Köln - Nach neun Spieltagen steht der Aufsteiger Darmstadt 98 überraschend auf Platz 9. Die Lilien sind das Überraschungsteam der Bundesliga und haben erst zwei Spiele verloren. Nun kommt der Vizemeister VfL Wolfsburg ans Böllenfalltor. Vor dem Hit gegen den Champions-League-Teilnehmer spricht Darmstadts Mittelfeldspieler Peter Niemeyer über die Stärken und Besonderheiten der Hessen, den Trainer und warnende Beispiele aus der Vergangenheit.

bundesliga.de: Peter Niemeyer, staunen Sie manchmal selbst, wenn Sie sich die Tabelle ansehen und Darmstadt 98 auf Platz 9 finden?

Peter Niemeyer: So intensiv gucke ich mir die Tabelle nicht an. Dafür ist es noch zu früh. Es ist aber eine schöne Momentaufnahme, weil man daran sieht, dass es bisher gut läuft. Aber es gilt der Spruch: "Hinten kackt die Ente." Ich weiß, dass es noch ein langer Weg ist. Der SC Paderborn aus der Vorsaison ist ein warnendes Beispiel. Er hatte zum jetzigen Zeitpunkt eine ähnliche Punktezahl wie wir. Am Ende sind sie Letzter geworden. Aber es ist schön, dass wir in der Bundesliga angekommen sind, zumal man uns ja eigentlich gar nichts zugetraut hat.

bundesliga.de: Auch das Auftaktprogramm hatte es in sich. Darmstadt hat auswärts gegen vier Gegner, die international spielen, gepunktet, auch schon gegen den FC Bayern gespielt und trotzdem nur zwei von neun Spielen verloren. Was steckt dahinter?

Niemeyer: Ich finde, dass wir an acht der neun Spieltagen wirklich das gespielt haben, was uns auszeichnet und wofür wir stehen. Nur gegen Mainz sind wir ein bisschen von unserer Marschroute abgekommen. Da haben wir gesehen, dass das nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen.

"Alle für einen, einer für alle"

bundesliga.de: Die Lilien sind bislang sehr effizient vor dem Tor, nutzen ihre Chancen, sind stark bei Standards und defensiv gut organisiert. Welche Stärken zeichnen die Mannschaft noch aus?

Niemeyer: Sie haben die Punkte, die uns stark machen, schon angesprochen. Dazu kommt noch die mannschaftliche Geschlossenheit. Wir kämpfen füreinander. Das ist nicht nur eine Floskel, das wird bei uns gelebt. Alle für einen, einer für alle. Das ist schon der Schlüssel zum Erfolg in den letzten zwei Jahren gewesen und jetzt auch so.

bundesliga.de: Wenn Sie Darmstadt mit Ihren früheren Bundesliga-Stationen in Bremen und bei Hertha vergleichen, worin bestehen die größten Unterschiede?

Niemeyer: Der größte Unterschied ist: Man kann diese Vereine nicht miteinander vergleichen. In jeder Facette. Das meine ich gegenüber dem einen oder anderen Verein ausdrücklich nicht negativ. Das macht auch den Charme von Darmstadt 98 aus. Hier wird das Motto "Aus Tradition anders" gelebt.

bundesliga.de: Von Ihrem Trainer Dirk Schuster ist oft zu lesen, dass er eine Mannschaft zusammengestellt hat, von der viele Spieler bei anderen Vereinen aus den verschiedendsten Gründen gescheitert sind. Ihm gelingt es, diese Spieler wieder zu Höchstleistungen zu motivieren. Wie macht er das?

Niemeyer: Diese Geschichte von den Spielern, die bei anderen Vereinen auf dem Abstellgleis gelandet waren, hat ja langsam einen Bart. Oft ist es bei Vereinen, die nicht die Mittel haben, Spieler aus ihren Verträgen herauszukaufen, so, dass sie andere Spieler holen, die wiederum eine neue Herausforderung und Wege aus der Sackgasse suchen. Hier funktionieren diese Spieler. Dirk Schuster schafft es, dass sie wieder Fuß fassen. Der Trainer geht sehr gut mit den Spielern um und spricht ihnen Mut zu. Egal in welchem Job ist es ja so, dass jemand, der Vertrauen bekommt, das auch wieder zurückzahlt. Hier wird das gelebt. Man kann Fehler machen, sollte sie aber auch kein zweites Mal machen. Hier wird man gewertschätzt.

"Darmstadt 98 ist familiärer"

bundesliga.de: Läuft es in Darmstadt familiärer ab?

Niemeyer: Natürlich ist Damrstadt 98 familiärer als beispielsweise Berlin. Hier gibt es aber auch weniger Medien, die Störfeuer zünden als in Berlin.

bundesliga.de: Sie haben eben das Beispiel von Paderborn angesprochen, ähnliches gilt auch für Fortuna Düsseldorf vor drei Jahren. Beide Vereine haben als Aufsteiger eine starke Hinrunde mit 19 bzw. sogar 21 Punkten gespielt und sind dann in der Rückrunde eingebrochen. Warum passiert Darmstadt das nicht?

Niemeyer: Für die anderen Vereine kann ich nicht sprechen. Ich glaube, dass wir ein stabiles Konstrukt haben. Aber es gilt auch der Warnhinweis: Wenn man Erfolg hat, läuft immer alles gut und perfekt. Ich habe bei Hertha vor einigen Jahren aber auch die Erfahrung gemacht, dass wir eine Aufstiegsmannschaft hatten, von der ich gesagt habe, dass ich noch nie in einer so geilen Mannschaft gespielt habe. Und dann sind wir abgestiegen und dabei habe ich Eigenschaften von Spielern erlebt, die ich nie vermutet hätte. Die Truppe ist komplett auseinander gebrochen, nachdem sie fünf, sechs Spiele in Folge verloren hatte.

bundesliga.de: Am Samstag kommt nun mit dem VfL Wolfsburg der nächste Kracher auf Darmstadt 98 zu. Wenn man auf die Tabelle guckt, steht da allerdings, dass die Wölfe aktuell den letzten Platz in der Auswärtstabelle belegen. Macht Ihnen dieser Fakt Mut?

Niemeyer: Wenn man sich allein vom Etat her den Unterschied zwischen Wolfsburg und Darmstadt ansieht, dann muss man nicht über eine auswärtsschwache Mannschaft oder so etwas sprechen. Es wird wieder ein Spiel David gegen Goliath. Aber das ist genau das, was wir wollen. Wir freuen uns auf das Spiel. Alles andere als ein Wolfsburger Sieg wäre eine Überraschung. Aber wir haben in dieser Saison schon für einige Überraschungen gesorgt.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski