Köln - Es ist eine nicht alltägliche Szene im kleinen Vorort Kamen-Kaiserau. Etwa 40 Frauen und Männer –ausgestattet mit Kopfhörern und Mikrofonen - spazieren am Samstagvormittag durch die Straßen Kaiseraus und hören sich gegenseitig bei verschiedenen Live-Reportagen zu: über den Auto waschenden Rentner, die Vorgärten Kaiseraus oder die flinke Briefträgerin des Bezirks.

Die Live-Reportagen dieser Straßenszenen gehören zu den praktischen Übungen, die beim Blindenreporter-Seminar am 9. und 10. Oktober im SportCentrum Kamen-Kaiserau auf der Agenda stehen. Bereits zum dritten Mal hat die DFL Deutsche Fußball Liga diese Fortbildung für die Blindenreporter der Clubs aus der Bundesliga und 2. Bundesliga durchgeführt.

"Eine hervorragende Übung"

"Eine Reportage über wenig spektakuläre Alltagssituationen ist eine hervorragende Übung. Denn die Reporter müssen ständig exakt beschreiben, was sie sehen. Und diese Fähigkeit ist bei der Blindenreportage im Stadion besonders gefragt", erklärt Marco Rühmann, Projektmanager Fanangelegenheiten der DFL.

Im Mittelpunkt des zweitägigen Seminars steht aber eine Reportage-Analyse, die Broder-Jürgen Trede vorbereitet hat. Der Dozent der Universität Hamburg, der Live-Berichte für Blinde und Sehbehinderte schon seit Jahren wissenschaftlich begleitet, hatte drei verschiedene Reportagen im Rahmen des Supercups 2010 aufgenommen. Diese Aufnahmen hat Trede mit den entsprechenden Fernsehbildern des Supercup-Spiels zwischen dem FC Bayern und Schalke 04 synchronisiert und mehrere kurze Sequenzen als Reportage-Beispiele ausgewählt.

"Wichtige Rückschlüsse für die eigene Praxis

In mehreren Kleingruppen stellen die Seminar-Teilnehmer die Stärken und Schwächen in den Reportage-Beispielen heraus und gewinnen somit wichtige Rückschlüsse für die eigene Praxis. Weitere Impulse geben auch die blinden und sehbehinderten Mitglieder des Fanclubs Sehhunde. Die "Sehhunde" organisieren außerdem eine Sensibilisierungsübung, bei der die Seminarteilnehmer in die Rolle von Blinden schlüpfen, um deren eingeschränkte Wahrnehmung zu erfahren.

Erstmals zu Gast ist der BVB-Fanclub "Blind Date". "Das war für uns sehr informativ und wir würden beim nächsten Mal gerne wieder teilnehmen. Vor der Leistung der Blindenreporter kann man nur großen Respekt haben", meint Stefan Wewer von "Blind Date".

Fachvortrag von MSV Duisburg-Co-Trainer Mario Baric

Das Seminar wird ebenfalls dazu genutzt, die Blindenreporter in ihrer fußballfachlichen Kompetenz weiterzubilden. Mario Baric, Co-Trainer des MSV Duisburg, hält einen fesselnden Vortrag über taktische Konzepte und Varianten. Baric zeigt auf, welchen Einfluss große Turniere wie Welt- und Europameisterschaften auch auf Spielsysteme in der Bundesliga haben. Fachkompetenz ist schließlich das Wichtigste, das blinde und sehbehinderte Fans im Stadion von "ihrem" Reporter erwarten.

Für Marco Rühmann haben die kontinuierlichen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen der Blindenreporter schon zu klar erkennbaren Ergebnissen geführt: "Das Niveau der Blindenreporter und ihrer Reportagen ist zum Teil überragend und steht der Qualität professioneller Radio-Reporter in nichts nach. Dabei gehört die Aufgabe eines Live-Blindenreporters ganz sicher zu den schwierigsten im Bereich dieser journalistischen Tätigkeit."

Stefan Kusche