München - Bei 1899 Hoffenheim soll ein Rapper die Musik ins Offensivspiel zurückbringen: Hoffenheims Star-Neuzugang Ryan Babel ist vielseitig einsetzbar - sogar hinter dem Mikrofon. Neben Clips seiner Tricks und Tore kursieren im Internet Videos, in denen der 24-Jährige provokante Punchlines zum Besten gibt, die von seinem Aufstieg in die Luxus-Welt der Fußballstars erzählen.

Wo Babel aufgewachsen ist, ist Rap die Musik der Jugendlichen - und Luxus ein Fremdwort. Hochhaus reiht sich an Hochhaus, 100.000 Menschen aus über 150 verschiedenen Nationen leben zusammen auf engstem Raum, Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate sind gleichermaßen hoch. Bijlmermeer heißt die Siedlung im Südosten Amsterdams, es ist das Marzahn der niederländischen Hauptstadt, wenn man so will.

Ajax-Akademie: Projektionsfläche der Hoffnungen

In Bijlmermeer hat für Babel alles begonnen, 60 Prozent der Einwohner haben ihre Wurzeln wie er in Surinam, der einstigen niederländischen Kolonie in Südamerika. Direkt neben der Wohnsiedlung hat Ajax Amsterdam seine Jugendakademie gebaut - Projektionsfläche für die Hoffnungen tausender junger Buben aus der Nachbarschaft.

Babel war einer der Glücklichen, für die der Traum wahr wurde. Er wurde aufgenommen in die traditionsreiche Kaderschmiede, die schon Weltstars wie Edgar Davids, Wesley Sneijder oder Edwin van der Sar hervorbrachte.

Mit gerade einmal elf Jahren kam er in die Ajax-Akademie, reifte in den Jugendmannschaften zu einem vielseitigen Offensivspieler und unterzeichnete mit zarten 18 Jahren seinen ersten Profivertrag. Es dauerte anschließend nicht lange, bis er zum ersten Mal in der niederländischen Nationalelf auflief.

"Potenzial, der nächste Thierry Henry zu werden"

Im März 2005, gerade einmal 18 Jahre und drei Monate alt, wechselte ihn der damalige Bondscoach Marco van Basten gegen Rumänien für Arjen Robben ein. Prompt erzielte Babel sein erstes Tor für die "Elftal". Mit seinem Treffer trug er sich als jüngster Torschütze der Niederlande seit 1937 in die Geschichtsbücher ein. "Er hat das Potenzial, der nächste Thierry Henry zu werden", lobte van Basten. Anschließend ging alles sehr schnell: Insgesamt 14 Tore erzielte das flinke Talent in 72 Spielen für Ajax, alsbald klopfte die Créme de la Créme des europäischen Clubfußballs an.

Fast zwangsläufig folgte 2007 der Schritt ins Ausland, der ruhmreiche FC Liverpool mit Trainerikone Rafael Benitez lockte. Rund 18 Millionen Euro ließen es sich die "Reds" kosten, dass das damals 20-Jährige Talent künftig an der Anfield Road auflief. Als Spieler für die "Gegenwart und für die Zukunft" bezeichnete Benitez seinen Neuzugang.

Die Umstellung auf die Premier League gelang dem 1,85 Meter großen Flügelstürmer allerdings nicht ohne weiteres. Zwar stand er in seinem ersten Jahr in 30 Partien auf dem Rasen, doch 15 Mal davon wurde er nur eingewechselt. Magere vier Tore standen am Saisonende zu Buche. Lediglich sieben weitere sollten es in den zwei Jahren danach werden. Unzufrieden mit seiner Jokerrolle unter Benitez machte der impulsive Niederländer seinem Ärger via Boulevardpresse Luft und forderte öffentlich mehr Einsatzzeit.

"Todsünde, dass er in Liverpool auf der Bank sitzt"

Unterstützung bekam er im Sommer 2009 von seinem Mentor van Basten, der harsche Kritik am spanischen Startrainer übte. "Es ist eine Todsünde, dass Babel in Liverpool auf der Bank sitzt", polterte der ehemalige Weltstar: "Er spielte gut in Holland und für die U-21, doch jetzt hat er einen Schritt rückwärts gemacht."

Als 2010 Roy Hodgson auf Benitez folgte, wurden die Karten neu gemischt, doch Babel blieb weiterhin nur der Joker im System des Trainers. Zehn Spiele bestritt er im letzten Halbjahr für den Traditionsclub aus der englischen Hafenstadt, neun Mal schmorte er dabei bei Spielbeginn auf der Ersatzbank. Dass Babel am 9. Januar via Twitterbotschaft Schiedsrichter Howard Webb verunglimpfte, verbesserte sein Standing zudem nicht. Nach einer 0:1-Pleite bei Manchester United hatte Babel eine Fotomontage des Referees im United-Trikot online gestellt. Der englische Verband brummte ihm daraufhin eine saftige Geldstrafe auf.

"Beidfüßig, kopfballstark und sehr robust"

Der Wechsel in die Bundesliga soll nun einen Neuanfang in seiner Karriere markieren, nur noch sportliche Schlagzeilen will er künftig schreiben. "Meine ersten Eindrücke sind absolut positiv", ließ Babel verlauten, der mit seiner Zusage an die Kraichgauer lange zögerte.

Babel sei sein "Wunschspieler" als Ersatz für den abgewanderten Demba Ba gewesen, sagt Hoffenheims Trainer Marco Pezzaiuoli, der die Vielseitigkeit seines Neuzuganges schätzt. "Er kann alle drei Offensivpositionen abdecken. Er ist beidfüßig, kopfballstark und sehr robust." 1899-Manager Ernst Tanner sagt, er sei überzeugt, dass Babel für Hoffenheim ein Gewinn ist - "mit seinen Charaktereigenschaften und seinen sportlichen Qualitäten". Von Musik sprach Tanner nicht.

Andreas Messmer