Wolfsburg - Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Die 16 Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund und die abermalige Knieverletzung von Franck Ribery schienen dem Präsidenten und dem Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München die letzte Zuversicht geraubt zu haben. Wortlos schnappte sich das sonst so wortgewaltige Führungsduo seine Mäntel und stampfte von der Tribüne in die Katakomben.

Im Fall Ribery gab es am Sonntag immerhin Entwarnung, er muss wegen einer Zerrung nur fünf Tage pausieren. Doch die groß angekündigte Aufholjagd des FC Bayern in der Bundesliga ist nach dem 1:1 (1:0) beim VfL Wolfsburg bereits gestoppt, noch ehe sie überhaupt begonnen hat.

Im Moment zählt nur Platz 2

"Dortmund ist sehr weit weg. Das muss man akzeptieren und respektieren. Die haben einfach gute Leistungen gezeigt, da kann man nur gratulieren", sagte Arjen Robben, der als Ersatz für Ribery nach 237 Tagen Zwangspause sein Comeback gab. "Ich bin vielleicht der glücklichste Spieler in der Bundesliga", sagte der 26-Jährige nach seiner Rückkehr - doch so richtig glücklich war er wohl dennoch nicht.

Denn der Auftakt zur Hatz auf Dortmund geriet für die Münchner zum Albtraum. "Über Dortmund müssen wir nicht reden", sagte auch Torschütze Thomas Müller. Der Nationalspieler hat die Schale offensichtlich abgeschrieben, es geht für ihn, es geht für den FC Bayern in der Bundesliga ab sofort nur noch um die Teilnahme an der Champions League in der Saison 2011/12, an deren Ende das Finale in München stattfindet. "Der Rückstand auf die zweitplatzierten 96er aus Hannover beträgt vier Punkte, "daran müssen wir arbeiten", sagte Müller.

"Glück im Unglück" für Ribery

Es hätte weniger Rückstand sein können, doch nach dem Führungstreffer von Müller (7.), der von VfL-Torhüter Diego Benaglio angeschossen wurde, setzte Philipp Lahm einen Foulelfmeter nur an den Pfosten (22.). "Es war eigentlich unglaublich, dass wir zur Halbzeit nur 1:0 geführt haben. Wir hatten auch im zweiten Durchgang viele Eins-gegen-Eins-Chancen. Am Ende haben wir durch einen unnötigen Fehler wieder den Sieg weggegeben", sagte Trainer Louis van Gaal.

Als der späte Ausgleich von Sascha Riether (86.) die Bayern kalt erwischte, war Ribery schon längst mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Kabine gehumpelt. Der Franzose erlitt bei einer Attacke von Josue eine Zerrung im Kapselbandapparat des linken Knies, kann aber nach fünf Tagen Pause wieder ins Mannschaftstraining zurückkehren. Damit verpasst er wohl nur das Spiel am Samstag gegen den 1. FC Kaiserslautern. "Das ist Glück im Unglück", sagte Ribery.

Einen Restfunken Hoffnung auf den Titel hat van Gaal allerdings nach wie vor Der Niederländer sagte trotzig: "Alles ist möglich. Wir können noch 48 Punkte holen." Auch FCB-Kapitän Mark van Bommel gab sich kämpferisch: "Wir dürfen den Glauben nicht verlieren. Es sind noch 16 Spiele zu spielen. Und was hat man nicht schon alles im Fußball gesehen."

Kraft mit starkem Einstand

Grund zur Zufriedenheit hatte immerhin Thomas Kraft. Ein Tor vorbereitet, einen Elfmeter glänzend pariert - viel besser hätte die Bundesliga-Premiere für den Torhüter nicht laufen können. Der 22 Jahre alte Keeper deutete mit guten Paraden und einer klugen Spieleröffnung an, dass er für den FC Bayern ein Gewinn sein kann.

Der Youngster rechtfertigte das Vertrauen von Trainer van Gaal, der Kraft allerdings keine Stammplatzgarantie ausstellen wollte. "Das erste Spiel ist immer das einfachste. Er hat gut gespielt, aber das muss er auf lange Sicht machen. Wenn das nicht der Fall ist, habe ich kein Problem, ihn wieder aus dem Tor zu nehmen."

Müller: "Wir wissen, was Kraft kann"

Im "Bubi-Block" der Bayern mit den beiden 21-jährigen Innenverteidigern Breno und Holger Badstuber war Kraft in Wolfsburg häufig gesuchte Anspielstation. Der Debütant bewies Sicherheit in der Ballbeherrschung und sorgte mit langen Schlägen für Entlastung. In der 7. Minute leitete einer dieser langen Pässe die Führung ein.

Höhepunkt war jedoch die Reaktion beim Strafstoß von Grafite kurz vor der Pause. Der Brasilianer schoss scharf, doch Kraft lenkte den Ball noch an die Latte. "Ich hab' mich riesig über meine Aufstellung gefreut", verriet Kraft und gab zu, ein wenig nervös gewesen zu sein: "Aber das bin ich vor jedem Spiel. Das war schon in der A-Jugend so. Das ist völlig normal."

Die Mannschaft steht allerdings hinter Kraft, wie Thomas Müller auf Nachfrage von bundesliga.de bestätigte: "Er spielt nicht umsonst beim FC Bayern. Der Druck bei Bayern ist immer groß. Wir wissen, was er kann."

Mitarbeit: Jürgen Blöhs