Poznan - Das ständige Gerede über das "Plätzchen" ging Cesare Prandelli vor dem wichtigsten Spiel seiner Trainerkarriere mächtig auf den Keks. "Immer nur das Geschwätz vom Biscotto. Ich kann es nicht mehr hören. Es wird nicht dazu kommen - und damit basta", sagte der verärgerte Coach der italienischen Nationalmannschaft.

Biscotto bedeutet Plätzchen, doch im Land des viermaligen Weltmeisters steht der Begriff auch für Verschwörung - und die lauert nach Ansicht der fast schon paranoiden Medien im skandalgeplagten Italien am letzten Spieltag der EM-Vorrundengruppe C.

Italien droht das Aus



Eine mögliche Absprache zwischen Spanien und Kroatien drängt vor der Partie der Italiener gegen die bereits ausgeschiedenen Iren am Montag in Posen sogar das Wiedersehen mit Trainer-Methusalem Giovanni Trapattoni ganz weit in den Hintergrund. In die Titelseite der Gazzetta dello Sport hätte der Leser fast reinbeißen können - so groß war der darauf abgebildete Keks.

Selbst das wahrscheinliche Aus für Prandelli bei einem Scheitern in der Vorrunde spielt nur eine untergeordnete Rolle. Es geht fast ausschließlich um jenes 2:2, mit dem sich die Kroaten und die Spanier in der parallel stattfindenden Partie völlig unabhängig vom italienischen Resultat für das Viertelfinale qualifizieren würden - Italien wäre raus.

Für Prandelli, der um den Einsatz des bisher schwachen Skandalstürmers Mario Balotelli (Knieprobleme) bangen muss, ist dieses Szenario allerdings vollkommen unrealistisch. "Wir sollten diesen Verdächtigungen keine Nahrung geben. Spanien wird auf den Platz gehen und gewinnen - so wie es der Welt- und Europameister in den vergangenen Jahren fast immer getan hat", sagte der 54-Jährige: "Die Spanier spielen seit vielen Jahren großartig, alle Welt will sie nachahmen. Und nun sollen sie es mit Schiebung probieren? Das ist ausgeschlossen."

Prandelli nimmt Änderungen vor



Die italienische Presse und die Tifosi in der Heimat sehen das ein wenig anders. Die Angst vor einer Verschwörung gegen die Squadra Azzurra ist seit acht Jahren in Italien präsent. Bei der EM-Endrunde 2004 in Portugal stolperten die Azzurri mit dem damaligen Trainer Trapattoni schließlich schon einmal über ein 2:2 der Kontrahenten. Damals trennten sich Dänemark und Schweden mit diesem Ergebnis, von dem sie wussten, dass es beiden reicht. Italien musste vorzeitig nach Hause fahren.

"Wir dürfen nicht an das denken, was vor acht Jahren passiert ist. Das würde ja so aussehen, als ob wir schon im Vorfeld nach einer Entschuldigung suchen", sagte Prandelli, der gegenüber den beiden Unentschieden gegen Spanien und Kroatien (jeweils 1:1) "drei oder vier" personelle Veränderungen vornehmen will: "Wir müssen ganz einfach unser Spiel gewinnen, dann werden wir ziemlich sicher im Viertelfinale stehen. Dann hätten wir es auch verdient."

Die bereits ausgeschiedenen Iren wollen sich mit Würde von der EM verabschieden. Trainer Giovanni Trapattoni hatte im Vorfeld der Partie gegen sein Heimatland erklärt, die Mannschaft trotz der 0:4-Niederlage gegen die Spanier nicht umzustellen. Aus Dankbarkeit für die geglückte EM-Qualifikation, die erste seit 24 Jahren, erhalten die alternden Stars wie Rekordtorjäger Robbie Keane einen würdigen Abschied von der großen Fußball-Bühne. "Wir werden mit dem Team spielen, das sich für die EM qualifiziert hat. Das hat es sich verdient", sagte Trapattoni.

Voraussichtliche Aufstellungen:

Italien: Buffon - Bonucci, De Rossi, Chiellini - Montolivo, Marchisio, Pirlo, Motta, Nocerino - Cassano, Di Natale, Trainer: Prandelli

Irland: Given - O'Shea, Dunne, St. Ledger, Ward - McGeady, Whelan, Andrews, McClean - Walters Keane, Trainer: Trapattoni

Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)

Die Top-Fakten zum Spiel:

  • Italien steht gegen Irland unter Siegzwang, ansonsten würden sich die Italiener zum dritten Mal bei einer EM nach der Vorrunde verabschieden.

  • Bei der WM vor 2 Jahren spielte Italien in den ersten beiden Gruppenspielen ebenfalls 1:1 und schied dann nach einem 2:3 gegen die Slowakei aus

  • Noch nie schied Italien nacheinander bei einer WM und EM nach der Gruppenphase aus.

  • Irland schied auch bei der 2. EM-Teilnahme nach der Vorrunde aus, gleiches gilt für den irischen Coach Giovanni Trapattoni, dem dies 2004 mit Italien passierte

  • Irland nimmt zum fünften Mal an einem großen Turnier teil (WM und EM) - ohne zumindest einen Punkt sind die Iren noch nie nach Hause gefahren.

  • Unter Trapattoni ist Irland noch ungeschlagen gegen Italien (ein Sieg, zwei Remis).

  • Den einzigen Pflichtspielsieg gegen Italien feierte Irland vor exakt 18 Jahren, am 18. Juni bei der WM 1994 (1:0 - Tor Ray Houghton).

  • Mit Buffon, Cassano und Pirlo sind noch drei Spieler dabei, die auch im letzten Länderspiel von Trapattoni als italienischer Nationalcoach auf dem Platz standen (2:1-Sieg gegen Bulgarien bei der EM 2004).

  • Italien-Coach Cesare Prandelli spielte sechs Jahre (1979 - 1985) bei Juventus Turin unter Giovanni Trapattoni, gemeinsam gewannen sie u.a. den Europacup der Landesmeister.

  • Damien Duff steht vor seinem 100. Länderspiel - er wäre erst der fünfte irische Nationalspieler, dem dieses Kunststück gelingt.