Lwiw/Gdansk - Erst über den Wolken herrschte ausgelassene Stimmung. Als DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zum Bordmikrofon griff und eine Lobeshymne auf Bundestrainer Joachim Löw und die Mannschaft anstimmte, löste sich die Anspannung. "Euer Zusammenhalt ist phänomenal. Ich kann euch nur aufrufen, in diesem Geist weiterzumachen. Ihr seid ein fantastisches Team, und ihr sollt wissen, dass ganz Deutschland hinter euch steht. Was ihr geleistet habt, ist außergewöhnlich und alles andere als selbstverständlich", sagte Niersbach.

Auf einem Höhenflug befindet sich die deutsche Nationalmannschaft nach dem Einzug ins Viertelfinale der EM zwar noch nicht - in 11.000 Metern Höhe war ihr aber endlich zum Jubeln zumute. "Druckabfall gibt es bei dem Turnier nicht. Aber das war das erste Entscheidungsspiel für uns. Das hat man schon gemerkt, obwohl wir uns schon gefreut haben", begründete der Bundestrainer Löw die vornehme Zurückhaltung seiner Mannschaft nach dem 2:1 (1:1) im dritten und letzten EM-Gruppenspiel gegen Dänemark.

"Jogi, du hast es durchgezogen. Das ist allererste Klasse!"



Deutschland trifft auf seinem Weg zum vierten Titel auf Griechenland. Nach erstmalig drei Siegen in drei EM-Gruppenspielen. Neben Hunderttausenden auf den Fanmeilen erlebten 27,65 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher den Einzug ins Viertelfinale gegen Griechenland mit. Doch das Weiterkommen stand für kurze Zeit auch auf des Messers Schneide, das war Niersbach nicht entgangen. "Wir haben zum dritten Mal ziemlich stark gezittert, aber es ist gut gegangen", fasste der 61-Jährige treffend die Vorrunde aus deutscher Sicht zusammen. Ein 2:1 der Dänen - und Deutschland ware raus gewesen.

Das war aber kein Grund für Niersbach, nachts um eins nicht auch den Trainer in höchsten Tönen zu loben, als es zurück von Lwiw nach Gdansk ging. "Jogi, du hast dich nicht beklagt über manche Schwierigkeiten bei der EM-Vorbereitung. Du hast es mit deiner Art, mit deinem Trainerteam, mit Oliver Bierhoff im Management, durchgezogen. Das ist allererste Klasse", schwärmte der DFB-Boss von Löw und dessen engsten Mitarbeitern. An Bord des Lufthansa-Sonderfluges LH 343 gab es Applaus.

Löw warnt vor den "Meistern der Effizienz"



Bei allem Lob: Auch beim 1:0 gegen Portugal und beim 2:1 gegen die Niederlande hatte die jüngste Mannschaft des Turniers reichlich Luft nach oben gelassen. Wohl auch deshalb nahm Niersbach Druck vom Team: "Ich wehre mich dagegen, dass wir der große Favorit in diesem Turnier sind. Die Favoritenrolle gegen Hellas müsse man aber annehmen, ergänzte der DFB-Präsident.

Das sieht auch Löw so, der noch nie gegen Griechenland gespielt hat. Der Bundestrainer warnte aber vorsorglich vor dem Überraschungs-Europameister von 2004, der in acht Spielen gegen Deutschland noch nie gewonnen hat: "Das Viertelfinale wird ein ganz anderes Spiel. Die Griechen sind ein gefährlicher Gegner, sie werden versuchen, sich zurückzuziehen und das Tempo aus dem Spiel zu nehmen. Sie sind ein Meister der Effizienz, haben in diesem Turnier bisher drei Torchancen gehabt und drei Tore erzielt."

Die Mauer-Taktik der Griechen, einst eingeführt von "König" Otto Rehhagel, ist für Löw aber keine Überraschung. "Wir wissen ja aus vergangenen Turnieren, dass sie wahnsinnig gut verteidigen können, da beißt man auf Granit", sagte der 52-Jährige. Löw bezeichnete es aber als großen Vorteil, dass man nach den Reisestrapazen in der Vorrunde "ein Heimspiel vor der Haustür" habe, wenngleich der Gegner nicht zu unterschätzen sei. Das Spiel am Freitag (20:45 Uhr) findet in Gdansk statt.

Kein großer Jubel nach dem Abpfiff



Auch den Spielern nötigt Griechenland Respekt ab. "Griechenland wird eine ähnlich schwere Angelegenheit wie Dänemark. Die werden hart spielen und uns alles abverlangen", sagte Jubilar Lukas Podolski, der in seinem 100. Länderspiel die zunächst beruhigende 1:0-Führung (19.) erzielt hatte. Doch nach dem Ausgleich durch Michael Krohn-Dehli nur fünf Minuten später machte sich eine allgemeine Verunsicherung breit, da sich auch Gedanken an ein EM-Aus in den Hinterköpfen breit machten, wie Löw erklärte. Ausgerechnet Lars Bender, der bei seinem Startelf-Debüt als Ersatzverteidiger für Jerome Boateng seine liebe Müh und Not hatte, sorgte dann mit seinem ersten Länderspieltor (80.) für kollektive Erleichterung im deutschen Lager.

Der große Jubel blieb deshalb nach dem Abpfiff aus. "Das war schon komisch, dass wir nach zwei siegreichen Spielen immer noch hätten ausscheiden können. Das war noch in den Köpfen drin", gestand Mario Gomez, der nach seinen drei Treffern in den ersten beiden Spielen diesmal kein Durchkommen fand. Und Mesut Özil gab sogar den Ritter von der traurigen Gestalt, weil er offenbar mit sich und der Welt trotz des Viertelfinaleinziges nicht zufrieden war. Der Spielgestalter von Real Madrid sucht nach wie vor seine Form. "Er hat seine Sache gut gemacht, kann sich aber noch steigern", sagte Löw.

Das gilt für die ganze Mannschaft.