München - "Tod oder Gladiolen" - im vergangenen Jahr wurde diese Metapher von Louis van Gaals zum geflügelten Wort. Damit meinte der durchaus humorvolle Niederländer die finalen Spiele einer Saison, in denen es um die Entscheidung geht. Oder wie es der deutsche Fan weniger theatralisch mit "Sekt oder Selters" umschreibt.

Die Vielzahl dieser Spiele finden traditionell im Mai statt. So auch in der Saison 2010/11, als - mit Ausnahme der Meisterschaft - alle offenen Fragen geklärt werden.

BVB im Dauerfeierzustand, Frankfurt trauert

Dortmund befindet sich im Dauerfeierzustand. Zwei Wochen vor Schluss stand der Titelgewinn fest, genug Zeit, um eine Riesensause zu planen, die allen Dortmunder Verantwortlichen deutlich mehr abverlangt als so manche Bundesliga-Partie zuvor. Fest steht jedenfalls: Auch im Feiern ist der BVB meisterlich.

Mit seinem letzten Sieg mischt sich die Elf von Jürgen Klopp auch noch einmal in den Abstiegskampf ein. Am letzten Spieltag . Die Hessen hatten damit eine abenteuerlich schlechte Rückrunde mit nur einem Sieg, acht Punkten und sieben Toren abgeschlossen. Der als Retter geholte Christoph Daum blieb in sieben Spielen ohne "Dreier" und erleidet einen ziemlichen Imageschaden.

Wolfsburg in letzter Sekunde gerettet

Die Eintracht begleiten muss der Aufsteiger FC St. Pauli, der in den letzten zwölf Rückrundenmatches nur einen einzigen Punkt ergattern kann. Im letzten Moment retten kann sich dagegen der VfL Wolfsburg, der an dem dramatischen letzten Spieltag zwischenzeitlich als 17. der Tabelle für ein paar Minuten abgestiegen war, dann aber doch noch den 0:1-Rückstand in Hoffenheim in einen 3:1-Sieg verwandeln kann.

Dabei muss VfL-Trainer Felix Magath auch mit dem Handicap fertig werden, dass sich sein Superstar Diego nach seiner Nichtnominierung für die Starelf einfach aus dem Hotel verabschiedet und seines Weges geht. Der Topverdiener lässt sein Team im Stich, nur eine Episode einer total verkorksten "Wölfe"-Saison, die so gerade eben noch einmal gut ausgeht.

Gladbachs Aufholjagd gekrönt

Das Fußballmärchen der Saison neben dem des Meisters schreibt die andere Borussia aus Gladbach. Bis zum 32. Spieltag liegt die "Elf vom Niederrhein" in der Rückserie auf dem letzten Platz. Doch mit einer imponierenden Aufholjagd und einem energischen Schlussspurt gelingt der Borussia doch noch das Fußballwunder. In den letzten vier Spielen macht Mönchengladbach neun Punkte auf Eintracht Frankfurt gut und rettet sich auf Platz 16.

Lucien Favre hat die Mannschaft damit aus schier aussichtloser Situation befreit und in die Relegation geführt, in der sich die Borussia mühsam gegen den VfL Bochum, den Dritten der 2. Bundesliga, mit 1:0 und 1:1 durchsetzt. Nach der Rettung machen die "Fohlen" die Nacht zum Tag und feiern mit ihren Fans bis zum Vormittag des kommenden Tages.

Leverkusen vor den Bayern

Grund zur Freude haben viele weitere Clubs. Bayer Leverkusen zum Beispiel. Die "Werkself" schließt die beste Saison seit neun Jahren mit der Vizemeisterschaft und der direkten Qualifikation zur Champions League ab und beweist am letzten Spieltag beim 1:0-Sieg in Freiburg, dass sie auch entscheidende Spiele gewinnen kann.

Der FC Bayern ist in dieser Saison mehrfach "tot", holt sich am Ende aber doch noch zumindest einen kleinen Strauß "Gladiolen", in dem er sich unter seinem Interimscoach Andries Jonker mit 13 von 15 möglichen Punkten in den letzten fünf Spielen doch noch Platz 3 sichert und die Chance auf die Champions League wahrt.

Überraschungsteams brechen nicht ein

In Hannover und Mainz jubeln die Fans über die besten Spielzeiten der Bundesliga-Geschichte. Die beiden Überraschungsteams brechen nicht ein und qualifizieren sich völlig überraschend für die Europa League.

Dahinter landen mit Nürnberg auf Platz 6, Aufsteiger Kaiserslautern auf Position sieben und Freiburg auf Rang neun drei weitere Vereine, die ihre Möglichkeiten einhundertprozentig ausgereizt haben. Kompliment.

Tristesse bei vielen "Großen"

Im Rest des Feldes überwiegt die Enttäuschung. Beim Hamburger SV, der zwar Achter wird, aber jede Menge Chancen verpasst, in Hoffenheim, das nach dem Trainerwechsel in der Rückrunde wieder einmal stark nachlässt. Stuttgart, Schalke und Bremen, die in der Vorsaison noch im oberen Drittel rangierten, gelingt nur die Schadensbegrenzung und der Nichtabstieg.

Der 1. FC Köln verschleißt drei Trainer und spielt dennoch rein tabellarisch mit einem überragenden Kapitän Lukas Podolski die beste Spielzeit seit zehn Jahren. Nach dem letzten Spieltag verkündet Sportdirektor Volker Finke die Verpflichtung eines neuen Trainers. Der Norweger Stale Solbakken, der mit Kopenhagen große Erfolge gefeiert hat, soll den FC künftig zu neuem Glanz verhelfen.

Schalke holt den Pott

Am letzten Spieltag heißt es auch wieder Abschied nehmen. Große Spieler verabschieden sich: Torsten Frings, Dede, Ze Roberto, Ruud van Nistelrooy, Miroslav Klose, Hamit Altintop und einige mehr. Mario Gomez wird mit 28 Treffern Torschützenkönig.

Eine Woche nach dem Saisonfinale gewinnt Schalke 04 das Pokalfinale gegen den MSV Duisburg mit 5.0. Raul wird erstmals in seiner großartigen Karriere Pokalsieger, Kapitän Manuel Neuer bestreitet sein letztes Spiel für "Königsblau". Die "Knappen" bringen damit eine verkorkste Bundesliga-Saison zu einem versöhnlichen Ende.

Barca wieder ganz oben

In der 2. Bundesliga schafft der FC Augsburg erstmals den Aufstieg in die Bundesliga. Absteigen in die 3. Liga müssen neben Bielefeld auch Oberhausen und Osnabrück, das in der Relegation an Dynamo Dresden scheitert.

International bleibt der FC Barcelona das Maß aller Dinge. Nach dem Gewinn der spanischen Meisterschaft sichert sich "Barca" nach einem überragenden 3:1-Finalerfolg über den englischen Meister Manchester United, der im Halbfinale Schalke 04 ausgeschaltet hatte, auch die Champions League.

Der FC Porto gewinnt die Europa League (1:0 gegen Braga), der AC Mailand mit dem deutschen Supertalent Alexander Merkel das italienische Championat. Die deutsche Nationalmannschaft gewinnt ein Freundschaftsspiel gegen Uruguay mit 2:1.


Das Spiel des Monats:

Teil II der Relegation. Im Hinspiel hatte die Borussia in der 3. Minute der Nachspielzeit einen glücklichen 1:0-Sieg (Torschütze Igor de Camargo) vorgelegt. Im Rückspiel erleben die Zuschauer erneut ein intensives, packendes und ausgeglichenes Duell. Ein Eigentor des Borussen Harvard Nordtveit bringt den VfL auf die Siegerstraße.

Über 70 Minuten hält der Zweitligist die Führung, die Verlängerung bedeuten würde. Dann gelingt der Borussia eine traumhafte Kombination, die - natürlich - von Marco Reus, dem besten Borussen der Saison, mit dem 1:1 abschließt. Danach ist der Bochumer Widerstand gebrochen.

Die Mönchengladbacher feiern ihren Trainer Lucien Favre, der monatelang seiner Mannschaft eingetrichert hatte, dass die Rettung sehr schwer, aber noch möglich wäre. Der Schweizer sollte recht behalten.

Tobias Gonscherowski

Das Jahr 2011 im Überblick