Die Bedenken der Anhänger und Verantwortlichen des Hamburger SV am 4. August waren immens:

Wird die Mannschaft den Weggang von Rafael van der Vaart verkraften können? Wer soll die Fäden in der Offensive ziehen? Kann der Club seine Ziele ohne den Regisseur realisieren?

Als kurz vor dem 2. Spieltag auch noch der Wechsel von Defensiv-Allrounder Vincent Kompany in die Premier League feststand, wuchsen die Zweifel an der Konkurrenzfähigkeit der Norddeutschen noch einmal enorm an.

Aktivität statt Schock

Auch der neue Trainer Martin Jol wusste vor allem um die Bedeutung seines niederländischen Landsmannes: "Rafael van der Vaart hat das Spiel des HSV in den letzten Jahren stark geprägt. Das ist mir auch in England nicht verborgen geblieben. Die Fans in Hamburg lieben ihn."

Dass Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer und Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann allerdings trotz dieser beiden Abgänge keineswegs geschockt waren, zeigen ihre Aktivitäten auf dem Transfermarkt. Van der Vaart und Kompany wurden jeweils gleich doppelt ersetzt. Los ging der personelle Angriff mit Mladen Petric, der im Tausch mit Mohamed Zidan von Borussia Dortmund kam.

Der große Nachschlag erfolgte dann in der vergangenen Woche mit einem deutschen und zwei brasilianischen Nationalspielern. Der HSV lockte Marcell Jansen, Thiago Neves und Alex Silva an die Elbe.

Lob für die Brasilianer

Jol ist von den Neuzugängen überzeugt. "Er ist ein hervorragender Spieler, der kreativ ist und Tore erzielt, dazu gefährliche Standards schießen kann", lobt der Trainer Mittelfeldspieler Neves, der von Fluminense Rio de Janeiro kam und zuletzt mit Brasilien die Olympische Bronzemedaille gewann.

Gemeinsam übrigens mit Silva. Dessen Qualitäten bringt Beiersdorfer im "Kicker" auf den Punkt: "Er ist ein junger Spieler, bereits mit viel Erfahrung, der unserer Defensive noch mehr Stabilität verleiht."

Mut, Glück und Moral

Gerade weil mit Petric und Jansen erst zwei Spieler dieses vielversprechenden Quartetts von Neuzugängen für den HSV im Einsatz waren, macht sich in Hamburg Mut für die Zukunft breit. Mit sieben Punkten nach drei Spieltagen steht der Bundesliga-"Dino" nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses auf Rang 2 der Tabelle.

Dem mutig erkämpften 2:2 zum Ligaauftakt gegen Jansens Ex-Club FC Bayern München folgte ein in letzter Minute gesicherter und daher glücklicher Heimsieg gegen den Karlsruher SC. Beeindruckender war da schon die erfolgreiche Aufholjagd bei Arminia Bielefeld. "Unsere Qualität ist so groß, dass wir immer Tore machen", sagte Jol über die tolle Moral beim 4:2-Sieg nach 0:2-Rückstand.

Jansens Debüt im HSV-Trikot auf der "Alm" beurteilte Jol im "Kicker" positiv: "Er hat seine Sache sehr gut gemacht. Ich glaube, er ist ein hervorragender Spieler für uns." Einen guten Job hat dann bisher vermutlich auch Petric abgeliefert. Unter seinen zwei Einwechslungen steht immerhin die Vorlage zum Siegtreffer gegen den KSC zu Buche.

"Werden eine Menge Spaß haben"

Torwart Frank Rost betonte angesichts der neuen Charaktere, "dass die Mannschaft in Ordnung ist". Offensichtlich beflügelt der neue Konkurrenzkampf sogar die alten "Rothosen". Ausgerechnet Verteidiger Bastian Reinhardt leitete nämlich mit seinem ersten Bundesliga-"Doppelpack" die Wende ein.

"Ich hoffe, dass die Fans und die Medien unseren neuen Spielern, insbesondere den beiden Brasilianern, Zeit zur Eingewöhnung geben. Dann werden wir eine Menge Spaß mit ihnen haben", traut Jol seinem neuen Quartett sogar zu, den beliebten van der Vaart vergessen zu machen.

Tim Tonner