Als Inter Mailands Kapitän und Rekordspieler Javier Zanetti am Samstag um 22:53 Uhr den Champions-League-Pokal gen Madrider Himmel reckte, konnten die Spieler des FC Bayern München auf dem Rasen des Stadions Santiago Bernabeu nur niedergeschlagen zuschauen.

So richtig konnten sie das zuvor Geschehene noch nicht verdauen. Da half es auch nicht, dass Mailands Trainer Jose Mourinho allen Münchenern anerkennend für ihre Leistung beim 0:2 die Hand schüttelte. Auch der Beistand von Ex-Bayern-Spieler Lucio, der dabei fast die Jubelarien mit seinen Mitspielern verpasste, konnte nur wenig trösten.

Große Enttäuschung

"Die Enttäuschung ist viel zu groß, um sie zu begreifen. Wir sind alle total niedergeschlagen", erklärte ein sichtlich bedrückter Thomas Müller bundesliga.de. Arjen Robben sagte: "In einer Karriere hat man nicht oft die Chance, die 'Königsklasse' zu gewinnen. Vielleicht bekommt man eine, vielleicht war es für viele Spieler auch schon die letzte Chance."

Dabei sollte es für die Bayern ein historischer Tag werden. Ein Tag, an dem mit dem Gewinn des "Triples", bestehend aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League, Geschichte geschrieben werden sollte.

Maximum nicht erreicht

Doch gerade im vielleicht wichtigsten Spiel des Jahres konnte das Team von Trainer Louis van Gaal nicht die beste Leistung abrufen. "Wir waren heute nicht gut genug, um unser Spiel zu durchzuziehen. Das ist schade. Für unser Spiel nach vorne muss man gerade gegen eine Mannschaft wie Inter top drauf sein. Das waren wir heute nicht, aber wir sind auch nur Menschen", analysierte der Erfolgs-Coach den Auftritt seiner Kicker.

Die gaben sich nach der Partie ebenfalls sehr selbstkritisch. "Wir haben in der ersten Halbzeit zu ängstlich gespielt. Wir waren nicht mutig genug. Aber es war eben ein Champions-League-Finale, das hat man nicht alle Jahre", stellte Philipp Lahm fest.

Müller hadert

Und in diesem Finale zeigte Inter Mailand dem FC Bayern über 90 Minuten die Grenzen auf. Die "Nerazzurri" spielten fehlerlos und zogen vor allem nach dem ersten Tor ihr gefürchtetes Catenaccio-System durch, das Inter schon in den 60er-Jahren zu einem der erfolgreichsten Teams der Welt machte und mit dem die Mailänder 1965 zuletzt den Europapokal der Landesmeister gewannen. Hinten dicht machen und vorne schnell kontern.

"Leider hat Thomas (Müller, Anm. d. Red.) die große Chance nach dem Wiederanpfiff nicht reingemacht. Das ist kein Vorwurf, aber das sind die Details, die so ein Spiel entscheiden können. Ich kann nur eines sagen: Nicht die beste Mannschaft, aber die effektivste hat gewonnen", sagte Kapitän Mark van Bommel angesichts von 69 Prozent Ballbesitz.

Die Szene aus der 46. Minute war vielleicht wirklich der eine Moment, der der Partie noch einmal eine andere Wendung hätte geben können. Hamit Altintop, der den gesperrten Franck Ribery auf der linken Seite vertrat, legte im Strafraum mustergültig auf, aber Müller scheiterte aus gut 13 Metern am glänzend aufgelegten Schlussmann Julio Cesar. "Ich werde wohl nicht davon träumen. Aber ich werde mir diese Aktion sicherlich noch einige Male anschauen und mich darüber ärgern", so Müller.

Nerlinger schaut positiv in die Zukunft

Am Ende siegten die routinierten und abgeklärten Italiener souverän. Beim FC Bayern saß der Stachel der Enttäuschung natürlich tief, doch die Verantwortlichen und Spieler vergaßen nicht, den Blick schon auf die Zukunft zu werfen.

"Wir haben keine Mannschaft, die sich im Umbruch befindet. Im Gegenteil. Der Großteil bleibt zusammen. Und das macht mich für die kommende Saison optimistisch, da werden wir den nächsten Schritt machen. Davon bin ich überzeugt", verkündete Sportdirektor Christian Nerlinger. Lahm ist für die nächsten Spielzeiten auch nicht bange. "Wir haben noch eine junge Mannschaft. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Unser Anspruch muss es sein, in den nächsten Jahren wieder um die Champions League zu spielen."

Für die Bundesliga hatte die 0:2-Pleite übrigens einen negativen Nebeneffekt. Italien behält dadurch Rang 3 in der Fünfjahreswertung der UEFA. Somit wird das Land des Weltmeisters auch in der Saison 2011/12 vier Starter in der "Königsklasse" des europäischen Fußballs stellen, die Bundesliga weiter drei. Für Präsident Uli Hoeneß ist das aber zu Recht kein Grund, sich nach zwölf Monaten harter Arbeit zu ärgern. "Ich habe schon vorher gesagt, dass wir eine Supersaison gespielt haben. Und das lassen wir uns auch durch die Final-Niederlage nicht kaputtmachen."

Aus Madrid berichtet Michael Reis