München - Langeweile in der Bundesliga? Von wegen! Wer nach der Winterpause von einem Alleingang des Herbstmeisters FC Bayern ausging, wurde eines Besseren belehrt. Gleich am ersten Rückrundenspieltag ist die Ausgangslage durch die Niederlage des Rekordmeisters in Gladbach wieder völlig offen: Gleich vier Mannschaften sind bis auf einen Zähler zusammengerückt.

Punktgleich mit den Bayern stehen Dortmund und Schalke an der Spitze, Gladbach liegt nur einen Zähler dahinter. Doch wie geht es jetzt weiter? Können die Münchner der Auftaktschock so gut verdauen wie in der Hinrunde? Und wer vom Verfolgertrio hat die besten Karten, falls die Elf von Jupp Heynckes erneut patzt?

bundesliga.de hat mit Trainerlegende Udo Lattek einen Experten befragt, der es wissen muss - immerhin hat der ehemalige Coach alle vier Mannschaften unter seinen Fittichen gehabt. Mit einer kreativen "Rechenformel" beschreibt der 77-Jährige die überraschende Niederlage des FCB im Borussia-Park.

bundesliga.de: Herr Lattek, wie bewerten Sie den Rückrundenauftakt aus Bayern-Sicht? Ist es für die Münchner nur ein Ärgernis oder könnte die Niederlage im Borussia-Park Signalwirkung für den Rest der Saison haben?

Udo Lattek: Das ist kein Beinbruch - aber mir fehlte das kämpferische Element bei der Bayern-Truppe. Sie haben kontrolliert gespielt, es sah am Anfang auch ganz passabel aus. Aber der Zug nach vorne war einfach nicht vorhanden, weil sie so lange gewartet haben, bis sich die Gladbacher hinten rein gestellt und alles dicht gemacht haben. Und dann kommen die Bayern trotz ihrer tollen Sturmspitzen einfach nicht durch.

bundesliga.de: Welche Konsequenzen müssen die Verantwortlichen aus der Niederlage ziehen?

Lattek: Das kämpferische Element einer Mannschaft beizubringen, ist eigentlich das Leichteste, was es für einen Trainer gibt. Man muss die Spieler mal richtig zusammenfalten. Sie können das! Sie haben einfach das Potenzial nicht abgerufen. Ich bedaure schon jetzt die Mannschaft, die nächste Woche in der Allianz Arena aufläuft (Wolfsburg, d.R.).

bundesliga.de: Das heißt, die Bayern waren Ihrer Meinung nach zu selbstsicher vor dem Rückrundenstart?

Lattek: Davon bin ich überzeugt. Ich habe schon vor dem Freitag zu meiner Frau gesagt, dass alles übermäßig gut dargestellt wird: das beste Trainingslager, die besten Trainingsleistungen. Das Beste vom Besten. Und wenn zu viel Bestes zusammenkommt, dann kommt meistens irgendetwas Schlechtes heraus. In der Mathematik ergibt minus mal minus plus. Im Fußball ist es umgekehrt, also ist hier plus mal plus gleich minus.

bundesliga.de: Was sagen Sie denn zu den Gladbachern?

Lattek: Was sie am Freitag gezeigt haben, war aller Ehren wert. Das war sehr willensstark, wie sie gekontert haben. Sie haben vor allem mit ihrer Lauffreudigkeit gewonnen, denn sie sind mehr gerannt als die Bayern. Wenn sie jedes Spiel so engagiert angehen, dann traue ich ihnen viel zu.

bundesliga.de: Haben Sie sich bei Gladbachs Kontertaktik an die 70er Jahre erinnert, als die "Fohlen" letztmals mit Ihnen als Cheftrainer Deutscher Meister wurden?

Lattek: Bei uns war es damals ein bisschen anders gelagert, denn wir hatten nicht so schnelle Außenstürmer wie die heutige Borussia.

bundesliga.de: Sie hatten doch Alan Simonsen, seines Zeichens Europas Fußballer des Jahres 1977, im Team...

Lattek: Ja, aber selbst Simonsen hatte nicht so einen Zug zum Tor wie Marco Reus und Patrick Herrmann. Er war ein ganz exzellenter Fußballer, der drei oder vier Mann ausdribbeln konnte, aber die Endschnelligkeit der jetzigen Gladbacher Stürmer hatte Simonsen nicht.

bundesliga.de: Was trauen Sie der Borussia langfristig zu?

Lattek: Die Frage ist nach wie vor, wie sie mit den Weggängen von Marco Reus und Roman Neustädter fertig werden. Das Thema ist nach dem ersten Spiel aber erst einmal ausgeräumt worden. Ganz entscheidend wird sein, ob Trainer Lucien Favre bleibt. Da kann man noch nichts voraussagen.

bundesliga.de: Punktgleich mit dem FC Bayern steht Schalke 04 ebenfalls blendend da. Wie bewerten Sie die Situation der "Knappen" nach dem 3:1-Sieg gegen Stuttgart?

Lattek: Das war ein souveräner Auftritt von Schalke. Sie haben sich gut verstärkt und spielen einen guten Fußball. Insgesamt ist es mehr, als man vor der Saison erwartet hatte.

bundesliga.de: Muss sich das Team nach dem Ausfall von Benedikt Höwedes noch einmal verstärken?

Lattek: Ich kenne die finanziellen Möglichkeiten von Schalke nicht. Aber wenn sie dringend einen Spieler brauchen, wären sie bestimmt in der Lage, einen dazuzuholen.

bundesliga.de: Das letzte fehlende Team aus dem Spitzenquartett ist Borussia Dortmund, das am Sonntagmachmittag den HSV mit 5:1 aus dem Stadion schoss. Die meisten Experten trauen dem BVB am ehesten zu, den Bayern die Meisterschaft streitig zu machen - Sie auch?

Lattek: Ich glaube schon. Vor der Saison dachte ich noch, sie würden nach dem Titelgewinn etwas abfallen. Aber jetzt zeigen sie wieder, dass sie dort anschließen können, wo sie letzte Saison aufgehört haben.

bundesliga.de: Ihr Fazit bitte, Herr Lattek: Welches Team hat die besten Karten im Rennen um die Meisterschaft?

Lattek: Wir können vier Würfel mit den jeweiligen Vereinslogos in den Würfelbecher stecken, schütteln - und wer als erster rausfällt, wird Deutscher Meister. Und das wird Bayern München sein (lacht).

Das Gespräch führte Johannes Fischer