Wenn Diego Forlan mit seiner großen Schwester auf dem Podium sitzt, muss er ihr das Mikrofon halten. Alejandra Forlan hat etwas mitzuteilen. Sie sitzt im Rollstuhl, ist gelähmt - ein schwerer Autounfall. In hohem Tempo krachte sie gegen einen Baum. Künstliche Beatmung, sechs Monate lang, und allerhöchste Lebensgefahr. Ein Mikrofon halten: Eine riesige Anstrengung. "Ich bin so stolz auf sie", sagt Diego Forlan.

Er war damals zehn Jahre alt, schockiert, verzweifelt. Er beschloss, Profifußballer zu werden und viel Geld zu verdienen. 21 Jahre später kann Diego Forlan Weltmeister werden - auch für seine geliebte Schwester. Mit ihr gründete er 2009 die Fundacion Alejandra Forlan. Das Ziel: Junge Menschen anzuhalten, im Straßenverkehr nicht ihr Leben zu verschleudern.

In Gedanken bei der Schwester

"Er gibt den jungen Menschen ein Beispiel, wie es ist, als Bruder, als Familienmitglied so eine Tragödie zu erleben", sagte Alejandra Forlan, ausgebildete Psychologin: "Ich genieße jeden Tag, den ich an seiner Seite verbringen darf."

Es sind leider nur wenige, denn Diego Forlan, der überragende Nationalspieler Uruguays bei dieser WM, lebt in Spanien. Er spendet für die Stiftung einen Teil seines üppigen Gehaltes, er nutzt seine Popularität. Bei seiner Schwester ist er meistens in Gedanken. "Ich glaube an meine Familie. Meine Schwester ist ein Beispiel dafür, wie man ein schweres Schicksal überwinden kann", sagte er: "Meine Eltern haben mir Verantwortung beigebracht."

Aus Chancentod wurde Tormaschine

Die übernimmt er auch auf dem Platz. Jeder Freistoß, jeder Eckball, alles seine Sache. Das T-Shirt, auf dem er einst noch als Chancentod verspottet wurde, wirkt wie aus einem anderen Zeitalter. "Ich war dabei, als Forlan ein Tor schoss", haben die enttäuschten Fans von Manchester United 2002 darauf gedruckt. Auf solch eine Idee käme heute niemand mehr. Diego Forlan schießt inzwischen Tore wie am Fließband, so viele, dass die Textil-Industrie mit der Produktion seiner Trikots kaum mehr nachkommt.

Das Angenehme ist: Diego Forlan kann mehr als nur Fußball spielen. Forlan spricht vier Sprachen, hat Wirtschaft studiert und ist bescheiden geblieben. In Madrids Nobelvorort Las Rozas fällt der 31-Jährige fast schon unangenehm auf. Zwischen Ferraris und Bentleys steht sein kleiner, alter Peugeot. Protzen ist nichts für ihn. Rasen sowieso nicht. Die Vergangenheit...

Erinnerungen an Leverkusen

"Der 205 ist das erste Auto, das ich mir selbst gekauft habe. Deshalb habe ich es behalten", sagt Diego Forlan. Es passt zu ihm, denn spektakuläre Auftritte spart er sich für seine Spiele auf. 37 Tore in 80 Spielen für Independiente Buenos Aires, danach 59 in 128 für den FC Villarreal, 86 in 154 nun für Atletico Madrid.

Nur in Manchester, daher das T-Shirt, kam die große Ladehemmung. 17 Tore in 98 Spielen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er im Champions-League-Halbfinale 2002 gegen Bayer Leverkusen dieses, "verdammt nochmal", enorm wichtige Tor erzielt hätte - Diego Placente blockte den Schuss auf der Linie.

Schon der Vater spielte für die "Urus"

England wieder zu verlassen, so scheint es, war die wahrscheinlich beste Entscheidung seiner Laufbahn. Seitdem geht es aufwärts, bis zum Europa-League-Sieg mit seinem Verein Atletico im Mai in Hamburg. Cachavacha, wie er nach einer argentinischen Zeichentrick-Hexe genannt wird, besitzt das Rezept für den Tor-Zaubertrank. Es lautet: Harte Arbeit, filigrane Technik und "Garra Charrua" - Kampfgeist.

Dazu kommt Veranlagung. Er hat gute Gene. Sein Vater Pablo spielte als Nationalverteidiger in einer Ära, in der die Gegner mächtig Angst um ihre Knochen hatten, wenn es gegen die "Urus" ging. Bei Forlan junior ist die technische Seite ausgeprägter - das wissen inzwischen sogar die Fans von Manchester United.

Doch bei allem Erfolg: Für Diego Forlan wird es immer Wichtigeres geben als den Fußball. Eine Tragödie prägt sein Leben.