Schalkes Ralf Fährmann schwört seinem Verein die Treue

Gelsenkirchen - Er gehört zu den notenbesten Keepern der vergangenen zwei, drei Jahre. Ralf Fährmann hat sich beim FC Schalke 04 unentbehrlich gemacht. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 27-jährige über die Vorrunde der Königsblauen und den neuen Trainer André Breitenreiter, über seine enge Bindung an den Club und die neue Schalker Spieler-Generation, über Tim Wiese und den kommenden Gegner Hoffenheim.

bundesliga.de: Herr Fährmann, die Partie gegen Hoffenheim steht zwar noch aus, vielleicht können Sie dennoch bereits ein Hinrunden-Fazit ziehen?

Ralf Fährmann: Ich glaube, dass man unsere Vorrunde als durchwachsen bezeichnen kann. Das ist kein Wunder, da wir uns in einem großen Umbruch befinden, der auch zum Start der Rückrunde noch nicht vollzogen sein wird. Wir hatten zwar einen sehr guten Saisonstart, danach aber einige kleine Ausreißer, wenn auch immer wieder mit vielen guten Ansätzen. Was für mich unter dem Strich steht: Wenn wir das, was der Trainer vorgibt, im Spiel umsetzen, gewinnen wir. Gelingt uns diese Umsetzung aus irgendwelchen Gründen nicht, bekommen wir Probleme. Wir haben Luft nach oben, aber wir wissen auch, was wir können.

bundesliga.de: Lässt sich die Niederlage in Augsburg unter Pech verbuchen?

Fährmann: Der Schiedsrichter ist nach dem Spiel in unsere Kabine gekommen und hat sich für die Fehlentscheidung vor dem Siegtreffer der Augsburger, als Markus Feulner klar Hand gespielt hat, entschuldigt. Die Schuld für die Niederlage würde ich dem Schiedsrichter aber niemals geben. Schiedsrichter sind Menschen wie wir Spieler, und sie machen Fehler wie wir Spieler. In Augsburg haben wir Fehler gemacht.

bundesliga.de: Was hat Trainer André Breitenreiter über die sportliche Konsolidierung hinaus auf Schalke bewirkt?

Fährmann: Der Trainer hat das Schalke-Gefühl zurück ins Stadion gebracht und dafür gesorgt, dass die Fans wieder gerne in die Arena kommen. Am besten lässt sich das daran verdeutlichen, dass selbst die Fans auf der Haupttribüne aufstehen und uns lauthals anfeuern. Das hat es lange nicht gegeben. Das ist das Verdienst des Trainers, der einen Fußball spielen lässt, der die Menschen einerseits wieder mitreißt, sie uns andererseits aber weniger gute Spiele verzeihen lässt.

bundesliga.de: Will man über das Phänomen Schalke sprechen, gelten Sie als idealer Ansprechpartner. Das ist ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass Sie erst mit 14 Jahren aus dem Osten der Republik in den Ruhrpott gekommen sind...

Fährmann: Das große Idol meiner Kindheit war Frank Rost, den ich bereits bewundert habe, als er noch bei Werder Bremen war. Später konnte ich seine Trainingseinheiten aber auf Schalke beobachten und spätestens als ich zum ersten Mal als Besucher in der Arena war, hat mich der Schalke-Virus gepackt. Man muss sich das mal vorstellen: Da kommt ein Junge aus Chemnitz, wo man von der Bundesliga kaum etwas mitbekommt, in dieses unglaubliche Stadion - das ist überwältigend! Mein größter Traum war, wenigstens einmal in der Arena spielen zu dürfen. Dafür habe ich sehr hart trainiert. Mittlerweile sind es schon einige Spiele geworden und ich hoffe, es werden noch ein paar mehr. (lacht)

bundesliga.de: Ihr Vertrag läuft bis 2020. Das lässt tatsächlich vermuten, dass es sich um mehr als eine Geschäftsbeziehung handelt...

Fährmann: Auf jeden Fall! Es mag abgedroschen klingeln, wenn ein Spieler heute sagt, dass er hundertprozentig zu seinem Verein steht und dem Verein die Treue schwört. Aber bei mir ist das wirklich so! Ich bin auf Schalke durch viele Höhen und Tiefen gegangen und weiß umso mehr zu schätzen, was ich hier habe. Ich bin stolz auf das Standing, das ich mir erarbeitet habe und für mich gibt es nichts Schöneres, als für diesen Verein spielen zu dürfen. Ich habe mir ganz in der Nähe, in Recklinghausen, ein Haus gekauft, meine Verlobte kommt aus Herne und alle meine Freunde leben auch hier. Deshalb steht für mich längst fest, dass ich mein Leben im schönen Ruhrgebiet verbringen werde. Und dass der Vertrag noch bis 2020 läuft, lässt mich hoffen, dass ich mit der Mannschaft noch viel erreichen und meinen Teil dazu beitragen kann.

bundesliga.de: Sie haben mal gesagt, dass Sie auf Schalke erwachsen geworden sind. Woran machen Sie Erwachsensein fest?

Fährmann: Geboren bin ich zwar in Chemnitz, meine Jugend und mein Erwachsenwerden ist aber auf und um Schalke herum passiert. Der erste Kuss, der erste Disco-Besuch, das erste Bier mit den Freunden - das habe ich alles hier erlebt. Das war die prägendste Zeit in meinem Leben, und wahrscheinlich bin ich deshalb hier so verwurzelt.

bundesliga.de: Sie sind auf Schalke nicht nur er-wachsen geworden, sondern auch ge-wachsen - soll heißen, dass Sie über die Jahre eine beeindruckende körperliche Präsenz entwickelt haben. Ist mit dem Oberkörper auch der Respekt der Stürmer gewachsen?

Fährmann: Ob die Stürmer wirklich mehr Respekt haben, weiß ich nicht. Ich hoffe es natürlich. (lacht) Was ich aber sagen kann ist, dass mir der breitere Oberkörper gerade im Luftduell ein gutes Gefühl vermittelt. Die Duelle tun mir nicht weh, weil ich eine Art Schutzhülle habe.bundesliga.de: Wo ist die Grenze? Kann man auch zu viel trainieren?

Fährmann: Ganz klar! Zum einen muss man sich immer noch wohl fühlen in seinem Körper, zum anderen dürfen die Muskeln nicht zulasten des Torwartspiels gehen. Die Beweglichkeit und die Schnelligkeit müssen auf jeden Fall gewährleistet sein. Ein gutes Beispiel ist Tim Wiese. Tim war bereits in Bremen eine Zeitlang sehr muskulös, musste dann aber erkennen, dass zu große und schwere Muskeln einen Torwart behindern, so dass er zwischenzeitlich deutlich abtrainiert hatte.

bundesliga.de: Mittlerweile hat er sich alles wieder antrainiert und soll mit dem Gedanken an eine Wrestler-Karriere spielen. Für Sie später auch vorstellbar?

Fährmann: Nein, gewiss nicht! Aber vielleicht werde ich ja irgendwann Fitnesstrainer auf Schalke. (lacht) Was Tim betrifft: Ich denke, dass manches auch dem Frust geschuldet war, weil er in Hoffenheim eine sehr unglückliche Zeit erleben musste. Krafttraining war für ihn sicherlich ein Ventil.

bundesliga.de: Bis zum Job als Fitness-Trainer dürfte noch einige Zeit vergehen, sind Sie aktuell doch auf der Höhe Ihres Könnens und gehören zu den zwei, drei notenbesten Keepern der Bundesliga.

Fährmann: Mir tut sehr gut, dass ich nun schon über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei bin und so kontinuierlich Erfahrung gewinnen konnte. Von diesen Erfahrungen profitiere ich und kann der Mannschaft so etwas zurückgeben.

bundesliga.de: Obwohl Sie erst 27 sind, gehören Sie zu den ganz erfahrenen Spielern. Wie sehen Sie die jungen Schalker Leroy Sané, Max Meyer oder Leon Goretzka?

Fährmann: Es klingt sicher komisch, aber manchmal komme ich mir wirklich schon sehr alt vor. Ich bin mit 18 zu den Profis gekommen, war damals aber ein absoluter Neuling. Viele von den Jungen wie Max Meyer haben heute aber bereits 30 Bundesligaspiele auf dem Rücken. Das ist ohne Frage auch ein Verdienst der Nachwuchsleistungszentren, wo man die Spieler auf Top-Niveau ausbildet. Trotzdem darf man nicht erwarten, dass die Jungen schon Woche für Woche Top-Leistungen abrufen. Sie brauchen Zeit, und diese Zeit muss man ihnen geben.

bundesliga.de: Treten die Jungen heute forscher auf als das zu Ihrer Zeit der Fall war?

Fährmann: Auf jeden Fall. Nehmen wir Julian Draxler, der jetzt in Wolfsburg spielt. Bei ihm hat man das Gefühl, dass er schon zehn Jahre in der Bundesliga dabei ist. Er wirkt erwachsen, ja souverän. Aber auch sonst sind die Jungs sehr selbstbewusst und kicken vom ersten Tag an ganz unbeschwert mit. Ich erinnere mich, dass Benedikt Höwedes und ich damals durch eine harte Schule gehen mussten. Da galt es im Training schon mal, das ein oder andere Foul wegzustecken. (lacht) So etwas gibt es heute nicht mehr. Trotzdem muss man ein Kompliment aussprechen: Die meisten gehen sehr souverän um mit dem Hype. Und wenn doch mal einer überzieht, sind wir Älteren auch noch da.

bundesliga.de: Für "alte Schule" steht auch Huub Stevens, der am letzten Vorrunden-Spieltag mit Hoffenheim in die Arena kommt...

Fährmann: Huub Stevens kennt Schalke aus dem Effeff. Und ich glaube, dass wir auf eine sehr defensiv eingestellte Mannschaft treffen werden. Hoffenheim ist in der Hinrunde etwas gebeutelt worden. Nichtsdestotrotz hat diese Mannschaft eine brutale individuelle Klasse und der Sieg vom vergangenen Wochenende gegen Hannover wird Rückenwind geben. Ich bin sicher, dass wir noch einmal alles abrufen und ein Feuerwerk abbrennen müssen, wenn wir die Punkte auf Schalke behalten wollen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter