Viele Fans rieben sich am 2. Oktober 1999 in Valladolid verwundert die Augen. Wer ist denn der Spieler mit der lockigen Mähne, der neben Louis van Gaal steht und dessen Worten gespannt lauscht? Nur wenige Augenblicke später wussten es alle.

Es war Carles Puyol, der von van Gaal letzte Anweisungen bekam, bevor er für Simao eingewechselt wurde. Bei seinem Debüt in der Primera Division verteidigte Puyol die rechte Abwehrseite wie ein Löwe - Jahre später sollte er aber als Innenverteidiger seine Bestimmung finden.

Kapitän und Seele der Mannschaft

Was folgte war eine fast beispiellose Karriere bei einem der traditionsreichsten Clubs der Welt. Mittelweile ist "Puyi", wie er von seinen Mitspielern genannt wird, Kapitän und Seele der Mannschaft.

Beinahe wäre es aber gar nicht so weit gekommen. Denn der Landwirts-Sohn aus dem kleinen katalonischen Dorf La Pobla de Segur hatte 1999 einen unterschriftsreifen Vertrag vom FC Malaga vorliegen. Damals war Puyol seit vier Jahren bei Barca und hatte Woche für Woche Weltstars wie Rivaldo, Hristo Stoichkov oder Luis Figo neben sich auf dem Trainingsplatz. Wer wollte da schon in die Sonne Südspaniens flüchten?

"Er brennt vor Ehrgeiz"

Des einen Leid, ist bekanntlich des anderen Freud. Und so suchte van Gaal nach der Verletzung von Michael Reiziger einen Ersatzspieler für die rechte Seite der Viererkette. Joan Martinez Vilaseca, van Gaals Vertrauensmann in der Scoutingabteilung, riet zu Puyol. "Er ist nicht der Größte, er ist nicht der Schnellste, er ist nicht der beste Techniker, nicht der Eleganteste und auch nicht der Beste - aber er ist immer da", erklärte Vilaseca.

Auch heute ist Puyol immer da. Er ist die Identifikationsfigur des Vereins, auch wenn er erst mit 17 zu Talentschmiede nach La Maisa kam. Und das war ebenfalls eher Zufall. Denn Nachwuchstrainer Oriol Tort machte eigentlich wegen eines Stürmers einen Abstecher zu Puyols Heimatclub, er nahm dann aber lieber "Puyi" mit. "Kann sein, dass der Junge viel weniger Talent besitzt als andere, aber was er können muss, wird er schon erlernen. Ich habe nämlich noch nie jemanden erlebt, der so sehr vor Ehrgeiz brennt, bei uns zu spielen, wie dieser Bursche", sagte Tort zum damaligen Zeitpunkt.

Das Rückgrat dieses Teams

Und im Verlauf der Karriere Puyols hat sich nicht viel verändert. Nie hat er sich auf seinen Lorbeeren ausgeruht. "Er kommt immer als erster zum Training und hört als letzter auf. Und wenn die Mannschaft einen freien Tag hat, trainiert er eben allein", berichtete Frank Rijkaard, der als Trainer 2006 die lange Durststrecke des FC Barcelona in der Champions League beendete - natürlich mit Puyol als Kapitän.

Es ist manchmal schwer zu glauben, dass in einer mit Weltstars gespickten Mannschaft ein Spieler mit eher begrenzten Fertigkeiten das Rückgrat dieses Teams bildet. Dass Barcelona den Vertrag mit dem 31-jährigen Puyol in diesem Jahr vorzeitig bis 2013 verlängert hat, spricht aber für den Stellenwert Puyols.

"Meine Haare werden nicht geschnitten"

Dabei gab es genügend Offerten anderer Top-Clubs, wie dem FC Chelsea oder dem Erzrivalen Real Madrid. "Ich habe mich oft gefragt, ob ich etwas anderes versuchen soll. Aber es ist einfacher hier zu bleiben, auch wegen der Fans. Nirgendwo sonst könnte ich das bekommen, was ich in Barcelona habe."

Und so wird der FC Barcelona wohl noch lange mit dem Namen Carles Puyol verbunden bleiben. Genau wie die wild anmutende Haarpracht als Markenzeichen Puyols bestehen bleibt. Denn zu einem Kurzhaarschnitt konnte ihn selbst sein sportlicher Ziehvater nicht überreden. Einmal hatte es van Gaal aber versucht. Die Antwort kam prompt: "Bei allem Respekt, Trainer. Aber meine Haare werden nicht geschnitten."

Aus Barcelona berichtet Michael Reis