München - Mario Gomez befand sich in einer Menschentraube aus Journalisten und sollte Auskunft über das Unerklärliche geben, das sich an diesem kühlen Samstagabend in der Allianz Arena zugetragen hatte. Dutzende Aufnahmegeräte und Mikrophone wurden dem frisch geduschten Bayern-Stürmer entgegengestreckt.

Doch diejenigen, die am äußeren Rand der Ansammlung standen, blieben ohne brauchbare Töne in ihrem Arbeitsgerät: Mehr als ein Nuscheln vernahmen sie nicht, so lang der Arm auch nach vorne gereckt wurde. Gomez, sonst schon ein Mann der leisen Töne, hatte seine Stimme um einige weitere Dezibel gesenkt. Auch die tief ins Gesicht gezogene Mütze signalisierte, dass ihm die 90 Minuten noch so sehr in den Klamotten steckten, dass er sich am liebsten unbemerkt aus dem Staub machen würde. Sinnbildlich gerieten beide Seiten, die ausgeschlossene Journalistenschar ebenso wie der Bayern-Star, zu Randfiguren, die an diesem Abend das wichtigste verpassten.

"Das war fast eine Lehrstunde"

Ausgerechnet einen Tag vor dem 111-jährigen Vereinsjubiläum hatte der FC Bayern in der heimischen Allianz Arena nicht weniger als eine kostenlose Vorführung in Sachen Laufbereitschaft, Spielintelligenz und Effektivität vom souveränen Tabellenführer Borussia Dortmund bekommen. Niedergeschlagen und enttäuscht sei man, flüsterte Gomez, die Borussia eine Klasse-Mannschaft und die Meisterschaft habe man schon zuvor abgehakt.

Doch den eigentlichen Grund für die 1:3-Niederlage, die die Münchner mitten ins Herz traf, konnte der Nationalstürmer nicht nennen. Philipp Lahm vermutete die fehlende körperliche Frische nach dem anstrengenden Champions-League-Auftritt in Mailand unter der Woche, wollte dies jedoch nicht als Ausrede gelten lassen. In Wahrheit mussten die Bayern-Spieler ernüchtert anerkennen, dass die 90 Minuten ein Spiegelbild der gesamten Saison darstellten. "Das war teilweise fast eine Lehrstunde für den FC Bayern", sagte der ehemalige Torwart-Titan Oliver Kahn im "ZDF".

Jüngste BVB-Mannschaft aller Zeiten

Eine Lehrstunde, die für den FC Bayern trotz des bisherigen Saisonverlaufs überraschend kam und dadurch erst so bitter wurde. Denn die Münchner wähnten sich nach der Rückkehr ihrer beiden Flügelflitzer Franck Ribery und Arjen Robben, der unbändigen Torgefahr von Gomez, dem wieder erstarkten Thomas Müller und nicht zuletzt dem Erfolg im Giuseppe-Meazza-Stadion so weit gefestigt, dass man sich in der Lage sah, die siegestrunkenen Borussen auf ein gesünderes Normalmaß zu stutzen.

Doch die Ankündigungen der Bayern-Spitze, man werde zeigen, wer die augenblicklich stärkste deutsche Mannschaft sei, verpufften wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die schwarzgelben Himmelsstürmer, die durch die Premiere von Ersatzkeeper Mitchell Langerak ein Durchschnittsalter von 22,75 Jahren aufs Feld brachten, dachten gar nicht daran, den großen Rivalen bei dessen geplanter Show tatenlos zu flankieren und übernahmen stattdessen die Hauptrolle.

Schweinsteigers entscheidende Fehlpässe

Auf den Flügeln wurden Robben und Ribery konsequent gedoppelt und jeder Fehlpass im FCB-Mittelfeld zum schnellen Gegenangriff ausgenutzt. "Dortmund hat ein Superpressing entwickelt, und wir konnten unsere Stärken nicht ausspielen", staunte sogar Bayern-Trainer Louis van Gaal. Ausgerechnet der sonst so zuverlässige Bastian Schweinsteiger erwischte einen rabenschwarzen Abend und spielte den Borussen mit zwei Fehlpässen in die Karten.

Nachdem der BVB den zwischenzeitlichen Ausgleich der Gastgeber bemerkenswert locker weggesteckt hatte und nur kurze Zeit später erneut in Führung ging, bekamen auch die treuesten Bayern-Anhänger das mulmige Gefühl, dass den markigen Worten keine ebensolche Taten folgen würden. "Dortmund hat nach dem 2:1 das gemacht, was sie am besten können: sie hatten alle Spieler hinter dem Ball und haben alles zugestellt. Im Grunde war das Spiel nach dem 3:1 schon gelaufen", (re-)kapitulierte Thomas Müller.

Meisterträume immer noch tabu

Während auf der einen Seite Katzenjammer herrschte, mussten sich die Dortmunder schon fast auf die Zunge beißen, um den internen Absprachen treu zu bleiben. "Da fällt mir nur ein Wort ein, das ich nicht benutzen darf", schmunzelte Mats Hummels, als er bei "Sky" ein Statement über seine Mannschaftskameraden abgeben sollte - und nur schwer das "M-Wort" unterdrücken konnte. Und auch Trainer Jürgen Klopp machte den Reportern immer noch nicht den Gefallen, sich mit dem Titelkampf zu beschäftigen. "Die Meisterschaft interessiert mich überhaupt nicht", blieb sich "Kloppo" treu. "Wir haben ein tolles Spiel in München gemacht und gewonnen - das zählt und nichts anderes."

Immerhin musste man bei Klopps Worten nicht die Ohren spitzen, um den BVB-Coach richtig zu zitieren. Den Kollegen, die bei Gomez' Ausführungen am äußeren Rand der Traube standen und sich vergeblich mühten, den Bayern-Torjäger zu verstehen, sei noch dessen löblicher Vorsatz verraten: "Wir müssen alles dafür tun, um Zweiter zu werden. Wir sollten nicht nur immer davon sprechen, sondern den Worten auch mal Taten folgen lassen." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Johannes Fischer