Dortmund - Ganz unter dem Eindruck des terroristischen Anschlags vom Vorabend stand die 2:3-Niederlage von Borussia Dortmund gegen Monaco in der Champions League. Auch die Gedanken der Spieler drehten sich nach dem Abpfiff kaum um den sportlichen Wert, auch wenn die Mannschaft aufopferungsvoll gekämpft hat. Zu tief sitzen die Verunsicherung und das Entsetzen. Nuri Sahin gab nach dem Abpfiff einen emotionalen Einblick in sein Seelenleben und schilderte die Minuten des Anschlags und den schweren Übergang zur Tagesordnung.

Frage: Nuri Sahin, der BVB musste keine 24 Stunden nach dem Anschlag zu diesem Spiel antreten. Wann und wie haben Sie sich darauf wirklich einlassen können?

Nuri Sahin: Ich bin ehrlich – für mich hat dieses Spiel erst mit meiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit begonnen. In der ersten Hälfte habe ich natürlich mitgelitten, als wir die Tore kassiert haben. Aber ich habe auch auf der Bank gesagt, dass es ein ganz, ganz komisches Gefühl ist. Wenn du dann auf dem Platz stehst, musst du umschalten. Du hast dann sehr viel Verantwortung deinem Verein und deinen Jungs gegenüber. Wir haben noch versucht, das Beste rauszuholen. Ich denke, die zweite Halbzeit war insgesamt eine sehr gute Reaktion von uns.

"Erst zu Hause habe ich verstanden, wieviel Glück wir hatten"

Frage: Wie bewerten Sie das Ergebnis, auch wenn es an diesem Abend irgendwie eher nebensächlich wirkt?

Sahin: Nach dem Gegentor zum 1:3 habe ich den Jungs gesagt, dass wir mindestens noch ein Tor machen müssen. Dieser eine Treffer mehr kann am Ende Gold wert sein. Ich denke, dass er nächste Woche noch sehr wertvoll werden kann.

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Frage: Wie haben Sie zuvor den Tag verbracht, um sich auf das Spiel unter diesen schwierigen Umständen vorzubereiten?

Sahin: Ich habe mich nicht auf dieses Spiel vorbereitet, auch da bin ich ganz ehrlich. Gestern Abend, als ich nach Hause kam, habe ich erst richtig realisiert, was passiert ist. Als meine Frau und der Kleine in der Tür standen und schockiert waren, da habe ich erst verstanden, wieviel Glück wir hatten. Heute am Spieltag wollte ich eigentlich gar nichts lesen. Aber im Endeffekt war ich bis zu unserem Treffpunkt mit der Mannschaft am Handy. Das war nicht schön. Und es ist nicht schön.

Frage: Ist in den Köpfen der Spieler wirklich schon angekommen, was da am Dienstagabend passiert ist? Und was auch hätte passieren können?

Sahin: Ich will nicht auf die Tränendrüse drücken. Aber diese Gesichter im Bus in diesen Minuten, die werden mich mein Leben lang begleiten. Das war schrecklich. Das werde ich nie vergessen können.

"Der Trainer hat vor dem Spiel etwas Gutes gesagt"

Frage: Wie stehen Sie zu der Entscheidung, dieses Spiel so kurzfristig neu anzusetzen?

Sahin: Es ist nicht normal, dass wir spielen mussten. Ich verstehe auch, dass es um sehr viel geht, dass wir einen sehr großen Verein vertreten und in einem Wettbewerb spielen, auf den die ganze Welt schaut. Das weiß ich alles. Ich liebe den Fußball. Aber es gibt so viel mehr im Leben als Fußball. Und wir sind auch nur Menschen. Man muss verstehen, was wir durchgemacht haben, was wir erlebt haben. Jetzt irgendwie ein Zeichen zu setzen mit dem Fußball, das ist sehr weit von meinem Verständnis, das muss ich ehrlich sagen. Was gerade in Stockholm passiert ist, was in Istanbul passiert ist, das war irgendwie immer noch so weit entfernt von uns. Klar, ich saß vor dem Fernseher und war sehr traurig, als es in Istanbul und damit in meiner Heimat passiert ist. Aber jetzt mussten wir es am eigenen Leibe spüren, wie es ist. Was es ist. Wie es sich anfühlt. Schrecklich! Ich wünsche niemandem eine solche Erfahrung.

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Frage: Wie kann der BVB jetzt überhaupt zur Normalität zurückkehren?

Sahin: Der Trainer hat vor dem Spiel etwas Gutes gesagt. Jeder muss es auf seine Art tun. Jeder hat seine eigene Art, damit umzugehen. Ich glaube, das ist auch richtig so. Ich freue mich jetzt erst einmal darauf, einfach nach Hause zu gehen. Ich hoffe, dass noch alle wach sind und wir alle zusammen ganz normal auf der Couch sitzen können. Meine Frau hat mir auf dem Weg zum Stadion geschrieben, wie froh sie ist, wenn dieses Spiel zu Ende ist und ich wieder Zuhause bin. Und ich freue mich jetzt einfach nur auf Zuhause.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte