Mönchengladbach - Oscar Wendt ist der Dauer(b)renner bei Borussia Mönchengladbach. Kaum mehr als eine Handvoll Bundesligaspiele hat der Schwede in den vergangenen zweieinhalb Saisons verpasst und ist zudem international seit viereinhalb Jahren der meistbeschäftige Borusse. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Wendt über die Renaissance der Borussia seit der Winterpause und über Kapitän Lars Stindl, über die bevorstehenden drei Aufeinandertreffen mit dem FC Schalke 04 und über seine ganz persönlichen Zukunftspläne.

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bundesliga.de: Herr Wendt, als auf den hervorragenden Start in die Rückrunde die Heimniederlagen gegen Florenz und RB Leipzig folgten, sahen manche Kritiker bereits Parallelen zu den Spielen in der Vorrunde, als etwa gegen den 1. FC Köln gut gespielt, aber verloren wurde. Hat diese Sorge auch die Mannschaft umgetrieben?

Oscar Wendt: Nein, überhaupt nicht. Es stimmt zwar, dass diese beiden Spiele ein wenig an die eine oder andere Partie in der Hinrunde erinnert haben, als wir trotz bester Torchancen nicht erfolgreich waren. Gezweifelt aber haben wir seit dem Trainerwechsel nie an uns. Vom ersten Trainingstag in 2017 an hatten wir ein sehr gutes Gefühl und haben kontinuierlich an den Dingen gearbeitet, die unserem neuen Trainer Dieter Hecking am Herzen liegen.

bundesliga.de: Wie hat Hecking selbst auf diese beiden Niederlagen reagiert?

Wendt: Der Trainer hat im Grunde nichts anders gemacht als vor den erfolgreichen Spielen zuvor. Vor dem Spiel in Florenz hat er lediglich gesagt "Jungs, wir können immer noch eine Runde weiterkommen, auch auswärts, auch in Florenz". Wir wussten, dass Florenz ein guter Gegner ist, hatten aber trotz der Niederlage im Hinspiel im Borussia Park immer das Gefühl, dass wir auch in Italien erfolgreich sein können – wenn wir an unser Limit gehen.

"Wir spüren, dass wir noch etwas wirklich Schönes schaffen können“

bundesliga.de: Der grandiose Sieg in Florenz sowie die Siege beim FC Ingolstadt in der Bundesliga und beim Hamburger SV im DFB-Pokal halten die Hoffnung am Leben, dass aus einer im Winter schon verloren geglaubten Saison noch eine sehr gute werden könnte...

Wendt: Das ist ja das Fantastische am Fußball, vor allem, wenn man so viele Spiele in kurzer Zeit hat: Dass man innerhalb von kürzester Zeit eine schlechte Situation in eine positive drehen kann. Allerdings muss man immer wachsam bleiben, denn ebenso gut könnte es auch einmal anders herumlaufen. Wie auch immer, wir sind zurzeit wirklich gut drauf und haben ein großes Selbstvertrauen. Wir alle spüren, dass wir in dieser Saison noch etwas wirklich Schönes schaffen können.

bundesliga.de: Der kürzeste Weg zu einem Titel würde jetzt über das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt führen...

Wendt: Wir hätten mit z. B. dem FC Bayern München sicherlich ein schwereres Los erwischen können. Das werden die Frankfurter aber wohl über uns auch sagen. (lacht) Soweit ich mich entsinne, haben wir in meinen bisher fast sechs Jahren bei Borussia im Pokal nur zweimal zuhause spielen dürfen. Umso schöner ist es, dass wir jetzt endlich wieder ein Heimspiel haben, und das in einem Halbfinale! Ich bin sehr optimistisch, weil ich spüre, dass die gesamte Mannschaft sehr hungrig ist und immer noch mehr erreichen will.

bundesliga.de: Zunächst aber kommt in der Bundesliga der FC Schalke 04 in den Borussia Park. Im Hinspiel, beim 0:4 auf Schalke, begannen Borussias zwischenzeitliche Probleme. Ist das noch präsent in den Köpfen der Spieler?

Wendt: Nein, daran denken wir nicht mehr. Durch die Vielzahl der Spiele fühlt es sich eher an, als würde dieses 0:4 bereits ein oder gar zwei Jahre zurückliegen. Wir sind zwar keine andere Mannschaft als Anfang Oktober vergangenen Jahres, aber wir haben jetzt ein ganz anderes Selbstvertrauen als damals und freuen uns sehr auf diese Begegnung. Ohnehin hat jedes Spiel sein Eigenleben und schreibt seine ganz eigene Geschichte. Das beste Beispiel sind doch unsere beiden Spiele gegen Florenz. Da verlierst Du zuhause trotz vieler Torchancen 0:1 und liegst auch im Rückspiel bereits 0:2 hinten. Am Ende aber hast du dieses Spiel mit 4:2 eindrucksvoll gedreht, obwohl es diesmal nicht so viele Torchancen gab, und bist doch noch eine Runde weitergekommen. Es ist also immer alles möglich in 90 Minuten.

bundesliga.de: Schalkes Trainer Markus Weinzierl hat sich bereits vor einiger Zeit für die Dreierkette, Dieter Hecking dagegen für die Viererkette entschieden. Seitdem ist Borussia von einer der schlechtesten Defensivreihen in der Hinrunde zu einer der besten seit der Winterpause geworden. Ist die Viererkette auch für Sie persönlich das Mittel der ersten Wahl?

Wendt: Wir hatten in der vergangenen Saison auch mit der Dreierkette eine sehr gute Phase mit viel Erfolg...

Video: A "German Team" in Gladbach

bundesliga.de: ...allerdings mit – gerade für ein Spitzenteam – relativ vielen Gegentoren...

Wendt: Das stimmt. Und es ist natürlich richtig, dass einem die Viererkette, - wie sagt man das in Deutschland – in Fleisch und Blut übergegangen ist. Jeder, der heute Profi-Fußball spielt, ist mit dem 4-4-2 aufgewachsen und hat die Viererkette tief verinnerlicht, egal ob er sie gestern oder vor zwei Jahren zuletzt gespielt hat. Letztlich verteidigen bei uns zurzeit aber nicht nur die vier in der Viererkette sehr gut, sondern alle zehn bzw. alle elf Spieler, wenn man Yann Sommer dazu nimmt. Dass wir sehr gut Fußball spielen können, weiß jeder. Dass wir nun aber auch defensiv wieder sehr gut funktionieren und damit die Basis stimmt, ist der Hauptgrund dafür, dass wir die Rückrundentabelle anführen.

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bundesliga.de: Schalke ist in den kommenden Wochen gleich dreimal Borussias Gegner, erst in der Bundesliga, danach zweimal in der Europa League. Befürchten Sie, dass dort bei einem Gegner aus der Bundesliga ein wenig die typische Anspannung des internationalen Wettbewerbs auf der Strecke bleiben könnte?

Wendt: In der Tat ist es ein komisches Gefühl, wenn du in einem internationalen Wettbewerb antrittst und dort auf ein Team aus dem eigenen Land triffst. Letztlich gibt es sicher Vor- wie auch Nachteile. Einerseits kennt man den Gegner aus dem Effeff, andererseits aber kennen die Schalker uns aber ebenso gut. Und wenn man berücksichtigt, dass wir in der Rückrunde bereits sehr viele Spiele hatten, ist es wahrscheinlich gar nicht so schlecht, dass wir keine größeren Reisestrapazen haben, sondern mit dem Bus in einer Stunde in Gelsenkirchen sind.

"Ich denke, dass er die beste Innenseite in der gesamten Bundesliga hat!"

bundesliga.de: Dass Borussia in der Europa League gegen Schalke antreten kann, ist nicht zuletzt Lars Stindl und seinen drei Treffern in Florenz zu verdanken. Mit wettbewerbsübergreifend acht Treffern in acht Wettbewerben scheint Ihr Kapitän kaum zu stoppen...

Wendt: Lars ist überragend vor dem Tor, ich denke sogar, dass er die beste Innenseite in der gesamten Bundesliga hat. Sein Treffer zum 1:0 gegen den SC Freiburg (3:0; d. Red.) etwa war ein Schuss wie mit dem Lineal gezogen, typisch Lars! Aber er hilft der Mannschaft nicht nur mit seinen vielen Toren, sondern auch mit seiner grundsätzlichen Führungsqualität. Er ist im Moment einfach richtig gut drauf, und hoffentlich bleibt das noch sehr lange so.

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bundesliga.de: "Richtig gut drauf", das gilt auch für Sie. Während Sie in der Hinrunde wie fast alle Borussen unter Ihrem Leistungsvermögen blieben, haben Sie sich seit der Amtsübernahme von Dieter Hecking auf sehr gutem Niveau stabilisiert. Wie gelingt das einem Trainer fast von einem Tag auf den anderen?

Wendt: Bevor wir im Januar ins Trainingslager nach Marbella geflogen sind, waren wir mit dem Trainer drei, vier Tage in Gladbach zusammen. In dieser Zeit haben wir bereits sehr hart an den Basics gearbeitet, die uns zuletzt vielleicht ein wenig gefehlt hatten, also Struktur, Organisation und das Wissen, wann was zu tun ist etc. Ich denke, dass man das Resultat dieser Arbeit bereits im ersten Spiel beim SV Darmstadt 98 sehen konnte (0:0; d. Red). Das war zwar sicher nicht unser bestes Spiel, Aber wir haben kein Gegentor bekommen, haben solide gespielt und als Mannschaft nach hinten wieder gut gearbeitet.

Video: Lars Stindl - Die beste Innenseite der Bundesliga?

bundesliga.de: Das 3:2 im Auftaktspiel der Rückrunde bei Bayer 04 Leverkusen war dann der endgültige Wendepunkt...

Wendt: Das stimmt. Wir haben in den ersten 25 Minuten sehr gut gespielt, uns dann aber zwei Gegentore durch Standards eingefangen. Umso beeindruckender war, wie stark wir in der zweiten Halbzeit aufgetrumpft und das Spiel noch gedreht haben. Ein solches Erfolgserlebnis lässt dich wieder atmen und gibt dir das Selbstvertrauen endgültig zurück. Und dann haben wir einfach so weitergemacht. (lacht)

bundesliga.de: Sie selbst sind in der Bundesliga seit etwa zweieinhalb Jahren kaum aus Borussias Startelf wegzudenken und haben im Europa-Pokal in den vergangenen viereinhalb Jahren mehr Spiele bestritten als jeder andere Borusse. Wie geht der Körper mit dieser Belastung um, wenn man in diesem Jahr 32 wird?

Wendt: Mein Körper macht aktuell keine Probleme, und ich fühle mich wirklich rundherum gut, Gott sei Dank! Wenn es für die Mannschaft so gut läuft wie aktuell, spürst du ohnehin nur die Freude über diese Erfolge, aber nicht die Müdigkeit, die du vielleicht viel eher wahrnehmen würdest, wenn es schlecht laufen würde.

"Borussia ist ein großer, international geschätzter Club, aber die Atmosphäre ist immer noch sehr familiär"

bundesliga.de: Solche Leistungen wären aber wohl kaum möglich, wenn Sie sich nicht auch rundum wohl fühlen würden im Club. Was macht Borussia für Sie so besonders?

Wendt: Borussia ist ein großer, international geschätzter Club, aber die Atmosphäre ist immer noch sehr familiär. Und das betrifft nicht nur das Verhältnis der Spieler untereinander oder zwischen den Spielern und dem Trainerstab. Nein! Hier lebt man wirklich, dass alle zusammen eine Einheit und ein Teil von Borussia sind, ob es nun die Spieler, die Trainer, die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle oder die Ordner auf dem Parkplatz sind. Zudem ist der Kontakt mit den Fans hier außergewöhnlich eng. Und wie sehr Borussia tatsächlich ein besonderer Verein ist, merkt man gerade dann sehr deutlich, wenn neue Spieler zu uns kommen. Denn auch die betonen sehr schnell, dass hier ein außergewöhnlicher Zusammenhalt existiert, denn es so wohl nicht überall gibt.

bundesliga.de: Ihr Vertrag läuft noch bis Sommer 2018, dann werden Sie sieben Jahre bei Borussia sein. Träumen Sie noch einen Traum, etwa von einem Wechsel in eine andere Liga, oder leben Sie bei Borussia längst Ihren Traum, der gerne auch über 2018 hinausgehen darf?

Wendt: Mein Wunsch ist es so lange wie möglich auf so hohem Niveau wie es mein Körper zulässt weiter Fußball spielen zu dürfen...

bundesliga.de: ...ein Niveau, das Ihnen die Bundesliga garantieren würde...

Wendt: ...unbedingt! Deshalb sind es mein Wunsch und meine Hoffnung, dass ich noch sehr lange bei Borussia bleiben darf. Und so wie ich mich im Augenblick körperlich und mental fühle, sehe ich keinen Grund, warum ich nicht auch über 2018 hinaus noch ein paar Jahre weiterspielen können sollte. Wissen Sie, 32 ist doch auch nur eine Zahl. Wenn Du gut genug bist, spielt es doch keine Rolle, ob Du 17, 25 oder eben 32 bist.

bundesliga.de: Deutschland ist so eine Art zweites Zuhause für Sie geworden, werden Sie nach Ihrer Karriere dennoch nach Schweden zurückkehren?

Wendt: Es steht außer Frage, dass meine Frau, meine beiden Kinder und ich uns pudelwohl fühlen in Deutschland und bei Borussia. Aber Heimat ist nun mal Heimat. Daran ist nicht zu rütteln. Deshalb werden wir nach Ende meiner aktiven Karriere auf jeden Fall nach Göteborg zurückkehren.

Das Gespräch führten Andreas Kötter und Leo Frevel