Ouagadougou liegt im Herzen des westafrikanischen Staates Burkina Faso. Da sich dem Ungeübten bei der Aussprache der Hauptstadt aber die Zunge wellt, wurde der Name kurzerhand eingekürzt. Ouaga also.

Man kann nicht behaupten, dass es Schwierigkeiten bereitet würde, den Namen Jonathan Pitroipa unfallfrei auszusprechen, gekürzt wurde trotzdem. Pit also. Es ist der charmante Spitzname für den am 12. April 1986 in Ouagadougou geborenen neuen Publikumsliebling des Hamburger SV

Zu klein für einen Verein

Ouagadougou hat zwei klassische Fußballstadien, eine neue Spielstätte wird in Kürze fertiggestellt. Die Hauptstadt verfügt mit der Planète Champion International vor allem aber über eine eigene Fußballakademie. Dort bekam Pitroipa mit zwölf Jahren auch endlich den ersten Schliff, nachdem er im rostfarbenen Staub feinsandiger Bolzplätze sein exquisites Ballgefühl entdeckt hatte

"Davor habe ich in keiner Mannschaft gespielt, da ich zu klein war, sondern habe mit Freunden in meinem Viertel Fußball gespielt", schilderte der 22-Jährige, damals noch in Diensten des SC Freiburg, gegenüber bundesliga.de seine ersten Schritte mit dem Ball am Fuß. "Ich war sehr glücklich, dass ich dort aufgenommen wurde, um meine Ambition, Profi-Fußballer zu werden, umsetzen zu können und mich dort zu entwickeln."

Viel Talent und noch mehr Ehrgeiz

Mit dem urtypischen technischen Talent eines Straßenfußballers wirbelt Arsenal-Fan Pitroipa über den Rasen und über gegnerische Defensivbemühungen hinweg. "Sicherlich ist Talent dabei, aber auch sehr viel Training. Je mehr ich trainiert habe, desto stärker wurde mein Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten und desto mehr habe ich mich auch getraut, Dinge auszuprobieren."

Für die Veredelung seines Spiel hat sich "Pit" ohnehin den idealen "Lehrmeister im Geiste" ausgesucht: "Mein Vorbild ist Zinedine Zidane. Besonders gefällt mir seine Technik, seine Kontrolle über den Ball und seine Vision, Fußball zu spielen."

Begeisterung beim Vorgesetzten

Und so verwundert es nicht, dass sich Hamburgs neuer Trainer Martin Jol umgehend in die Spielweise des jungen Dribblekünstlers verliebt hat: "Pitroipa ist ein Spieler, den es in der Bundesliga nicht so oft gibt. Er ist unglaublich schnell, leichtfüßig, stark im Eins-gegen-eins. Er hat auch in den Testspielen sehr überzeugt, war nur durch Fouls zu stoppen. Ich bin sehr optimistisch, dass er uns weiterbringen kann."

Ohne Zidanes Vision und den nötigen Willen, diese Vision auch tatsächlich zu verwirklichen, gäbe es heute an der Alster einen Publikumsliebling weniger. "Es ist mir eigentlich nicht schwer gefallen, Burkina Faso zu verlassen, da Fußball meine Leidenschaft ist. Ich hatte eben große Lust, professionell zu spielen und diese Chance hatte ich nun mal in Europa."

"Pit" geht seinen Weg

Von Afrika nach Europa, von Ouagadougou zunächst ins beschauliche Freiburg. Für Pitroipa im Juli 2004 bestenfalls ein geografischer Quantensprung, keineswegs aber ein biografischer. Alles nur logische Konsequenz für einen, der auszog, um einem empfänglichen Publikum seine attraktive Interpretation von Instinktfußball darbieten zu können.

Immerhin kann man dem dribbelstarken Leichtgewicht entlocken, bei seinem Debüt für den Sportclub "etwas nervös" gewesen zu sein. Das war am 23. April 2005 gegen Bielefeld in der Bundesliga. Freiburg verlor 1:3.

In Freiburg akklimatisiert

Vielleicht ist Pitroipa mit seinen 22 Jahren tatsächlich schon so abgezockt. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass ein sensibles Freiburger Umfeld seine frühe Entwicklung sehr begünstigt hatte. Zu seiner Länderspiel-Premiere im Oktober 2006 hatte ihn der damalige Trainer Volker Finke sogar in den Senegal begleitet.

Auf dem Platz lässt der introvertierte Ballkünstler Taten und Technik sprechen, wie zuletzt am vergangenen Samstag, als er eine hervorragende Leistung mit seinem 1:0-Siegtreffer im Testspiel gegen Manchester City krönte. Mit jedem gelungenen Trick, mit jeder feinen Körpertäuschung und Ballbehandlung, mit jedem Tor und jeder Vorlage wird Jonathan Pitroipa seinen sportlichen Stellenwert im Team des HSV und den emotionalen auf den Rängen festigen.

Fliegengewicht

Nach Schwächen im Spiel von Jonathan Pitroipa sucht man etwas länger. Mangelnde Qualitäten in der Luft werden Ballkünstlern seines Kalibers traditionell mit dem Wissen um die hervorragenden Qualitäten am Boden milde verziehen.

In Kopfballduellen mit Schwergewichten wie Khalid Boulahrouz oder Lucio käme der drahtige Angreifer ohnehin nicht über die Rolle des Crashtest-Dummys hinaus. Pitroipas Physis ist vielleicht seine größte Schwäche. Seine 1,76 Meter Körpergröße hat er mit gerade einmal 60 Kilogramm äußerst sparsam beladen. Den Umfang seiner Oberschenkel toppt so mancher Gegenspieler mit dem Bizeps.

"Pit" juckt's nicht...

Andererseits, wer Pitroipa aufhalten will, der muss ihn natürlich auch erst einmal zu fassen bekommen, bevor der Kondensstreifen an ihm vorüberzieht.

Es ist wie beim ungleichen nächtlichen Kampf mit der Mücke: man fuchtelt, schlägt wild um sich und wähnt sich als Sieger. Bis der Tag anbricht und der Mensch sich wundert, an welchen Stellen er sich plötzlich überall kratzen muss...

Michael Wollny