Wolfsburg - Max Kruse hat allen Grund zufrieden zu sein. Gerade erst eingewechselt, erzielte der Stürmer des VfL Wolfsburg im abschließenden EM-Qualifikationsspiel der deutschen Elf den Siegtreffer zum erlösenden 2:1.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Kruse über die Stürmerdebatte bei der Nationalmannschaft, über die Startprobleme des VfL und über seinen Ex-Club Borussia Mönchengladbach.

bundesliga.de: Herr Kruse, nicht jeder Nationalspieler dürfte mit breiter Brust zu seinem Club zurückgekehrt sein, Sie aber haben durchaus Grund zur Zufriedenheit, oder?

Max Kruse: Klar, für mich ist es sehr gut gelaufen. Das war ein sehr schönes Erlebnis und mit diesem guten Gefühl bin ich auch nach Wolfsburg zurückgefahren. Letztlich glaube ich aber, dass alle damit zufrieden sein können, wie wir die Qualifikation am Ende bewältigt haben.

"Krise? - Wir sollten die Kirche im Dorf lassen"

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Streubel

bundesliga.de: Ihr Treffer gegen Georgien hat gezeigt, dass ein Traumtor nicht immer ein Schuss in den Winkel sein muss: Sie haben den Ball gar nicht erst richtig angenommen, sondern in einer fließenden Bewegung gleich ins Tor befördert...

Kruse: Das geschieht intuitiv. Du hast in dem Augenblick ja kaum ein paar Zehntelsekunden Zeit, um zu entscheiden, wie du es am besten machst. Mesut hat den Ball hervorragend Richtung Elfmeterpunkt gespielt und ich war mir nicht sicher, ob der Verteidiger rechts von mir die Zeit haben würde, eine Grätsche anzusetzen, wenn ich den Ball erst noch annehme. Deshalb habe ich mich entschieden sofort abzuschließen. Das hat dann - noch dazu gegen die Laufrichtung des Torwarts - gut funktioniert.

bundesliga.de: Die schwache Chancenverwertung vor Ihrer Einwechslung hat erneut die Diskussion befeuert, ob der deutschen Elf ein klassischer Stürmertyp fehlt?

Kruse: Ich glaube, dass wir genügend Spieler im Kader haben, die die Stürmerrolle erfolgreich bekleiden können. Bei der WM hat es mit Miroslav Klose gut funktioniert, aber auch in den Spielen ohne ihn ist es nun wirklich nicht so, dass wir keine Tore schießen würden. Für das System, das der Trainer einfordert, haben wir die richtigen Typen. Und ich denke nicht, dass daran etwas geändert werden muss. Entscheidend ist vielmehr, dass wir in Zukunft alle wieder etwas präsenter sind.

bundesliga.de: Ein Ratschlag, der so auch auf den VfL Wolfsburg zutreffen könnte. Bewerten Sie die Bilanz von nur zwölf Punkten nach acht Spielen als enttäuschend?

Kruse: Bezüglich der Punktausbeute werde ich Ihnen sicherlich nicht widersprechen. Trotzdem sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Wir konnten die vergangenen vier Partien zwar nicht gewinnen, haben phasenweise aber dennoch guten Fußball geboten. Deshalb halte ich es für viel zu früh, jetzt bereits von einer Krise zu sprechen. Selbstverständlich haben wir alle uns die vergangenen Wochen etwas anders vorgestellt, dennoch sind es de facto nur fünf Punkte Rückstand auf Platz zwei. Verloren ist also überhaupt noch nichts!

"Manche Prozesse benötigen etwas Zeit"

bundesliga.de: Berücksichtigen die Kritiker nicht ausreichend, dass es Zeit zur Neuorganisation braucht, wenn ein Kevin De Bruyne und ein Ivan Perisic gehen und ein Julian Draxler und ein Max Kruse kommen?

Kruse: Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich mich recht schnell integriert habe. Trotzdem darf man natürlich nicht voraussetzen, dass alles immer sofort zu einhundert Prozent funktioniert, und muss berücksichtigen, dass in einer neu aufgestellten Gruppe manche Prozesse etwas Zeit benötigen. Für die kommenden Wochen aber bin ich recht zuversichtlich, dass wir die fehlenden Prozentpunkte bald aufgearbeitet haben werden. Wie gesagt, wir spielen bereits jetzt phasenweise einen sehr guten Fußball.

bundesliga.de: Weniger rund läuft es bei André Schürrle. Wie muss man sich das unter Team-Kollegen vorstellen, schüttet der eine dem anderen da schon mal sein Herz aus, oder ist für soviel Nähe im Profifußball kein Platz?

Kruse: So ganz viel Nähe ist im Profifußball eher nicht üblich. Wir bewegen uns in einem Beruf, in dem man das eine oder andere schon aushalten können muss. Dass André gerade nicht die Leistung bringt, die ihm auch selbst vorschwebt, kann immer mal vorkommen. André ist Nationalspieler und Weltmeister, das wird man nicht einfach so. Er ist selbstbewusst genug zu wissen, was er tatsächlich drauf hat, und er weiß, dass diese Leistungen automatisch wiederkommen, wenn er weiter dafür kämpft. Und sollte er Unterstützung benötigen, ist selbstverständlich jeder bei uns bereit ihm diese auch zu geben.

"Ich habe nie an der Borussia gezweifelt"

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bundesliga.de: Eine Krise bewältigen musste auch Ihr Ex-Club. Waren Sie überrascht, wie schwer sich die Borussia zunächst getan hat?

Kruse: Auf der einen Seite war ich tatsächlich überrascht, dass die Borussia zunächst so große Probleme hatte. Auf der anderen Seite aber war wohl jedem Fachmann auch klar, dass das Team nicht jede Saison konstant auf einem so hohen Niveau spielen kann, wie es in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit der Fall war. Dass irgendwann eine Phase kommen würde, wo es auch mal überhaupt nicht läuft, ist völlig normal. Jetzt, nach drei Siegen in der Bundesliga in Folge und einem sehr guten Auftritt in der Champions League gegen Manchester City, sieht man aber, dass die Mannschaft nicht an Qualität verloren hat, wie manche Kritiker schon glaubten. Ich habe jedenfalls nie daran gezweifelt, dass die Borussia schon bald wieder guten Fußball zeigen würde.

bundesliga.de: Gibt es noch Kontakt?

Kruse: Auf jeden Fall. Zu Tony Jantschke, Alvaro Dominguez oder Yann Sommer ist der Kontakt nicht abgerissen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter