München - Die Gala hat Spuren hinterlassen. Doch auch hierfür hatte Pep Guardiola eine Lösung parat. Mit einem um die Hüfte geschlungenen Pullover schlenderte der Trainer des FC Bayern München nach dem 6:1 gegen den FC Porto lässig durch die Mixed Zone. Der Riss in seiner Hose war so gut verdeckt. "Alles top", sagte Guardiola im Vorbeigehen. Und auch wenn der Halbfinaleinzug seiner Mannschaft vom Ergebnis her wie ein Spaziergang aussah, lag ihm harte Arbeit zugrunde.

Die Vorzeichen waren alles andere als optimal. Nach der 1:3-Niederlage vergangene Woche in Portugal war ein frühzeitiges Scheitern in der Champions League ein durchaus realistisches Szenario. Doch trotz des großen Drucks und der großen Verletzungssorgen kamen Guardiola selbst nach der Pleite in Porto keine Zweifel. "Ich habe in den letzten Tagen gespürt, dass wir es schaffen werden", sagte der Trainer.

Dauergast im Halbfinale

Der Katalane ist damit ein Dauergast unter den Besten Europas. Zum sechsten Mal steht Guardiola als Coach unter den letzten Vier in der Königsklasse. Seit er 2008 den Cheftrainerposten beim FC Barcelona übernahm, gelang ihm - abgesehen von seiner einjährigen Auszeit - nun in jedem Jahr der Halbfinaleinzug in der Champions League. Zum zweiten Mal in Folge schaffte er dieses Kunststück mit den Bayern. Deren vierte Halbfinalteilnahme in Serie ist zudem ein neuer Meilenstein der Vereinsgeschichte.

"Natürlich sind Taktik und Aufstellung wichtig, aber am Ende macht auf diesem Niveau der Kopf den Unterschied", erklärte Guardiola. In der Tat ebneten drei Kopfballtore von Thiago, Jerome Boateng und Robert Lewandowski den Weg in die nächste Runde. Dem dritten Treffer ging mit 27 Pässen die längste Kombination vor einem Champions-League-Tor in dieser Saison voraus. Ein Spielzug, wie ihn Guardiola liebt. Den Abschluss dieser Stafette bildeten Philipp Lahms Flanke, Thomas Müllers Verlängerung und Lewandowskis Kopfball. Fußball in Perfektion.

Guardiola dreht an den Stellschrauben

Doch davon wollte der Vater dieser Philosophie nichts wissen. "Nein", entgegnete der 44-Jährige, "wir können viel besser spielen. Wir hatten in der zweiten Halbzeit Probleme das Spiel zu kontrollieren." Mit der nach weiteren Treffern von Müller und Lewandowski komfortablen 5:0-Führung im Rücken ließen es die Bayern nach den furiosen ersten 45 Minuten im zweiten Durchgang etwas ruhiger angehen. Auch Portos Trainer Julen Lopetegui veränderte sein System. "Damit hatten wir unsere Probleme. In der ersten Hälfte hatten sie keine Chance, in der zweiten ein paar", analysierte Guardiola.

Rastlos reizte der Bayern-Trainer daher die Grenzen seiner Coachingzone aus, holte immer wieder einzelne Spieler zu sich und drehte nahezu fortwährend an den Stellschrauben seines Systems. Dirigieren, kommandieren und gestikulieren - Guardiolas Darbietungen an der Seitenlinie waren facettenreich. "Normalerweise setzt er sich ab der 55 Minute hin", erklärte Müller die Arbeitsweise seines Trainers bei "Sky". Daran war gegen Porto allerdings nicht zu denken. Bereits in der Halbzeitpause schärfte Guardiola die Sinne seiner Schützlinge. "Ich habe gesagt 'Achtung, Jungs!'" Auch Müller war sich der Gefahr bewusst.

"Etwas Außergewöhnliches"

"Selbst mit einer 5:0-Führung ist es nie ganz vorbei", sagte der 25-Jährige. Und nach dem Treffer von Jackson Martinez zum 1:5 wurde es kurzzeitig noch mal brenzlig, doch Guardiola und sein Team meisterten auch diese Situation. "Wir mussten das Spiel lesen, um es zu kontrollieren", sagte der Trainer, der beim Abpfiff einfach erleichtert die Arme in die Luft reckte. Zum ausgiebigen Jubeln fehlte offenbar die Kraft, aber das ist ohnehin nicht Guardiolas Art.

"Er hat etwas Außergewöhnliches an sich", sagte Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge und sprach dem Trainer und der Mannschaft ein großes Kompliment aus. Guardiolas Blick ging derweil schon wieder nach vorne. Am Freitag wird in Nyon der nächste Gegner der Bayern ermittelt. "Wir werden immer unser Bestes geben - ganz egal, wer der Gegner ist." Eine neue Hose muss sich Guardiola aber in jedem Fall zulegen.

Aus München berichtet Maximilian Lotz