Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbachs Raffael ist zweifellos ein hochveranlagter Spieler. Umso mehr schmerzten zu Saisonbeginn die Bilder, die den abseits des Platzes oft fast scheu wirkenden Brasilianer - wie die gesamte Elf - völlig verunsichert zeigten. Seit dem Trainerwechsel von Lucien Favre zu André Schubert aber steht das Können von Raffael und seinen Kollegen wieder in voller Blüte, ganz so als hätte es eine Krise nie gegeben.

Vor dem Spiel gegen den FC Schalke 04 spricht Raffael im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über seinen ganz persönlichen Umgang mit Krisensituationen, über Favre, Schubert und seinen Sturmpartner Lars Stindl, und über sein Verhältnis zu den "Königsblauen".

"Mich wundert im Fußball nichts mehr"

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bundesliga.de: Raffael, beim 5:1-Triumph in Frankfurt haben Sie Ihr 200. Bundesligaspiel absolviert. Sind Ihnen Zahlen wie diese bewusst, oder erfahren Sie davon nur aus der Zeitung?

Raffael: Ganz ehrlich, wenn die Presse und der Verein mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätten, hätte ich davon keine Ahnung gehabt.

bundesliga.de: Weil Ihnen diese Zahlen nicht allzu viel bedeuten?

Raffael: Sagen wir es so: Ob es nun um das 199., das 200. oder das 201. Spiel handeln würde, spielt für mich keine Rolle, das ist wirklich nur irgendeine Zahl. Dass es aber eine so hohe Zahl ist, das ist schon etwas Besonderes. 200 Bundesligaspiele, also umgerechnet fast sechs Spielzeiten in einer so starken Liga, das macht mich schon stolz.

bundesliga.de: Zu Beginn der Saison, als Borussia von einer Niederlage in die nächste stolperte, wirkten auch Sie völlig verunsichert. Nun aber sind Sie mit drei Treffern und sechs Assists in den vergangenen vier Partien einer der effektivsten Spieler der Liga. Wundern Sie sich manchmal noch, wie schnell sich die Dinge im Fußball ändern können?

Raffael: Nein. Sie kennen mich doch ganz gut. Mich wundert im Fußball nichts mehr (lacht). Da können sich die Dinge wirklich von einem Tag auf den anderen, von einem Spiel zum nächsten komplett ändern. Gestern warst Du noch am Boden und heute bist Du oben auf! Wirklich erklären, lässt sich das in den seltensten Fällen. Selbstverständlich bin ich sehr enttäuscht nach Spielen wie gegen den HSV oder in Dortmund. Aber das würde nie so weit führen, dass ich daran zweifeln würde, was ich grundsätzlich leisten kann. Ich schaue immer nur nach vorne und denke immer positiv.

"Unter Favre großartige Zeiten erlebt"

bundesliga.de: Apropos "Dinge, die sich von einem Tag auf den anderen ändern": Niemand hätte bei Saisonstart geglaubt, dass nur wenige Wochen später die Ära Favre bei Borussia Geschichte sein würde. Waren Sie geschockt?

Raffael: Absolut. Als uns der Verein informiert hat, konnte ich das erst überhaupt nicht glauben. Wir alle waren doch überzeugt, dass wir die Krise gemeinsam meistern können. Ich habe unter Lucien Favre großartige Zeiten erlebt und tolle Erfolge feiern dürfen. Zwei Meisterschaften mit dem FC Zürich, das Erreichen der Europa League mit Hertha BSC und zuletzt zwei grandiose Jahre mit Borussia stehen da zu Buche. Und auf allen drei Stationen wollte der Trainer mich unbedingt haben...

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bundesliga.de: ...so dass der Schweizer als eine Art Zieh-Vater für Sie gilt. Hatten Sie nach seinem Abschied Kontakt zu ihm?

Raffael: Ja. Favre hat alle Spieler angerufen und sich von jedem persönlich verabschiedet. Das war ihm wohl sehr wichtig.

bundesliga.de: Haben Sie sich Sorgen gemacht, dass Sie beim neuen Trainer Ihren Status einbüßen könnten?

Raffael: Nein, überhaupt nicht. Trainerwechsel gehören zum Geschäft, auch wenn es in diesem Fall aus den genannten Gründen durchaus ein wenig schmerzhaft für mich war. Aber, wie schon gesagt, ich glaube immer an mich und daran, dass auch ein anderer Trainer nicht an mir vorbeikommt. Warum also hätte ich mir Sorgen machen sollen!?

bundesliga.de: Wussten Sie vorher mehr über André Schubert, als dass er der Trainer der 2. Mannschaft ist, der "Typ mit der Glatze"?

Raffael: Nein, das war wirklich schon alles (lacht). Aber man bekommt natürlich mit, dass die Jungs aus der 2. Mannschaft sehr zufrieden sind mit ihrem Trainer und dass sie erfolgreich sind.

bundesliga.de: Wie hat Schubert den Hebel umgelegt?

Raffael: Er hat uns gesagt, dass unsere Mannschaft über eine herausragende Qualität verfügt und dass gar nicht viel fehlt, diese Qualität auch wieder abrufen zu können. Entscheidend ist wohl, dass er möchte, dass wir wieder aggressiver agieren und den Gegner bei dessen Ballbesitz bereits am gegnerischen Strafraum unter Druck setzen. Dazu kommt, dass Schubert bei Ballgewinn darauf setzt, dass dann nicht unbedingt längerer Ballbesitz das Ziel ist, um zunächst Sicherheit ins Spiel zu bekommen, sondern dass wir umgehend versuchen aufs gegnerische Tor zu gehen, wenn die Situation günstig ist. Ich denke, dass wir diesen Plan in den vergangenen vier Spielen in der Liga und - trotz der 1:2-Niederlage auch gegen Manchester City und ebenfalls beim 0:0 bei Juventus Turin in der Champions League gut umgesetzt haben.

"Fußballer wie Stindl findet man nicht oft"

bundesliga.de: Ärgern Sie sich noch über den verschossenen Elfmeter gegen Man City, oder können Sie ein solches Missgeschick sehr schnell abhaken?

Raffael: Natürlich ärgere ich mich in diesem Moment sehr. Aber ich kann das dann in der Tat sehr schnell abhaken und nach vorne schauen. Sollte es demnächst erneut einen Elfmeter für uns geben, und sollte der Trainer mich als Torschützen vorgesehen haben, würde ich ohne zu zögern wieder schießen.

bundesliga.de: Sie profitieren jetzt davon, dass Schubert für Lars Stindl die passende Position und damit für Sie den idealen Partner gefunden hat, der Ihnen nach dem Verlust von Max Kruse fehlte. Wie sehen Sie Stindl?

Raffael: Lars ist ein anderer Fußballer als Max, hat aber ebenfalls eine tolle Qualität. Er läuft enorm viel, ist in der Lage den Ball zu halten, wenn das sinnvoll erscheint, oder aber das Spiel im entscheidenden Moment blitzschnell zu machen. Und obendrein verfügt er über eine tolle Schusstechnik, die ihn extrem torgefährlich macht. So intelligente Fußballer wie Lars findet man jedenfalls nicht allzu oft.

"Wir alle sehen, wie gut es mit diesem Trainer läuft"

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bundesliga.de: Vor Borussia liegen nun gleich zwei Partien gegen Ihren Ex-Club Schalke 04, zunächst am Sonntag in der Bundesliga im Borussia Park, wenige Tage später in Gelsenkirchen im DFB-Pokal; gibt es noch Kontakte ins Ruhrgebiet?

Raffael: Nein. Das Aufeinandertreffen am Sonntag bzw. die Rückkehr in die Veltins-Arena in der kommenden Woche löst bei mir auch keine besonderen Gefühle aus. Dafür war meine Zeit auf Schalke einfach zu kurz (Raffael wurde in der Rückrunde der Saison 2012/13 von Dynamo Kiew ausgeliehen und kam auf 16 Liga-Einsätze für die "Königsblauen"; d. Red.). Da ist nicht so sehr viel hängen geblieben. Ganz anders ist es etwa, wenn wir gegen Hertha spielen. Hertha und Berlin - das ist für mich immer noch etwas ganz Besonderes, nicht zuletzt wegen meines Bruders Ronny, den ich sonst höchstens in den Ferien sehe (Raffael spielte von Anfang 2008 bis zum Sommer 2012 für die Hertha, sein Bruder Ronny steht dort seit Sommer 2010 unter Vertrag; d. Red.).

bundesliga.de: Ein Bundesliga-Sieg gegen Schalke wäre der fünfte in Folge, und mit jedem weiteren Erfolg werden die Stimmen lauter, die André Schubert als Langzeitlösung fordern. Wie sehen Sie das?

Raffael: Sie wissen natürlich, dass es uns Spielern eigentlich nicht zusteht, der Vereinsführung in ihre Planung hineinzureden. Aber selbstverständlich sehen wir alle, wie gut es mit diesem Trainer läuft und wie viel Spaß wir im Training wie auch im Spiel haben. Und wenn das wirklich so weiter gehen sollte, wäre das wohl ein Zeichen, dass Mannschaft und Trainer zueinander passen und auch auf Dauer erfolgreich zusammenarbeiten könnten. Aber letztlich muss natürlich die Sportliche Leitung diese Entscheidung treffen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter