Das größte Lob kam nach einer der eindrucksvollsten Aufholjagden der Bundesligageschichte ausgerechnet vom Nordrivalen. "Wir arbeiten alle an unserem Thomas Schaaf, der ist aber leider nicht zu klonen", stellte Bernd Hoffman, Vorstandschef des Hamburger SV am Sonntag im Sport1-"Doppelpass" fest.

Einerseits war dieser Satz Ausdruck eines gewissen Neides, schließlich sucht der HSV weiter nach Kontinuität auf der Trainer-Position, die Schaaf bei Werder seit 1999 inne hat. Andererseits lieferte Hoffmann damit aber auch ein großes Lob für Schaaf und die Erklärung dafür ab, weshalb die Bremer nach einer emotionalen Achterbahnfahrt doch noch vor einem nahezu perfekten Saisonabschluss stehen.

Unschlagbar, unterirdisch und zurück

Nach Platz 3 in der Bundesliga dürfen die Norddeutschen in der Champions-League-Qualifikation ran. Und mit dem DFB-Pokalfinale am Samstag gegen Meister Bayern München hat Werder auch noch die Chance, die Saison mit einem Titel zu veredeln.

Danach sah es im Winter nun wirklich nicht aus. 14 Bundesligaspiele in Folge hatten die Bremer bis zum 12. Dezember 2009 nicht verloren, standen kurz vor Ende der Hinrunde sogar auf Platz 2 der Tabelle. Doch dann kam es zur 0:2-Heimniederlage gegen den FC Schalke 04, der weitere vier Liga-Pleiten folgten.

Nach dem 20. Spieltag und einem desaströsen Auftritt bei Borussia Mönchengladbach (3:4) hatte Werder plötzlich 13 Punkte Rückstand auf Platz 3 und lag sogar 16 Zähler hinter Bayer 04 Leverkusen. Der Umkehrpunkt kam beim 2:1-Heimsieg pünktlich zum 111. Vereinsgeburtstag gegen Hertha BSC. In den folgenden 13 Spielen kassierten die "Grün-Weißen" nur noch eine Niederlage und distanzierten Leverkusen sogar noch um zwei Punkte. Für Thomas Schaaf hat das einen ganz einfachen Grund hat. Die Mannschaft habe immer an ihr Ziel geglaubt, erklärte er: "Nur so hat sie diesen Endspurt hinlegen können."

Schaaf stellt die Balance wieder her

Über seine eigene Rolle bei der Aufholjagd schweigt Schaaf vornehm. Dabei ist die gar nicht hoch genug einzuschätzen. Auch in schwierigen Zeiten - als im medialen Umfeld schon das Grummeln begann, ob Schaaf noch der richtige Trainer sei - hielt die Werder-Führung um Geschäftsführer Klaus Allofs felsenfest zum Trainer. Laut einer Rechnung des "Weser-Kuriers" hat Schaaf in seiner Amtsezeit bei Werder inzwischen 135 Trainerkollegen bei anderen Bundesligisten überdauert. In diesem Jahr rechtfertigte er dieses Vertrauen einmal mehr und brachte seine verunsicherte Mannschaft rechtzeitig wieder auf Kurs.

Schaaf hat die Balance des Teams verbessert, Werder stellte in der abgelaufenen Saison den zweitbesten Angriff und die viertbeste Defensive der Bundesliga. Die in der vergangenen Spielzeit häufig kritisierte Abwehr um die Nationalspieler Tim Wiese und Per Mertesacker kassierte zehn Gegentreffer weniger als in der Saison 2008/09. "Wir haben an unserer Defensivarbeit gefeilt, jeder hat sich da eingebracht. Jetzt kann man das an den Zahlen ablesen", erklärte Schaaf kürzlich im Interview mit bundesliga.de.

Zudem bewies die Mannschaft immer wieder ihre Siegermentalität. Vier Mal drehten die Bremer in dieser Saison eine Partie in der Nachspielzeit, so auch gegen den direkten Rivalen Bayer 04 Leverkusen, als Mertesackers Kopfball kurz vor Schluss das 2:2 bescherte. "Damals wussten wir noch nicht, wie wichtig dieser Punkt sein würde", erinnert sich Klaus Allofs.

Spielerisch auf Augenhöhe

All das hat dazu geführt, dass Titelverteidiger Werder nun mit breiter Brust nach Berlin reist, um den vierten Pokalsieg in der Amtszeit von Schaaf einzufahren. Alleine der Einzug ins Endspiel von Berlin, in dem man schon 1999 und 2000 dem FC Bayern gegenüberstand, hat Werder das Saisonziel "internationaler Startplatz" gesichert. Das habe dazu geführt, "dass wir zuletzt befreiter aufspielen konnten, weil wir durch den Pokalfinaleinzug und die starken Bayern einen Europa-League-Startplatz sicher hatten", analysiert Allofs.

Vor dem großen Duell mit dem Rivalen aus dem Süden ist Werder die einzige deutsche Mannschaft, die den Bayern momentan spielerisch auf Augenhöhe begegnen kann. Mit verbesserter Defensive, einer nie auszurechnenden Offensive um den Rekordtorjäger Claudio Pizarro und einem Coach, um den sie sogar von der Konkurrenz beneidet werden, erfüllen die Bremer alle Voraussetzungen, um ihre Achterbahnfahrt durch die Saison vielleicht noch auf dem eigenen Rathausbalkon zu beenden. Mit dem Pokal in den Händen.

Matthias Becker