Augsburg - Nur ein Punkt aus drei Spielen, beim FC Augsburg ist man verständlicherweise enttäuscht über diesen Saisonstart. Im Interview mit bundesliga.de spricht Mannschaftskapitän Paul Verhaegh vor der schwierigen Aufgabe beim FC Bayern München (Vorschau) über die Gründe für den Fehlstart, über seine eigene Rolle beim FCA und über das Selbstverständnis des Clubs.

bundesliga.de: Herr Verhaegh, mit nur einem Punkt aus drei Spielen bei schon zwei Heimniederlagen ist der Saisonstart misslungen. Welche Gründe sehen Sie?

Paul Verhaegh: Wir sind mit diesem Start natürlich nicht zufrieden, lassen uns davon aber auch nicht verrückt machen. Wir hätten in diesen Spielen auch mehr Punkte holen können, wenn nicht gar müssen. Wir haben uns in allen Spielen einige Chancen erspielt, diese aber nicht konsequent genutzt. Dazu hatten wir auch noch Pech mit einigen Latten- oder Pfostentreffern und haben Fehler gemacht, die direkt bestraft worden sind.

bundesliga.de: Gegen Berlin und in Frankfurt hätte der FCA jeweils den Sieg verdient gehabt, gegen Ingolstadt aber war die Niederlage folgerichtig. Befürchten Sie eine Abwärtsspirale?

Verhaegh: Nein, das befürchte ich nicht. Es stimmt, dass wir gegen Hertha und Frankfurt den Sieg verdient gehabt hätten. Auch gebe ich Ihnen Recht, dass wir schon besser gespielt haben als im Spiel gegen Ingolstadt. Aber auch da hatten wir eine Riesenchance zur Führung, die wir aber nicht genutzt haben.

bundesliga.de: Am kommenden Spieltag muss der FCA ausgerechnet zum FC Bayern (Vorschau). Eine Besserung ist da nicht zwingend zu erwarten...

Verhaegh: Die Rollen sind in diesem Spiel sicherlich klar verteilt. Aber dennoch werden wir versuchen, auch gegen den FC Bayern zu punkten. (Infografik FCB vs. FCA)

bundesliga.de: Mit Abdul Rahman Baba, der zum FC Chelsea wechselte, hat Ihr Club einen Leistungsträger verloren. Hätten Sie ihm zugetraut, sich in nur einem Jahr von Fürth über Augsburg für Chelsea zu qualifizieren?

"Drei Mannschaften hinter uns lassen"

Verhaegh: Baba hat bei uns eine super Entwicklung genommen. Ihm kam unsere Spielweise dabei auch zugute. Wir freuen uns für ihn, dass er eine solche Chance bekommen hat, auch wenn wir ihn und seine sportlichen Qualitäten natürlich gerne weiter in unserem Team gehabt hätten.

bundeliga.de: Mit den Einnahmen aus diesem Transfer soll die Infrastruktur, also Trainingsplätze verbessert und ein Verwaltungsgebäude gebaut werden. Der richtige Weg, das Geld so einzusetzen?

Verhaegh: Der Verein ist ja bekannt dafür, dass er keine unvernünftigen Dinge macht. Bei solch einem Transfererlös ist es vor allem als kleiner Verein absolut sinnvoll, den Verein auch in der Infrastruktur weiterzuentwickeln und noch besser aufzustellen. Auch sportlich haben wir ja einige Qualität dazu bekommen, so dass wir Babas Abgang im Team kompensieren können (Transferbörse der Bundesliga).

bundesliga.de: Der FCA hat sich durch die vergangenen beiden großartigen Spielzeiten auf hohem Niveau stabilisiert. Kann es sein, dass das Optimum erreicht ist und nun möglicherweise Stillstand oder sogar ein Rückschritt folgt?

Verhaegh: Die letzten beiden Spielzeiten waren sicherlich eine Ausnahmesituation. Es ist nicht normal, dass ein Verein mit dem zweitkleinsten Etat der Bundesliga einmal Achter und im Folgejahr Fünfter wird. Daher kann man nicht von Stillstand oder Rückschritt sprechen, wenn wir in dieser Saison nicht noch einmal unter den Top 10 landen sollten. In Augsburg bleiben alle realistisch. Das heißt: Es ist für uns wieder ein Erfolg, wenn wir auch in dieser Saison drei Mannschaften hinter uns lassen und somit auch im kommenden Jahr Bundesliga spielen. Gerade mit der Dreifachbelastung kommen schließlich neue Herausforderungen auf uns zu.

"Die Europa League macht uns keinen Druck"

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bundesliga.de: Wie gehen die Fans um mit der aktuellen Situation?

Verhaegh: Ich denke, dass der Großteil unserer Fans das ebenfalls realistisch einschätzen kann und uns unterstützt, auch wenn es mal nicht so läuft. Wir als Mannschaft wissen, dass wir nur als Team bestehen können. Dabei können unsere Fans uns helfen, denn es ist ein super Gefühl, wenn man 30.000 Fans hinter sich weiß. Das kann noch einmal extra pushen.

bundesliga.de: Können Sie sich noch auf die Europa League, die sich der FCA als Fünfter der vergangenen Saison verdient hat, freuen?

Verhaegh: Klar, warum nicht? Wir haben uns das - wie Sie sagen - verdient. Jetzt wollen wir gemeinsam mit unseren Fans diese Spiele in der Europa League genießen und auch dort überraschen. Wir wissen aber, dass die Bundesliga für uns höchste Priorität hat. Da gilt es, die nötigen Punkte zu holen.

bundesliga.de: Oder befürchten Sie, dass die Europa League in der aktuellen Situation zur Belastung werden könnte?

Verhaegh: Nein, das denke ich nicht. Die ersten Spiele der Vereinsgeschichte im Europapokal sind absolute Höhepunkte. Das werden wir genießen und macht uns keinen zusätzlichen Druck.

bundesliga.de: Sie haben in einem Interview gesagt, ein Kapitän müsse immer auch das "große Ganze" im Blick haben. Was können Sie nun tun?

Verhaegh: Ich muss aktuell nichts Besonderes tun. Für uns als Mannschaft gilt es nun, die ersten Spiele richtig zu analysieren und uns auf unsere Stärken zu besinnen, damit wir in den nächsten Spielen wieder erfolgreich sind.

bundesliga.de: Sucht Trainer Markus Weinzierl Ihren Rat hinausgehend über kurze Gespräche etwa auf dem Trainingsplatz?

Verhaegh: Wir tauschen uns oft aus. Das aber nicht nur aufgrund der aktuellen Situation, sondern regelmäßig.

bundesliga.de: Sie haben keine Tattoos und gelten als jemand, der in der Freizeit gerne auch einmal ein Buch zur Hand nimmt, während viele der Jungen tätowiert sind und eher auf die PlayStation setzen. Fühlen Sie sich da bisweilen alt?

Verhaegh: Nein. Wir haben eine gute Mischung im Team.

"Hier passt das Gesamtpaket"

bundesliga.de: Sie haben gesagt, dass der FCA längst "mein Club" geworden sei. Was macht Augsburg für Sie so attraktiv?

Verhaegh: Als ich nach Deutschland zum FCA gekommen bin, haben wir noch in der 2. Bundesliga gespielt. Die Entwicklung, die wir genommen haben, ist einfach sensationell. Wir haben eine super Mannschaft, die sich auch außerhalb des Platzes sehr gut versteht. Auch unsere Frauen und Kinder fühlen sich sehr wohl, sind gerne dabei. Hier passt einfach das Gesamtpaket.

bundesliga.de: Ihr Vertrag läuft noch drei Jahre, dann wären es acht in Augsburg. In der heutigen Zeit ungewöhnlich für einen Profi-Fußballer...

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Verhaegh: Ja, das mag sein. Aber wir haben einige Spieler, die schon lange dabei sind und noch langfristige Verträge haben. Ich denke da an Tobias Werner, Daniel Baier, Jan-Ingwer Callsen-Bracker - um nur einige zu nennen. Das ist ein klares Zeichen, dass es im Verein und in der Mannschaft stimmt.

bundesliga.de: Brauchen Sie dieses Gefühl von Zuhause sein, um gute Leistungen abrufen zu können?

Verhaegh: Ich weiß nicht, ob es das trifft. Mein Zuhause ist für mich weiterhin Holland, weil ich dort geboren bin und wahrscheinlich nach der Karriere auch wieder leben werde. Aber man muss sich auf allen Ebenen wohl fühlen, um seine beste Leistung zeigen zu können. Das ist hier fantastisch.

bundesliga.de: Das erinnert ein wenig an die Karriere von Roel Brouwers von Borussia Mönchengladbach, einem weiteren Holländer, der sein fußballerisches Zuhause erst in Deutschland gefunden hat.

Verhaegh: Ich würde nicht sagen, dass ich mein fußballerisches Zuhause erst in Deutschland gefunden habe. Auch in Holland habe ich schon bei Vereinen wie PSV Eindhoven oder Vitesse Arnheim eine super Zeit gehabt. Aber es ist natürlich fantastisch, wenn man unsere Entwicklung von der 2. Bundesliga bis in die Europa League sieht und man persönlich in dieser Zeit sogar noch mit 29 Jahren in die Nationalmannschaft berufen wurde und bei der WM in Brasilien dabei sein durfte. Daher bin ich überglücklich, dass ich den Schritt nach Deutschland damals gemacht habe.

Die Fragen stellte Andreas Kötter