechtsaußen Ihre Rolle im Spielsystem gefunden hätten. Haben Sie Ihre starken Leistungen der neuen Position zu verdanken?

Bobadilla: Ja, das kann schon sein. Am Anfang war es nicht so einfach für mich die neue Position zu spielen, inzwischen habe ich sie aber gut angenommen, auch taktisch. Es ist keine einfache Position, du musst viel laufen. Aber wenn der Trainer sagt, ich muss auf rechts spielen, mache ich das. Genauso würde ich natürlich im Sturm spielen. Das ist an sich meine liebste Position...

bundesliga.de: Weinzierl meinte, zunächst seien Sie nicht begeistert gewesen von Ihrer neuen Rolle...

Bobadilla: Das stimmt, aber er hat viel mit mir gearbeitet und geredet, mir vor allem die Taktik vermittelt. Das war wichtig und hat mir sehr geholfen.

bundesliga.de: "Wenn Raul Bobadilla mit seinem Tempo auf einen zukommt, ist er nicht zu halten", sagt Weinzierl. Ist die Wucht und Kraft Ihre größte Stärke?

Bobadilla: Das denke ich schon. Es ist immer schwierig für einen Verteidiger, wenn du mit Tempo auf ihn zuläufst, egal ob mit oder ohne Ball.

"In Europa habe ich viel an meinem Körper gearbeitet"

bundesliga.de: Dabei sind Sie als Jugendlicher bei den Boca Juniors aussortiert worden, weil Sie zu klein und schwach waren. Das kann man sich heute gar nicht vorstellen.

Bobadilla: Das war tatsächlich so. Als ich 17 war, vor allem hier in Europa, habe ich angefangen viel an meinem Körper zu arbeiten. Deswegen sehe ich jetzt so aus (lacht).

bundesliga.de: Machen Sie viel Krafttraining?

Bobadilla: Schon lange Zeit nicht mehr, früher habe ich das gemacht, zwischen dem 19. und dem 22. Lebensjahr. Jetzt ist meine Konstitution einfach so muskulös.

bundesliga.de: Sie sagen von sich selbst, Sie seien ein Kämpfer. Hat das damit zu tun, dass Sie in armen Verhältnissen aufgewachsen sind?

Bobadilla: Ja, das habe ich von meinen Eltern gelernt. Sie sind auch Kämpfer. Sie haben mir gesagt, dass ich alles geben muss, wenn ich etwas erreichen will. Es war nicht einfach, mit 19 damals mein bisheriges Leben in Argentinien zu lassen.

"Meine Eltern trage ich auf der Brust"

bundesliga.de: Ihre Tattoos deuten auf eine starke Bindung zu Ihrer Familie hin.

Bobadilla: Die haben alle eine Bedeutung. Meine Eltern trage ich auf der Brust. Von meiner Schwester und meiner Nichte habe ich auch Tattoos, jedes ist wichtig für mich.

bundesliga.de: Sie gelten auch auf dem Platz als Gefühlsmensch. Stimmt es, dass Sie sich deswegen auferlegt haben, nach jeder Schiedsrichterentscheidung gegen Sie bis zehn zu zählen, bis Sie reagieren?

Bobadilla: Ja, aber ich habe inzwischen gelernt, dass es nichts bringt mit dem Schiedsrichter zu diskutieren. Früher habe das viel gemacht, mittlerweile bin ich ein bisschen ruhiger. Du musst einfach immer weiter machen, auch wenn zu Unrecht gegen dich entschieden wird. 

bundesliga.de: In der Jugend sind Sie später für Bocas Erzrivalen River Plate aufgelaufen, von dort aus nach Basel gewechselt, obwohl Sie nicht einmal wussten, welche Sprache dort gesprochen wird und wie das Niveau des Schweizer Fußballs ist. Warum haben Sie den Schritt damals gewagt?

Bobadilla: Ja, ich hatte wirklich keine Ahnung, wo ich hingehen würde. Am Anfang war es schwierig, ich wollte lange Zeit zurück nach Argentinien. Aber meine Familie, meine Eltern meinten: Du musst einfach kämpfen. Das entspricht einfach meiner Persönlichkeit.

"Argentinien bleibt meine Heimat, Deutschland ist es aber irgendwie auch"

bundesliga.de: Später haben Sie gesagt, Sie führen das Leben eines Prinzen. War es also eine gute Entscheidung, nach Europa zu gehen?

Bobadilla: Klar, inzwischen fühle ich mich wohl. Argentinien bleibt meine Heimat, aber Deutschland ist es mittlerweile irgendwie auch.

bundesliga.de: Interessanterweise ist zu lesen, dass Sie vor der WM 2010 ein Kandidat für den mexikanischen Kader waren...

Bobadilla: Ja, ich habe keine Ahnung, wo das Gerücht herkam...

bundesliga.de: ...momentan soll der Verband Paraguays an Ihnen dran sein.

Bobadilla: Das stimmt, die Papiere sind schon beantragt. Entschieden ist noch nichts, aber ich würde gerne für Paraguay spielen. Meine Mutter hat bereits den Pass, ihre Mutter stammt aus Paraguay

bundesliga.de: Haben Sie nicht die Hoffnung, Argentiniens Trainer könnte Sie noch anrufen?

Bobadilla: Klar, das ist noch immer ein Traum. Aber das zu erreichen, wird sehr schwierig.

Das Gespräch führte Felix Seaman-Höschele