Hamburg - Passend zum Spiel und der Stimmung weinte der Himmel über Hamburg. Nach dem 0:2 gegen VfL Wolfsburg taumelt der Hamburger SV dem ersten Abstieg seiner Bundesliga-Geschichte entgegen. Es war die achte sieglose Partie in Folge, seit 495 Minuten warten die Hanseaten auf einen Treffer.

Und, anders als in der Schlussphase der Vorsaison, tut die Konkurrenz den Norddeutschen nicht den Gefallen, die Spiele im Gleichschritt zu verlieren. Da der VfB Stuttgart den SV Werder Bremen mit 3:2 besiegte, findet sich der HSV auf dem letzten Tabellenplatz wieder und kann den Klassenerhalt erstmals in der Saison nicht mehr aus eigener Kraft schaffen.

Dabei hatten sie sich so viel vorgenommen. Immerhin war es in der aktuellen Saison zuvor keinem Europapokal-Starter gelungen, einen Dreier von der Elbe mit nach Hause zu nehmen. Selbst Bayern München musste sich mit einem 0:0 zufriedengeben. Aber gegen den Rekordmeister war ebenso wie gegen Mönchengladbach (1:1), Dortmund (0:0), Leverkusen (1:0) und Mainz (2:1) "Gras fressen" angesagt. Davon war gegen die Wölfe nichts zu spüren.

Fünf Neue in der Startelf

"Jetzt weiß ich wenigstens, auf wen ich mich verlassen kann", hatte Peter Knäbel als "das einzig Positive" aus der 0:4-Niederlage bei Bayer Leverkusen mitgenommen. Gleich auf fünf Positionen baute der Coach die Partie im Vergleich zur Vorwoche um. Kapitän Rafael van der Vaart rückte ebenso in die Startelf wie Cléber Reis, der Top-Torschütze der Vorsaison Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby und der wieder genesene "Aggressiv Leader" Marcelo Díaz.

Gerade auf dem chilenischen Nationalspieler ruhten die Hoffnungen der Hamburger, die über den Kampf zum Spiel kommen wollten. Doch nach zehn Minuten waren alle Pläne Makulatur.

"Bundesliga der falsche Ort für solche Fehler"

Cléber vertändelte gegen Kevin De Bruyne den Ball. Der Spielmacher passte zu Bas Dost, der Joshua Guilavogui in einer belgisch, niederländisch, französischen Co-Produktion zu dessen ersten Bundesliga-Treffer auflegte.

"Genau so eine Situation hatte Cléber am Mittwoch im Training. Wir haben darüber ausführlich gesprochen", war Knäbel sichtlich angefressen. "Wozu trainieren wir eigentlich? Wir hatten uns vorhgenommen, nicht wieder frühe Fehler zu machen. Die Bundesliga ist der falsche Ort, um so einen Fehler zu begehen."

Ein Fehler, von dem sich der HSV nicht mehr erholte. Der Treffer zum 2:0-Endstand für die Gäste durch Daniel Caligiuri brachte dann auch den letzten Optimisten unter den Fans zum Schweigen. "Ich hatte nie das Gefühl, dass hier heute etwas schiefgehen könnte", brachte Wolfsburgs Dost die Hamburger Harmlosigkeit auf den Punkt.

Díaz erneut verletzt

Der HSV machte vor den Augen von Thomas Tuchel in keiner Phase des Spiels den Eindruck, als wolle er mit aller Macht etwas reißen. Bezeichnend: Erst in der 44. Minute sah Díaz, die erste von nur drei Gelben Karten für die Gastgeber - Abstiegskampf sieht anders aus.

Zu allem Überfluss musste der chilenische Nationalspieler, dessen Leistung Knäbel als eine von wenigen positiv hervorhob und der nach fünfwöchiger Verletzung gerade erst wieder zurückgekehrt war, zur Pause verletzt in der Kabine bleiben. Am Sonntag gab der HSV bekannt, dass Diaz sich eine Sehne im Adduktorenbereich gezerrt hat und zehn Tage ausfällt.

Fehlen wird auchl Abwehrchef Johan Djourou, der sich drei Minuten nach seiner Gelben Karte zu einer unsportlichen Geste gegen Schiedsrichter Felix Zwayer hinreißen ließ und mit Gelb-Rot in die Kabine geschickt wurde. Trauriger Tiefpunkt einer "katastrophalen Vorstellung" (Heiko Westermann).

"Ein glückliches Händchen reicht nicht"

"Das hatte mit Fußball nichts zu tun. So schlimm war es noch nie. Keine Torchancen, keine Entlastung. Wir schaffen es nicht, als Mannschaft aufzutreten. Keiner hilft dem anderen, keiner will den Ball haben. Das ist nicht erstligareif. So können wir kein Spiel gewinnen, so können wir nicht mal ein Tor schießen", ging Westermann mit seinen Mitspielern hart ins Gericht.

"Keiner wollte Fehler machen. Das verkrampft. Nach dem Fehler zum 0:1 sind wir dann ganz eingebrochen. Es ist Wahnsinn, so ein Tor zu kassieren.", analysierte der Defensivspieler weiter. "Wenn man so am Boden liegt, müssen wir versuchen, ein paar Jungs wieder aufzubauen", fordert Westermann von den "erfahrenen Spielern, mehr Verantwortung zu zeigen. In unserer Situation hilft nur ein Erfolgserlebnis."

Und das möglichst schon am kommenden Sonntag. "Es ist nicht die Frage, ob wir bei Werder Bremen vielleicht was mitnehmen", so Westermann vor dem Nord-Derby an der Weser. "Wir müssen gewinnen."

Als ihm der Sky-Reporter ein "glückliches Händchen" im Abstiegskampf wünschte, reagierte Knäbel mit Galgenhumor: "Ein gutes Händchen reicht nicht. Da brauche ich zwei."

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs