Warschau - Robert Lewandowski starrte traurig ins Leere, dann schüttelte er den Kopf und lächelte gequält. "Ich war so froh über dieses Tor, die Freude war unbeschreiblich. Aber dieses Ergebnis reicht uns nicht. Wir wollten mehr", sagte der Stürmerstar von Borussia Dortmund nach einer wilden Achterbahnfahrt der Gefühle.

Sie hatte den EM-Gastgeber Polen in einem denkwürdigen Eröffnungsspiel direkt "vom Himmel in die Hölle" befördert, wie die große Sportzeitung "Przeglad Sportowy" titelte, denn die Griechen entpuppten sich am Ende als unbequemer Gast auf der lange Zeit stimmungsvollen polnischen Party.

Gefühlte Niederlage



"Ein Wechselbad verrückter Emotionen: Zwei rote Karten und ein gehaltener Elfmeter. Das ist nicht normal für ein Eröffnungsspiel. Die Fußballgötter müssen verrückt sein", schrieb die polnische Zeitung "Gazeta" nach dem 1:1 (1:0) der Polen gegen Griechenland in Warschau, und nicht nur für Lewandowski fühlte sich das Unentschieden in seiner Heimatstadt wie eine bittere Niederlage an. Kapitän Jakub Blaszczykowski bezeichnete es völlig zurecht als "saudumm, dass wir das so abgegeben haben".

Lewandowski hatte die Gastgeber in der 17. Minute mit dem ersten Treffer der EM in Führung geköpft und das Nationalstadion in ein Tollhaus verwandelt. Als dann noch der Grieche Sokratis von Werder Bremen in der 44. Minute die Gelb-Rote Karte sah, träumten 38 Millionen Polen schon von einem Kantersieg.

Ersatzkeeper wird zum Held



Doch nach der Pause verloren die Polen völlig den Faden und gegen zähe und kampfstarke Griechen immer mehr die Nerven. "Einige Spieler waren vom Druck wie paralysiert", sagte Nationaltrainer Franciszek Smuda. Dimitrios Salpingidis (50.) gelang in Unterzahl der überraschende Ausgleich. Nachdem dann Polens Torwart Wojciech Szczesny (68.) wegen einer Notbremse an Salpingidis vom Feld musste, drohte Polen sogar die Pleite, doch Przemyslaw Tyton wurde zum großen rot-weißen Helden des Abends. Der Ersatztorwart parierte in seiner ersten Aktion den Foulelfmeter von Georgios Karagounis.

"Ich habe die Chance bekommen, dem Team zu helfen - das war für mich wie ein Traum", sagte Tyton: "Ich bin unglaublich glücklich, dass ich Gott sei Dank den Elfmeter gehalten habe." Das strahlende Lächeln des Torwarts von der PSV Eindhoven stach nach dem Spiel aus einer ganzen Reihe missmutiger Mienen seiner Teamkollegen seltsam hervor.

Wenig überraschend, dass ausgerechnet Tyton im Hinblick auf das zweite Gruppenspiel am Dienstag gegen Russland die meiste Zuversicht verbreitete. "Wir werden jetzt nicht traurig sein und lange Gesichter machen. Das Unentschieden geht in Ordnung, wir müssen nur das nächste Spiel gewinnen", sagte der 25-Jährige.

Griechenland beweist Moral



Doch gegen die Griechen war deutlich mehr drin, denn 20 Minuten lang führten die Co-Gastgeber aus Polen den Gegner quasi vor, doch die Gäste zeigten starken Willen und Comeback-Qualitäten. "Wir gehen gestärkt aus diesem Spiel heraus", meinte dann auch Abwehrspieler Sokratis. Allerdings wartet auf Trainer Fernando Santos vor der zweiten Partie am Dienstag gegen Tschechien eine große Herausforderung. Der Portugiese muss seine komplette Innenverteidigung umbauen. Sokratis ist für ein Spiel gesperrt, für Avraam Papadopoulos ist die EM nach einem Kreuzbandriss im linken Knie beendet. "Wir werden eine Lösung finden - früher oder später", sagte Santos.

Hoffnungsträger ist der Schalker Kyriakos Papadopoulos, der sich nach seiner Einwechslung in der 37. Minute den polnischen Angriffen furchtlos in den Weg stellte und die Wackel-Abwehr stabilisierte. "Das war ein guter Start", sagte der 20-Jährige und dachte selbstbewusst an die bevorstehenden Aufgaben: "Dem nächsten Spiel gilt die volle Konzentration. Ich hoffe, dass wir das Viertelfinale erreichen."

Insbesondere der erkennbare Lernprozess seiner Mannschaft innerhalb des Spiels macht dem Rehhagel-Nachfolger Santos aber Mut. Die zweite Halbzeit sei klasse gewesen. Dafür müsse man seinen Spielern gratulieren, sagte der Trainer.