Lwiw/Gdansk - Viel riskiert, alles gewonnen: Als Jose Mourinho dem "Pokerface" Joachim Löw kurz nach dem Abpfiff anerkennend auf die Schulter klopfte, respektvoll "great job" sagte und zum Sieg gratulierte, strahlte der Bundestrainer, als habe er soeben den Jackpot geknackt.

Das 1:0 (0:0) der deutschen Nationalmannschaft im ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal durfte sich Löw auf die Fahne schreiben: Mit seinen Entscheidungen für Mario Gomez und Mats Hummels hatte er jeweils auf die richtige Karte gesetzt.

Gomez froh über Löws Vertrauen



Der Münchner Gomez, der überraschend den Vorzug vor Miroslav Klose erhalten hatte, avancierte in der 72. Minute mit seinem Treffer zum Matchwinner. Und so ganz nebenbei sorgte er mit seinem ersten Tor bei einem großen Turnier dafür, dass die DFB-Auswahl auch bei ihrem elften EM-Auftakspiel ungeschlagen blieb. Der Dortmunder Doublegewinner Hummels stach in letzter Sekunde Per Mertesacker aus und lieferte in seinem 15. Länderspiel seine bislang beste Leistung im DFB-Trikot ab.

"Das war ein weiter Weg bis hierhin. Ich bin froh, dass der Trainer mir das Vertrauen geschenkt hat", sagte ein überglücklicher Gomez, der in Lwiw nur nach dem Spiel Pech hatte: Er und Holger Badstuber mussten noch zur Dopingprobe, beide konnten deshalb nicht mir der Mannschaft aus der Ukraine zurück ins EM-Quartier nach Gdansk fliegen.

Der Bayern-Torjäger, der nur wegen der Schlafmützigkeit des vierten Offiziellen bei seinem Treffer überhaupt noch auf dem Platz stand, musste eine gute Stunde später mit den Edelfans und Journalisten nach Danzig zurückreisen. Dort versprühte er in der ersten Reihe aber nicht nur wegen der süßen Belohnung in Form eines Kusses von Freundin Silvia glänzende Laune.

"Der Sieg war eine Initialzündung"



Während sich Gomez und Hummels als Sieger des Abends von Lwiw feiern lassen konnten und am Sonntag einige freie Stunden mit ihren Lebensgefährtinnen bei sonnigem Wetter an der Ostsee genossen, mussten sich Klose und Mertesacker mit ihrer ungewohnten Rolle als Reservist vertraut machen. Das "Liebesdoping" von Löw konnte da wenig trösten. "Das war abgesprochen und okay", sagte Klose emotionslos an seinem 34. Geburtstag, während Mertesacker doch recht irritiert wirkte: "Das ist eine neue Situation für mich, das hat mit meiner Verletzung nichts zu tun."

Während dieses Duo seine Wunden leckte, blickte Löw schon auf das zweite Gruppenspiel gegen Erzrivale Niederlande am Mittwochabend in Charkiw. "Mir wäre es lieber gewesen, wenn dieses Spiel unentschieden geendet hätte. Die Niederlande stehen jetzt mit dem Rücken zur Wand, sie müssen voll auf Sieg spielen. Das macht die Partie nochmal ein Stück brisanter und für uns noch schwieriger als ohnehin schon erwartet", sagte er. Das überraschende 0:1 des vermeintlichen schwersten Gruppenkonkurrenten gegen Dänemark hatte er 52-Jährige nur zum Teil verfolgt.

Gegen Arjen Robben und Co. fordert Löw außerdem eine Steigerung seiner Mannschaft. "Wir müssen noch zielstrebiger werden und uns noch mehr Chancen herausarbeiten", sagte der Bundestrainer, gab sich aber zuversichtlich: "Der Sieg wird uns auch Sicherheit in unserem Spiel nach vorne geben. Ich hoffe, das war eine Initialzündung."

Lob für Ronaldo-Bewacher Boateng



Die deutsche Hintermannschaft scheint da bereits einen Schritt weiter zu sein. Torwart Manuel Neuer hielt glänzend, seine Vorderleute standen stabil, ließen gegen Superstar Cristiano Ronaldo und Co. nicht allzuviele Chancen zu, hatten bei zwei Lattentreffern aber auch Glück. "Die Innenverteidigung stand sehr sicher, auch Jerome Boateng und Philipp Lahm auf den Außenpositionen haben ihre Sache sehr gut gemacht", sagte Löw. Er lobte zudem ausdrücklich Boateng, von dem er nach dessen privaten Eskapaden eine Bringschuld eingefordert hatte. (XL-Galerie: Einzelkritik der DFB-Stars)

"Jerome hat ein sehr gutes Spiel gegen Ronaldo gemacht, er hat ihn weitestgehend im Griff gehabt", lobte der Bundestrainer. Boateng war nach seiner guten Vorstellung spürbar erleichtert: "Ganz ausschalten kann man Ronaldo nicht, wir haben es aber als Mannschaft gut hinbekommen. Die ganze Mannschaft stand nach den letzten Ereignissen hinter mir. Das hat mich beflügelt", sagte der Münchner.

"Wir können uns noch steigern"



Aber auch von anderen fiel die Anspannung ab. "Das war wie eine Befreiung", sagte Teammanager Oliver Bierhoff und Kapitän Lahm konstatierte: "Wichtig ist, dass wir gewonnen haben. Das gibt zusätzliches Selbstvertrauen für das weitere Turnier." Mesut Özil, der trotz einer durchwachsenen Leistung von den UEFA-Preisrichtern zum "Man of the Match" gewählt worden war, räumte ein: "Wir können uns noch steigern. Aber gegen eine starke portugiesische Mannschaft war das ein guter Anfang. Darauf können wir aufbauen."

So sieht es auch der neue DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: "Wir sollten die ganzen positiven Momente mitnehmen und uns ganz einfach freuen."