Köln - Auf diesen Tag haben sie elf lange Wochen warten müssen. Seit dem 2. Spieltag hatte Borussia Mönchengladbach kein einziges Bundesliga-Spiel mehr gewonnen, neunmal vergeblich versucht, einen "Dreier" zu landen und dabei einige heftige Pleiten kassiert: 0:4 gegen Frankfurt, 0:7 in Stuttgart, 1:4 gegen Bremen, 0:3 in Kaiserslautern.

Jetzt haben die Borussen den Spieß einmal umgedreht und ihrerseits das so lange ersehnte Ausrufezeichen gesetzt. Mit 4:0 fegten sie im rheinischen Derby den 1. FC Köln aus dem ausverkauften RheinEnergieStadion. Endlich knüpften die "Fohlen" an jene grandiose Leistung an, die ihnen am 2. Spieltag einen 6:3-Sieg in Leverkusen einbrachte, den bis gestern einzigen.

Die Elf vom Niederrhein hat die "Rote Laterne" an den Erzrivalen abgegeben, nur noch ein Punkt fehlt bis zum rettenden 15. Tabellenplatz.

Andeutungen eindrucksvoll bestätigt

"Ein 4:0 in Köln sind zwar auch nur drei Punkte auf dem Papier, aber fast neun für den Kopf", beschrieb Borussias Außenverteidiger Tobias Levels seine Gefühlswelt überschwenglich: "Das ist einfach sensationell geil. Wenn es einen Knoten gegeben hat, muss der heute geplatzt sein."

Was sich am vergangenen Wochenende beim 3:3-Spektakel gegen Rekordmeister Bayern München andeutete, entlud sich in Köln mit voller Wucht. Die Moral der Borussia ist intakt, die Offensive mit dem in Köln überragenden zweifachen Torschützen Raul Bobadilla gehört mit inzwischen 21 Treffern zu den Top 5 der Bundesliga. Und auch die Abwehr präsentierte sich stark verbessert, blieb erstmals in dieser Spielzeit ohne Gegentor.

Genuss mit Vorsicht

Wenn die Mannschaft so auftritt wie in Köln, ist sie nicht nur konkurrenzfähig. Sie gehört dann zu den spielstärksten Mannschaften der Liga. Allerdings ist der Triumph in der Domstadt mit Vorsicht zu genießen, mangelte es der Borussia in dieser Spielzeit doch vor allem an Konstanz.

Schon nach dem 6:3 von Leverkusen träumten viele vom internationalen Geschäft. Doch es gab ein bitteres Erwachen und eine lange Durststrecke. "Ob es der große Befreiungsschlag war, wird man nächste Woche sehen", analysiert Borussia-Mittelfeldspieler Torben Marx nüchtern: "Es wird noch ein langer Weg, bis wir da unten wieder raus kommen."

Keine Angst vor großen Namen

Zumal die Mönchengladbacher auch wieder vom Verletzungspech gebeutelt wurden. In Köln schieden gleich zwei gerade erst wieder genesene Innenverteidiger verletzt aus. Sowohl Roel Brouwers als auch Dante erwischte es erneut. Der Niederländer zog sich einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu, die genaue Diagnose beim Brasilianer (Knieverletzung) steht noch aus. Noch ist auch unklar, wie lange die beiden Defensivspezialisten fehlen werden.

Doch die Freude über den Sieg überwog. Denn der Anfang ist gemacht, die Borussia will noch vor der Winterpause die Abstiegsränge wieder verlassen. Dass die beiden nächsten Gegner 1. FSV Mainz 05 und Borussia Dortmund heißen, stört niemanden.

"Uns ist völlig egal, wer die nächsten Gegner sind", sagt Marx selbstbewusst: "Wir haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass wir gegen große Namen gut gespielt haben. Mainz ist eine fußballerisch starke Mannschaft. Das liegt uns mehr. Das sind jetzt schöne Aufgaben, die kommen, wichtige Aufgaben. Die müssen wir genauso angehen wie die Aufgabe gegen Köln."

"Das waren keine Worthülsen"

So könnte der Derbysieg in Köln die Bestätigung dafür gewesen sein, dass der Verein trotz der sportlichen Misere die Ruhe bewahrt und dem Trainer Michael Frontzeck, der schon im Vorjahr eine Niederlagenserie meisterte, demonstrativ den Rücken gestärkt hat.

"Wir sind von der Arbeit des Trainers überzeugt", meinte Borussias Sportchef Max Eberl. "Das haben wir die ganze Zeit gesagt, und das waren keine Worthülsen, sondern unsere tiefste Überzeugung."

Der Trainer selbst blieb im Erfolg bescheiden. "Die Art und Weise nach so einer langen Negativserie ein derartiges Auswärtsspiel abzuliefern, freut mich unheimlich", sagte Frontzeck. "Ich kann nicht verhehlen, dass es schön ist, als Gladbacher in Köln zu gewinnen. Aber jetzt ganz ohne Häme: Ich denke, dass beide Clubs in einer unangenehmen Situation sind und hoffe, dass wir auch im nächsten Jahr dieses Derby in Köln spielen können." In der Bundesliga, versteht sich.

Aus Köln berichtet Tobias Gonscherowski