Mönchengladbach - Nach glänzenden Auftritten musste Borussia Mönchengladbach zuletzt einige bittere Niederlagen hinnehmen. War das Aus auf internationalem Parkett noch zu verkraften, so bedeuteten die 0:5-Niederlage bei Bayer Leverkusen in der Bundesliga und das 3:4 zuhause gegen Werder Bremen im Pokal doch einen Schock. Vor der abschließenden Hinrunden-Partie gegen Darmstadt 98 spricht Linksverteidiger Oscar Wendt über die Gründe für diese Rückschläge, über seine große Liebe zur Borussia und über ein Weihnachten ohne Schnee.

bundesliga.de: Herr Wendt, erst das 0:5 in der Bundesliga, nun das 3:4 im Pokal gegen Bremen. Nach herausragenden Leistungen in den vergangenen Monaten scheint Borussia im Endspurt der Vorrunde die Puste auszugehen...

Oscar Wendt: Leverkusen war richtig schlecht. Da haben wir nichts richtig gemacht. Über die Partie gegen Bremen kann man sagen "drei, vier Dinge haben wir ganz gut gemacht, drei, vier andere aber schlecht". Über das Leverkusen-Spiel lässt sich aber überhaupt nichts Gutes sagen, da war alles schlecht. Leverkusen war wirklich... (Wendt, der das Interview auf Deutsch gibt, sucht für einen Moment nach dem passenden Wort)

bundesliga.de: ...eine Katastrophe?

Wendt: Genau! Eine Katastrophe. Das muss man ganz deutlich so sagen. Aber ich sage auch, dass das kann mal passieren kann. Das ist schlecht, aber es kann passieren. Gegen Bremen war es anders. Wir haben defensiv viele Fehler gemacht, hatten aber auch einen Haufen Torchancen. Deshalb empfinde ich das Pokal-Aus gegen Bremen als viel ärgerlicher. Und ganz ehrlich, meine Laune ist seit Samstag richtig schlecht. Was wir in den Wochen und Monaten vor Leverkusen geleistet haben, war sensationell, keine Frage. Jetzt wird die Stimmung so kurz vor den Weihnachtsferien aber nicht von den 15 tollen Spielen in dieser Zeit geprägt, sondern von den beiden Niederlagen gegen Leverkusen und Bremen.

bundesliga.de: Und mit Darmstadt kommt im letzten Vorrundenspiel ein starker Aufsteiger in den Borussia Park.

Wendt: Darmstadt ist eine sehr schwierige Aufgabe. Die spielen bisher eine sehr gute Saison, kämpfen immer bis zur letzten Sekunde und werden alles versuchen, um unser Spiel zu stören. Wie schwierig es ist, gegen einen Aufsteiger zu spielen, hat schon das 0:0 gegen Ingolstadt gezeigt. Deshalb müssen wir am Sonntag noch einmal alles abrufen. Und es ist mir völlig egal, ob wir nur 1:0 gewinnen und den entscheidenden Treffer vielleicht erst in der Nachspielzeit erzielen. Wir brauchen diese drei Punkte, damit wir doch noch mit einem guten Gefühl in die Winterpause gehen können.

bundesliga.de: Ist nach den vielen Verletzungen die Physis der Mannschaft ausgereizt?

Wendt: Das glaube ich nicht. Gegen Bremen sind wir 120 Kilometer gelaufen und haben viel investiert. Eher schon kann es sein, dass sich allmählich so etwas wie mentale Erschöpfung einstellt. Als Ausrede gelten lassen möchte ich das aber nicht. Denn wir wollten diesen Rhythmus mit den vielen englischen Wochen und Spielen unbedingt. Man kann nicht ein Jahr lang alles abrufen, um dieses Ziel zu erreichen, sich dann aber beschweren, wenn es etwas anstrengender wird. Nein. Das wäre ein völlig falsches Zeichen.

bundesliga.de: Borussia hat etwa gegen Hannover, Hoffenheim und die Bayern begeisternden Fußball gezeigt, dem Gegner aber auch viele Chancen ermöglicht. Muss man das in Kauf nehmen bei dieser Art, Fußball zu spielen?

Wendt: Dass Bayern München einige Torchancen kreiert, ist normal. Wenn ich wählen könnte, würde ich sagen: Viele Tore schießen, aber null Gegentreffer bekommen! Ich glaube, dass Gegentreffer passieren können, wenn man so attraktiv und mit fast allen Spielern nach vorne agiert, wie wir das in den vergangenen Wochen getan haben. Entscheidend ist, dass wir in diesen Wochen stets das Gefühl hatten, jederzeit ein Tor erzielen zu können. Es mag sein, dass wir in der ein oder anderen Szene etwas zu offensiv waren. Aber diese Spielweise passt einfach zu uns. Und ich denke, dass man berücksichtigen sollte, dass wir unter André (Schubert; Anm. d. Red.) deutlich anders spielen als unter Lucien (Favre; Anm. d. Red.), ohne das aber wirklich trainiert haben zu können. Das hat der Drei-Tage-Rhythmus bisher nicht zugelassen.

bundesliga.de: Diese offensivere Ausrichtung scheint Ihnen besonders viel Freude zu machen. Ihr Tore gegen Hertha und Bayern gehören zu den schönsten Borussen-Treffern der Vorrunde...

Wendt: Das stimmt. Aber das geht momentan der gesamten Mannschaft so - wenn man von den vier vergangenen Tagen einmal absieht. Die Stimmung ist überragend, man kommt jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen in die Kabine, weil man sich darauf freut mit den anderen Jungs trainieren zu dürfen. Und wenn Fußball so viel Spaß macht, dann läuft vieles wie von selbst.

bundesliga.de: Ihren Treffer gegen die Bayern haben Sie selbst per Hacke eingeleitet, den Ball gegen Hertha gefühlt mit 200 km/h ins Netz torpediert, so dass man Sie mit Roberto Carlos verglichen hat...

Wendt: Roberto Carlos? Es hätte viel schlimmer kommen können! (lacht)

bundesliga.de: Was geht eigentlich in einem vor, wenn man gegen die bis dahin als unbezwingbar geltenden Bayern trifft?

Wendt: Das ist ein unglaubliches Gefühl! Ich glaube, dass wir in der zweiten Halbzeit klar besser waren als die Bayern. Dann machst du das erste Tor, und alle Dämme brechen. Und drei, vier Minuten lang bist du regelrecht erschöpft von dem Euphorie-Ausbruch. Fußball ist immer Emotion. Aber in einem solchen Moment noch mal ein ganzes Stück mehr.

bundesliga.de: Sie haben in dieser Saison nicht eine einzige Pflichtspielminute verpasst. Das ist nicht die Regel für einen 30-jährigen Feldspieler...

Wendt: Genaugenommen habe ich mehr als 40 Spiele in Serie absolviert, wenn man die der vergangenen Saison dazurechnet. Ich weiß natürlich, dass ich 30 und nicht mehr 20 bin. Trotzdem habe ich mich noch nie in meiner Karriere körperlich so gut gefühlt wie in dieser Saison. Ich fühle mich einfach stark und denke über mein Alter nicht nach. Das habe ich mit 20 nicht getan und das tue ich heute nicht. Ich habe immer gesagt, dass ich diesen Rhythmus mit vielen Spielen und einem dosierten Training mag, und dass das meiner Konstitution entgegen kommt. Ich versuche einfach, in jedem Spiel alles rauszuhauen, was möglich ist. Und bis auf die besagten vier Tage hat das gut geklappt.

bundesliga.de: Sie haben mal gesagt, dass es für Sie und Ihre Karriere keinen besseren Club geben würde als die Borussia. Können Sie sich vorstellen Ihre Karriere hier zu beenden?

Wendt: Sehr gut sogar! Fußballerisch ist hier ohnehin alles fantastisch. Aber auch, was das soziale Leben für meine Tochter und meine Frau betrifft, stimmt hier einfach alles. Wir fühlen uns super wohl und haben ein sehr schönes Leben. Nur den Schnee vermisse ich gerade jetzt. Für mich als Schwede gehören Weihnachten und Schnee einfach zusammen. In meiner Kindheit haben wir den ganzen Winter über draußen im Schnee gespielt. Der Schnee macht den Winter viel heller und gibt ihm ein ganz anderes Licht als das ohne Schnee der Fall ist. Das ist fantastisch. Allerdings muss ich zugeben, dass es heute selbst für meine Heimatstadt im Winter keine dauerhafte Schnee- und Frostgarantie mehr gibt.

bundesliga.de: Zuletzt wurden Sie nicht mehr in die schwedische Nationalmannschaft berufen. Würde die EM-Teilnahme Ihr Glück rund machen?

Wendt: Die Zeit in Gladbach ist so toll und so prall gefüllt mit Fußball, dass ich über anderes nicht so sehr viel nachdenke. Natürlich möchte jeder Fußballer die großen Turniere für sein Land spielen. Aber ich leide nicht, wenn es mit der EM nicht klappt. Und ich würde niemals klagen. Das wäre eine Sünde. Als Profi-Fußballer lebe ich längst meinen Traum. Ich spiele für einen Top-Club der Bundesliga, ich habe eine tolle Frau, eine wunderbare Tochter und ein zweites Kind ist unterwegs. Ich bin rundum glücklich.

Das Gespräch führte Andreas Kötter