München - Es geschah am 12. Mai 2007. Ein sonniger Tag, wie gemalt, um Fußballgeschichte zu schreiben. Es war der Tag des Derbys. Über 80.000 Zuschauer waren erwartungsfroh in den Signal Iduna Park gepilgert, um Großes zu erleben. Und so kam es denn auch.

Borussia Dortmund empfing den Tabellenführer aus Schalke. Deren Spieler Gerald Asamoah hatte vor dem Spiel erklärt: "Wenn wir in Dortmund Meister werden, gehe ich zu Fuß nach Hause."

Ein schreckliches Szenario

Für die Borussia und ihre Anhängerschaft war das natürlich ein schreckliches Szenario. Nicht die seltsame Wanderung des Gerald A., sondern vielmehr der Gedanke, dass der Erzrivale das Ende seiner 49-jährigen meisterschaftslosen Durststrecke ausgerechnet in ihrem Heiligtum feiern könnte.

Noch dazu, wo die Dortmunder selbst eine weitgehend verkorkste Saison hinter sich hatten. Mit Bert van Marwijk und Jürgen Röber waren gleich zwei Trainer an der Aufgabe gescheitert, den Verein trotz finanzieller Nöte zu sportlichen Erfolgen zu führen. Stattdessen rangierte der BVB noch am 27. Spieltag auf Platz 17.

Als Tabellenführer angereist

Doch dank eines energischen Schlussspurts unter Thomas Doll, dem Coach Nummer drei, gelang der Borussia die vorzeitige Rettung. Schalke hatte dagegen eine große Saison gespielt und lag seit dem 20. Spieltag zeitweise mit komfortablem Vorsprung souverän an der Tabellenspitze. Doch das Punktepolster auf den Verfolger VfB Stuttgart war auf einen Punkt geschmolzen.

Zudem hatte Schalke sein letztes Auswärtsspiel in Bochum mit 1:2 verloren. Aber in Dortmund würde schon nichts anbrennen. In den letzten sieben Jahren war Schalke im Westfalenstadion bei vier Siegen und drei Unentschieden ungeschlagen geblieben.

"Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren, ruhig und souverän über 90 Minuten agieren", forderte Schalke-Trainer Mirko Slomka, der von Druck nichts wissen wollte: "Es ist doch ein tolles Gefühl, zwei Spieltage vor Schluss auf Platz eins zu stehen."

Frei trifft zur Führung

Die Vorzeichen waren klar: Schalke musste siegen, Dortmund, das die letzten drei Spiele gewonnen hatte, konnte befreit aufspielen. Es wurde ein munteres Spiel, in dem kurz vor der Halbzeit Zählbares passierte. Erst vergab Mesut Özil die Schalker Führung, im Gegenzug bediente Christoph Metzelder BVB-Stürmer Alexander Frei, der die Borussen 1:0 in Front brachte.

In den zweiten 45 Minuten drückte S04 auf den Ausgleich, "doch wir waren nicht zwingend genug", wie Mirko Slomka später treffend analysierte. Das Schalker Unheil nahm seinen Lauf. Denn eine Viertelstunde vor Schluss hatte Cacau den Konkurrenten aus Stuttgart in Bochum mit seinem 3:2 auf die Siegerstraße gebracht.

"Wir haben uns geschämt"

Schalke war in diesem Moment die Tabellenführung los. Und dabei blieb es bis zum Schluss. Das 0:2 durch Ebi Smolarek kurz vor dem Abpfiff hatte nur noch statistischen Wert. Damit war der Titel abgesehen von einer minimalen Restchance am letzten Spieltag futsch. "Wir haben uns geschämt", meinte Schalke-Stürmer Asamoah hinterher.

Völlig fertig mit der Welt beklagten die Gelsenkirchener ihr Scheitern, während die Borussen ausgelassen feierten. Schon während des Spiels verhöhnten die Dortmunder Fans ihre Gäste mit durchaus humorvollen Plakaten wie jenem der Meisterschale, unter der in Anlehnung eines Werbespots der Schalker Ikone Rudi Assauer zu lesen stand: "Nur gucken, nicht anfassen."

Die Fans zurückgewonnen

Obendrein hatten BVB-Fans einen Flieger organisiert, der während der Partie mit einem Transparent mit der Aufschrift "Ein Leben lang: Keine Schale in der Hand" über dem Stadion kreiste.

Etwas zurückhaltender kommentierte Dortmunds Coach Thomas Doll den Coup der Borussia: "Wir wollten nach einer weniger guten Saison auch die Fans wieder zurückgewinnen, und das ist uns auch gelungen. Wir haben ein klasse Derby gesehen, in dem wir auch verdient als Sieger den Platz verlassen haben."

Schalke muss Hohn und Spott einstecken

Wenig Rücksicht auf die am Boden zerstörten Schalker gab es auch im Internet, wo Anti-Schalke-Shirts mit dem Aufdruck "Meister der Herzensbrecher" für 20,40 Euro verkauft wurden.

"Hass und Häme" beklagte Schalkes damaliger Präsident Gerd Rehberg nach dem Spiel. "Respektlos" fand Mirko Slomka die Aktionen. Die Schalker bestraften den BVB in den Folgejahren auf ihre Art. Von den kommenden sechs Derbys gewannen sie vier, zweimal gab es ein Remis.

Neue Protagonisten auf dem Platz

Von den Protagonisten dieses 12. Mai 2007 ist heute fast niemand mehr dabei. Thomas Doll trainiert inzwischen in der Türkei, Mirko Slomka Hannover 96. Von den 22 Spielern aus den Startformationen sind bei Dortmund nur noch Roman Weidenfeller und Dede sowie der eingewechselte Nuri Sahin und der damals angeschlagene Sebastian Kehl unter Vertrag.

Auf Schalker Seite sind Manuel Neuer und der derzeit verletzte Christian Pander übrig geblieben. Hinzu kommt Christoph Metzelder, der damals sein letztes Heimspiel für den BVB absolvierte und in dieser Saison im Schalker Trikot aufläuft. "Königsblau" will am Sonntag die gute Serie von sechs Spielen ohne Niederlage gegen den BVB ausbauen, aber die verlorene Meisterschaft 2007 würde auch das nicht zurückbringen.

Tobias Gonscherowski