Zusammenfassung

  • Nuri Sahin übt nach der Niederlage gegen Bremen deutliche Kritik am Auftritt der Mannschaft

  • Im Vergleich zum starken Saisonstart sieht der Mittelfeldspieler mentale Probleme beim Team

  • Sahin: "Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass es nicht am Trainer liegt"

Dortmund - Nach der ernüchternden 1:2-Heimniederlage gegen den SV Werder Bremen herrschen bei Borussia Dortmund Frust und Ratlosigkeit auf ganz großer Linie. Während ein Großteil der Spieler nach dem Abpfiff fast fluchtartig das Stadion verließ, stellten sich Marcel Schmelzer und Nuri Sahin den Fragen nach der Partie. Sahin griff dabei die deutlichen Worte seines Kapitäns auf und übte auch scharfe Kritik am Auftritt der Mannschaft.

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Frage: Nuri Sahin, BVB-Kapitän Marcel Schmelzer hat kurz nach der Niederlage gegen Bremen die Mannschaft mit markigen Worten in die Pflicht genommen. Stimmen Sie zu?

Nuri Sahin: Das kann und muss ich so unterschreiben. Wir haben gegen Bremen absolut versagt. Wir reden seit Wochen darüber, was wir ändern wollen und wie viel wir ändern wollen, dass wir Punkte brauchen – und dann zeigen wir so ein Spiel und vor allem so eine erste Halbzeit. Da fehlen mir schlicht die Worte.

Frage: Haben Sie denn eine Erklärung für den lethargischen Auftritt in der ersten Halbzeit? Will die Mannschaft nicht? Kann die Mannschaft nicht?

Sahin: Dass wir nicht wollen, würde ich so nicht sagen. Kein Fußballer steht auf dem Platz und will das Spiel nicht gewinnen, nicht auf diesem Niveau in der Bundesliga.  Aber selbst als Laie sieht man, dass viele verunsichert sind. Auch wenn ich mich damit schon seit Wochen wiederhole und mir das langsam selbst peinlich ist.

"Wir Spieler sind absolut schuld, weil wir nicht ansatzweise den Plan ausgespielt haben, über den wir zwei Tage lang gesprochen haben."

Frage: Die Mannschaft ist mit Manndeckung durch den Gegner schnell auszuhebeln, die Bewegung fehlt oft – auch eine Frage der Verunsicherung?

Sahin: Ich denke schon. Wir sind nicht mehr in dem Rausch, in dem wir zu Saisonbeginn waren. Wenn du im Rausch bist, klappt alles – und jetzt klappt kaum etwas. Das hat mit dem Kopf zu tun, das hat mit der Psyche zu tun. Und das ist nicht einfach nur so daher gesagt. Wir hatten nach dem Ausgleich das Momentum auf unserer Seite und haben dann ein katastrophales Gegentor bekommen. Das war nicht gut, auch da haben wir noch einmal sehr deutlich versagt.

Frage: Waren Sie eigentlich verwundert, dass zunächst weder Sie noch Julian Weigl in der Elf standen?

Sahin: Der Trainer führt immer Gespräche mit uns und hat Jule und mir vorher auch erklärt, warum er dieses Mal so aufgestellt hat. Wir hatten mit Dahoud und Kagawa eine deutlich offensivere Variante. Das akzeptiert man und hält sich dann bereit, wenn man noch ins Spiel kommt. So, wie ich mich freue, wenn ich aufgestellt werde, so akzeptiere ich das auch, wenn ich mal nicht spiele.

© imago / Eibner

Frage: Wo können denn jetzt die Impulse herkommen, um die Verunsicherung endlich abzulegen?

Sahin: Ich bin mir auf jeden Fall zu 100 Prozent sicher, dass es nicht am Trainer liegt, dass wir gegen Bremen in der ersten Halbzeit so einen Fußball gespielt haben. Wir haben überhaupt nicht das gespielt, was wir uns vorgenommen hatten. Hätten wir das getan und der Plan wäre nicht aufgegangen, müsste man darüber sprechen. Aber wir haben de facto nicht ein Prozent von dem gezeigt, was wir spielen wollten. Deswegen ist es auch Fakt, dass wir Spieler schuld sind an diesem Auftritt. Da muss man auch nicht herum reden: Wir Spieler sind absolut schuld, weil wir nicht ansatzweise den Plan ausgespielt haben, über den wir nach dem Madrid-Spiel zwei Tage lang gesprochen haben. Das nicht auf den Platz zu bringen, ist absolut unsere Verantwortung und Schuld.

Frage: Es geht weniger um eine Schuldfrage, als vielmehr um die Verunsicherung, die diese Mannschaft jetzt seit Wochen kennzeichnet. Wie soll die Mannschaft da heraus kommen? Muss man noch mehr miteinander reden und aufarbeiten?

Sahin: Wir haben wirklich so viele Gespräche geführt. Glauben Sie mir, wir haben tausend Gespräche geführt. Ich kann mich selbst nicht mehr hören. Es ist mir mittlerweile selbst wirklich auch schon peinlich, dass ich Woche für Woche hier stehe und immer von Kopfsache hier und Kopfsache da rede. Das ist mir peinlich. Wenn mein Sohn das hören würde, würde er mich langsam fragen, was ich da erzähle – immer das Gleiche. Aber Fakt ist, dass wir im Moment die Seuche haben. Und das ist vor allem Kopfsache. Wir müssten unsere Leistung bringen, aber das tun wir einfach nicht.

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte