Zuzenhausen - Niklas Süle hat in den vergangenen acht Monaten einen Karrieresprung erlebt. Mit der deutschen Olympia-Auswahl wurde er erst im Finale von Gastgeber Brasilien in Rio gestoppt, bevor der Innenverteidiger der TSG 1899 Hoffenheim zum ersten in der TSG-Nachwuchs-Akademie ausgebildeten A-Nationalspieler avancierte. Jüngst wurde der Wechsel im kommenden Sommer zum FC Bayern München öffentlich. Mit der TSG spielt er aktuell eine starke Runde.

Im Interview mit bundesliga.de erklärt er, warum Unzufriedenheit als Triebfeder für bessere Leistung taugt und spricht über seine Ziele mit der TSG und seine Vorbilder Mats Hummels und Jerome Boateng, die in der kommenden Saison seine Konkurrenten beim FC Bayern sein werden.

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bundesliga.de: Herr Süle, Sie haben schon viel erreicht in dieser Saison: Sie sind Nationalspieler geworden und werden in der kommenden Runde zu Rekordmeister Bayern München wechseln. Wie schaffen sie es persönlich, die Spannung hochzuhalten?

Niklas Süle: Für mich ist es wichtig, den Fans in Hoffenheim zu zeigen: Der gibt bis zum Ende noch einmal alles für seinen Jugendverein, obwohl sein Wechsel zum FC Bayern feststeht. Mir ist wichtig, dass ich mir nichts vorwerfen muss, auch wenn mal ein Fehler passiert - ich bin ja auch erst 21. Ich will jedes Spiel alles geben. Die Partie in Wolfsburg muss eine Lehre sein.

bundesliga.de: Auf was kommt es denn in der Rückrunde für die TSG Hoffenheim besonders an?

Süle: Wir spielen trotz der zwei Niederlagen eine sehr gute Saison. Wir müssen den Kampf annehmen, jetzt als nächstes gegen Darmstadt. Ich finde: Wir sind fußballerisch eine der besten Mannschaften in dieser Saison, weil wir von hinten bis vorne richtig gute Kicker haben. Wenn wir alles reinwerfen, dann können wir gegen jeden Gegner bestehen.

bundesliga.de: Welchen Anteil hat Julian Nagelsmann an der Entwicklung vom Abstiegskandidaten zum Europapokal-Anwärter?

Süle: Julian hat einen Riesenanteil an unserer Leistung, wir alle haben bisher gut umgesetzt, was er vorgibt, nicht nur die Spieler, sondern alle um die Mannschaft herum. Es klappt auch deshalb so gut, weil wir ein sehr gutes Klima im Team haben. Ich kenne Julian ja schon länger und wusste, wenn er einmal eine komplette Vorbereitung Zeit hat um seine Spielidee rüberzubringen, kann eine gute Saison folgen. Vor allem deshalb, weil wir viel Qualität im Team haben und gute Transfers getätigt wurden.

bundesliga.de: Würden Sie sagen, die Saison wäre eine verlorene für Hoffenheim, wenn am Ende nur Tabellenrang 8 herausspringt?

Süle: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir wollen weiterhin versuchen, jedes Spiel zu gewinnen, das ist klar. Aber man kann in der Bundesliga nicht erwarten, dass das auch einfach so hinhaut, siehe Darmstadt gegen Dortmund. Wir haben das Zeug dazu so abzuschneiden, dass der ganze Verein am Ende zufrieden ist und wir dürfen nicht vergessen, wo wir vor einem Jahr standen.

bundesliga.de: Die TSG begann die Runde mit einer Viererkette in der Abwehr, der Trainer hat dann aber schnell auf eine Dreierabwehrkette umgestellt. Was hat sich dadurch für ihr Spiel verändert?

Süle: Für mein Spiel macht es grundsätzlich nur einen kleinen Unterschied: Ich muss ein bisschen weiter außen verteidigen. Aber dabei hilft mir Pavel Kaderabek sehr, er ist ja ein super Läufer auf der rechten Außenbahn. Die Umstellung wurde zudem erleichtert, weil wir bereits in der Vorbereitung Dreierkette gespielt haben und die Systeme während der Vorbereitungsspiele immer mal wieder umgestellt haben. Ich bin außerdem der Meinung, dass wir die Dreierkette ein stückweit in der Liga etabliert haben. Weil es bei uns gut geklappt hat, haben das einige Mannschaften übernommen, mittlerweile spielen viele Teams so.

bundesliga.de: Julian Nagelsmann argumentiert, in der Dreierkette habe eine Mannschaft unter anderem eine bessere Kontersicherung.

Süle: Dieses Argument kann ich nur unterstreichen. Ich hatte schon Spiele, in denen ich quasi Rechtsaußen war und dann versuchen musste, Konter schon am gegnerischen Strafraum zu unterbinden, während Kevin Vogt und Benjamin Hübner an der Mittellinie standen. Man kann das Spiel in der Dreierkette noch weiter nach vorne schieben, weil die meisten Mannschaften nur mit einem oder maximal zwei Stürmern spielen. Ich habe auch deshalb noch einen Schritt nach vorn gemacht, weil ich durch die Umstellung manchmal weiter vorne spielen muss.

bundesliga.de: In den letzten Jahren hat sich das Profil des Innenverteidigers stark erweitert: Er muss nicht nur gut verteidigen können, sondern im Aufbau fast Spielmacherqualitäten entwickeln.

Süle: Das stimmt. Das Aufbauspiel entscheidet fast über den Ausgang des ganzen Spiels. Ich kann das auch bei uns feststellen. Vor zwei Jahren spielten wir noch vorwiegend mit langen Bällen nach vorne, um dann mit starkem Pressing auf den zweiten Ball zu gehen. Heute spielen wir viel mehr von hinten heraus, achten stark auf viel Ballbesitz. Dazu braucht man auch einen Torwart, der sich traut, einen flachen Ball in die Mitte oder nach außen zu spielen. In diesem Bereich hat Oli Baumann einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Er hat das Vertrauen und die Sicherheit, die uns auch die Punkte geben. Ich weiß nicht, ob wir so oft so sauber hinten raus spielen würden, wenn wir Tabellenfünfzehnter wären. Diese Sicherheit haben wir uns erarbeitet. Wir erhalten viel Lob für unser Spiel mit Ball, das war ja nicht immer so.

bundesliga.de: Sind die Fähigkeiten im Spielaufbau für einen Innenverteidiger mittlerweile fast wichtiger wie die klassische Verteidigungskunst?

Süle: Am Wichtigsten ist natürlich weiterhin, dass man gut verteidigt. Aber auch der Spielaufbau ist sehr wichtig. Am einfachsten hält man den Gegner vom eigenen Tor weg, indem man den Ball hat. Und wir haben dieses Jahr viel Ballbesitz.

bundesliga.de: Wer sind eigentlich Ihre Vorbilder?

Süle: Ich versuche schon mein eigenes Ding zu machen, aber ich schaue mir auch gerne bei Spielern etwas ab, die schon dort sind, wo ich hin will - Mats Hummels, Jerome Boateng oder auch Sergio Ramos zum Beispiel. Ich würde diese Spieler nicht als Vorbilder bezeichnen, aber ich schaue mir gerne in deren Spiele Dinge ab. Von Ramos kann ich noch eine Menge lernen, zum Beispiel was es heißt, energisch in Standardsituationen hineinzugehen. Ich bin größer als er, erziele aber viel weniger Tore, obwohl ich die Chancen dazu habe. Die Entschlossenheit von Ramos bei Standards ist beeindruckend. Und von Mats und Jerome kann ich mir sowieso viel abschauen.

bundesliga.de: Nächstes Jahr sind die beiden Ihre Trainingspartner beim FC Bayern - aber auch Ihre Konkurrenten um einen Stammplatz.

Süle: Ich werde dann mit dem Weltmeisterduo trainieren, von dem ich mir viel abschauen kann. Durch Konkurrenz entwickelt man sich immer weiter. In München gibt es die besten Spieler, auf diesem Niveau jeden Tag zu trainieren - genau das bringt einen nach vorne. Nach München zu wechseln, ist der richtige Schritt, um auf ein noch höheres Level zu kommen. Ich freue mich auf die Aufgabe, aber bis dahin gilt mein kompletter Fokus der Rückrunde mit Hoffenheim.

bundesliga.de: In Hoffenheim trainieren Sie gegen die unterschiedlichsten Stürmertypen: Sandro Wagner tut weh im Zweikampf, Mark Uth ist unberechenbar und Andrej Kramaric schlägt Haken wie ein Kaninchen. Ist diese Vielfalt an Stürmertypen im Training ein Segen für die Entwicklung von Verteidigern?

Süle: Es gibt schon Einfacheres, als einen Zweikampf gegen Sandro Wagner zu führen (schmunzelt). Das hohe Trainingsniveau in dieser Saison hilft mir und der restlichen Mannschaft sehr. Zu den angesprochenen Spielern kommen noch Adam Szalai und Marco Terrazzino, die teilweise auch wieder andere Stürmertypen sind. Diese Unterschiedlichkeit hilft Verteidigern schon, flexibel zu bleiben.

bundesliga.de: Spielen Sie lieber gegen große Sturmtanks oder kleine wendige Angreifer?

Süle: Ich tue mich gegen Stürmer, die eine ähnliche Statur haben wie ich, schon etwas leichter. Gegen Kleinere ist es oft schwieriger, da sie einen niedrigeren Schwerpunkt haben. Den habe ich ja leider nicht (lacht).

bundesliga.de: Und der wird auch nicht durch Training niedriger, oder?

Süle: Ich bin 1,95 Meter groß und wiege 100 Kilogramm. Ich denke, einen allzu niedrigen Schwerpunkt werde ich nicht mehr bekommen. Diese Beweglichkeit zu trainieren, ist ganz schwer. Es ist so ähnlich wie mit der Frage: "Kann man Schnelligkeit trainieren?" Natürlich kann man durch Training immer noch ein paar Prozent herausholen, zum Großteil ist das aber Veranlagung.

bundesliga.de: Wie geht es mit Ihrer DFB-Karriere weiter? Im Sommer steht die U21-EM in Polen an, die A-Nationalmannschaft bestreitet in Russland den Konföderationen-Cup.

Süle: Im März hat die U-21 zwei Testspiele, auf die ich mich sehr freue, ebenso auf die U21-EM in Polen. Wir haben eine richtig gute Mannschaft. Wenn ein Anruf von weiter oben käme, würde ich mich natürlich auch sehr freuen. Aber im Moment habe ich keinen Kontakt zum DFB. Wie sich das entwickelt, wird man sehen.

Das Gespräch führte Tobias Schächter