Köln - Im zweiten Teil spricht der Österreicher über die Kölner Diskrepanz zwischen herausragenden Auswärts- und weniger erfolgreichen Heim-Leistungen und Dauerpatient Patrick Helmes.

bundesliga.de: Wie Sie war auch Bayer-Coach Roger Schmidt in der österreichischen Bundesliga tätig, bei Red Bull Salzburg; obwohl Sie mit Austria den Titel holten, konnte Ihr Team in vier Spielen gegen Red Bull nie gewinnen; was macht es so schwierig gegen Schmidts Teams zu spielen?

Stöger: Was die individuelle Qualität betraf, hatte Roger Schmidt in Salzburg eine hervorragende Mannschaft beisammen. Das hat es für unser Kollektiv damals sehr schwer gemacht. In den beiden Partien, die unentschieden endeten, waren wir dem Sieg näher, in den beiden anderen hatten wir keine Chance.

bundesliga.de: Aber Sie wurden in diesem Jahr mit Austria Meister...

Stöger: Wir haben alles herausgeholt aus der Mannschaft und alles abgerufen, was möglich war. In den Spielen gegen Salzburg haben wir aber gesehen, dass in dem Bereich, in dem Red Bull sich bewegt, die Luft für uns sehr dünn wurde. Wir waren spielerisch absolut am Limit angekommen - das muss man einfach anerkennen. Roger Schmidt hat damals schon einen ähnlichen Fußball spielen lassen wie heute in Leverkusen: Sehr frühes Pressing, schnelles Spiel in die Tiefe, schnelle Außen, starke Spieler im Eins gegen Eins. Daher weiß ich, dass es am Samstag eine sehr schwere Aufgabe für uns wird.

"Den Faktor Glück werden wir immer brauchen"

bundesliga.de: Abwarten, der FC mag zwar die zweitschlechteste Heimmannschaft der Liga sein, aber auch das beste Auswärtsteam, vor den Bayern...

Stöger: Ich glaube nicht, dass das ein so gravierender Widerspruch ist. Wir haben in den Spielen, die wir auswärts bestritten haben, ein wenig mehr Glück gehabt als in unseren Heimspielen. Und den Faktor Glück werden wir immer ein wenig in Anspruch nehmen müssen in Spielen gegen sehr gute Mannschaften. In Hoffenheim hatten wir dieses Glück, zu Hause gegen Hertha hat uns das ein bisschen gefehlt. Wir werden am Ende der Saison sicher nicht mehr das beste Auswärtsteam der Bundesliga sein. Aber das Wissen, dass wir nicht nur zuhause, mit der großartigen Unterstützung unserer Fans, punkten können, sondern auch auswärts für positive Überraschungen sorgen können, ist sehr wichtig für die Spieler. Dieses Wissen wird uns helfen, auch zuhause zu punkten. Das müssen wir auch. Denn wenn du zu Hause als Aufsteiger nicht gewinnst, steigst du mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ab.

bundesliga.de: Ist es für einen Aufsteiger mit einem solchen Heim-Publikum auswärts vielleicht deshalb leichter, weil die Euphorie der Fans zuhause zu größerem Risiko verleitet?

Stöger: Nein, das glaube ich nicht. Wir freuen uns immer sehr auf unsere Heimspiele, weil die für uns etwas ganz Besonderes sind angesichts dieser Fans. Ich denke, dass wir z. B. gegen Bayern München mit 0:2 durchaus anständig aus der Partie gegangen sind. Das Spiel gegen Freiburg war ohne Frage nicht so gut. Danach waren alle enttäuscht, und die Fans haben ihren Unmut kundgetan. Dennoch war die Unterstützung gegen Hertha wieder unglaublich, die Stimmung hat uns von der ersten Minute an getragen. Umso trauriger ist es, dass wir nicht belohnt wurden. Ich bin aber überzeugt, dass das schon sehr bald kippen wird und wir auch zuhause unsere Punkte holen werden. Ich sage ganz ehrlich: Lieber als in Hoffenheim hätte ich zu Hause gegen Berlin gewonnen, um den Leuten ein gutes Gefühl zu geben.

bundesliga.de: Die Auswärtsstärke dürfte die Fans durchaus dafür entschädigen...

Stöger: In der Tatsache, dass wir auswärts bisher so gut auftreten, sehe ich vor allem ein Zeichen für eine gewisse Reife meiner Mannschaft. Denn in der Bundesliga ist es für einen Aufsteiger wahnsinnig schwierig, auswärts zu spielen. Das hat weniger mit der Spielanlage zu tun als vielmehr mit dem Faktor Stress. Dass wir diesen Faktor weitgehend unter Kontrolle haben, wie auch schon der vergangenen Saison, zeigt mir, dass die Mannschaft intakt ist.

"Jeder Spieler braucht eine andere Führung"

bundesliga.de: Zu verbessern gilt es noch die Torquote der Stürmer. Sie selbst wussten als Spieler sehr genau, wo das Tor steht; wie helfen Sie jetzt Ihren Spielern?

Stöger: Da sind wir noch einmal beim Thema „Sich auf Menschen einlassen“. Ich glaube nicht zwingend, dass man ein erfolgreicher Fußballer gewesen sein muss, um ein guter Trainer zu sein. Wenn man aber voraussetzt, dass alle Trainer auf einem ähnlich guten Level arbeiten, mag es ein Vorteil sein, wenn man gewisse Dinge als Spieler selbst erlebt hat. Man erinnert sich an die eigene Situation, daran wie man die Probleme gelöst hat. Ob man lieber alles mit sich selbst ausgemacht oder sich doch eher Rat bei anderen geholt hat. So muss man sich den Spielern dann auch nähern. Hilfsangebote gibt es viele: Das können bestimmte Trainingsreize sein, das kann ein Gespräch unter vier Augen sein, zusammen eine Tasse Kaffee zu trinken oder, vielleicht das Wichtigste, dem Spieler auch dann das Gefühl zu geben, dass er ein wichtiger Teil der Mannschaft ist, wenn er einmal nicht spielt oder ausgetauscht wird. Aber ein Patentrezept gibt es nicht. Jeder Spieler braucht eine andere Ansprache und eine andere Führung. Mit Anthony Ujah haben wir z. B. einen Stürmer, der mit vier Toren eine Quote aufweist, die ihm wohl nicht viele nach zwölf Runden zugetraut hätten – und das nach einer Phase, in der er nicht immer von Beginn an gespielt hat.

bundesliga.de: Ansprache und Zuspruch scheinen dem "kölsche Jung“ Lukas Podolski bei Arsenal London zu fehlen; könnte die langwierige Verletzung von Patrick Helmes ein Grund dafür werden, über eine Rückkehr von Podolski in der Winterpause nachzudenken?

Stöger:Patrick Helmes ist nach wie vor in der Reha. Wir geben ihm auf jeden Fall Zeit bis zum Ende der Hinrunde. Der Plan ist, dass wir dann eine genaue Analyse seines Zustands vornehmen. Bis dann soll er konzentriert die Reha-Maßnahmen umsetzen. Ich glaube, dass ihm dieses Vertrauen sehr gut tut, denn er wirkt gelöster. Und wir werden erst dann entscheiden, wie wir weiter mit der Situation umgehen und ob es vielleicht die Notwendigkeit gibt, sich in der Pause auf dem Transfermarkt umzuschauen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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