Köln - Seit zwei Jahren und zwei Monaten ist Pal Dardai Cheftrainer bei Hertha BSC. 76 Bundesliga-Spiele hat der Ungar inzwischen auf der Bank der Berliner gesessen und rein statistisch auch nach zuletzt drei Niederlagen in Folge immer noch eine knapp positive Bilanz vorzuweisen. Doch nicht nur als erfolgreicher Coach hat sich der 41-Jährige einen Namen gemacht, auch als Sympathieträger spielt er für Hertha seit 20 Jahren ein wichtige Rolle.

Pal Dardai verstellt sich nicht. Er kann charmant und fröhlich auf Journalistenfragen antworten, er kann aber auch grantig werden und seine Gegenüber anblaffen. Dem Sky-Fieldreporter Thomas Wagner, einem eigentlich eher zahmen Fragensteller, herrschte er einst mit "Stellen Sie vernünftige Fragen" an, einem Medienvertreter der schreibenden Zunft attestierte er erst kürzlich "eine Quatschfrage" gestellt zu haben. Dafür lieben ihn nicht nur die Fans. Auch die Journalisten wissen ihn zu nehmen, denn Interviews mit ihm sind immer ehrlich und lesenswert.

Sportlich betrachtet ist Dardai bereits auf Platz 6 der dienstältesten Berliner Bundesliga-Trainer angekommen. Nach dem 30. Spieltag wird er auch den legendären Kuno Klötzer überholt haben und in der kommenden Saison die Top 3 in Angriff nehmen. Am 5. Februar 2015 war Pal Dardai vom Jugendcoach als Nachfolger von Jos Luhukay zum neuen Cheftrainer befördert worden. Hertha steckte nach zwei Niederlagen zum Rückrunden-Auftakt als Vorletzter tief im Schlamassel, die Mannschaft war verunsichert, die Defensive mit 38 Gegentoren nach 19 Spieltagen überfordert.

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Dardai brachte wieder Lockerheit und Disziplin in den Laden, Tugenden, die ihn schon als Hertha-Profi ausgezeichnet hatten. Zwischen 1997 und 2011 bestritt der 61-fache ungarische Nationalspieler 297 Bundesliga-Spiele für die Berliner, in denen dem Publikumsliebling 17 Treffer gelangen. Unter seiner Regie schaffte Hertha vor zwei Jahren mit Ach und Krach den Klassenerhalt, vor allem dank der stark verbesserten Defensive und nur noch 14 Gegentoren in 15 Partien.

Diese defensive Qualität hat sich die Mannschaft bis heute erhalten. Sie ist Garant dafür, dass die Berliner die zweite Saison nacheinander im oberen Tabellendrittel mitmischen und sich erneut fürs internationale Geschäft qualifizieren könnten. "Wir wollten nach den beiden Abstiegen raus (2010 und 2012, die Red.) raus aus dem Fahrstuhl. Und das sind wir", sagte Dardai kürzlich dem "Kicker". "Wichtig ist mir, dass wir einen Fußball spielen, den man erkennt. Man kann sich Hertha-Spiele wieder anschauen."

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Seine Spielidee basiert auf Ballbesitz, einem kompakten Mittelfeld, einem klassischen Mittelstürmer (Vedad Ibisevic) und einer hängenden Spitze (Salomon Kalou) dahinter. In der Hinrunde punktete Hertha damit wieder überdurchschnittlich gut, in der Rückserie läuft es aktuell nicht mehr ganz so rund. Das liegt allerdings auch daran, dass es der Spielplan mit den Berlinern im ersten Halbjahr noch gut meinte, als Hertha daheim gegen kein einziges Top-5-Team antreten musste und acht von neun Heimspielen gegen Gegner auf Augenhöhe gewinnen konnte.

Jetzt gastieren die dicken Brocken der Reihe nach im Olympiastadion, während Hertha auswärts nach sieben Niederlagen in Folge schwächelt. Trotzdem steht die Dardai-Elf immer noch auf Platz 6. "Das ist das Limit, das ist mit unseren Bedingungen möglich", ordnet der Trainer die tabellarischen Optionen vor dem Heimspiel gegen den FC Augsburg realistisch ein. Verglichen mit dem, was er bei seinem Amtsantritt vorfand, ist das schon sensationell.

Tobias Gonscherowski