Mit 13 Punkten aus den letzten fünf Spielen sicherten sich die Berliner vorzeitig die Qualifikation für die UEFA Europa League.

Jetzt wollen die Hauptstädter mehr. Manager Dieter Hoeneß glaubt, dass Herthas Meisterschaftschancen gestiegen sind und die Mannschaft noch weiteres Entwicklungspotenzial hat.

Frage: Glückwunsch zum 2:1-Sieg beim 1. FC Köln. Hertha bleibt damit im Rennen um die Deutsche Meisterschaft. Wie beurteilen Sie die Chancen auf den Titel?

Dieter Hoeneß: Unsere Meisterschaftschancen sind gestiegen, weil wir uns eine gute Ausgangsposition für die letzten beiden Spiele geschaffen haben. Aber was viel wichtiger ist: Wir haben unser Saisonziel erreicht, wir sind im UEFA-Cup. Das haben uns viele vor der Saison nicht zugetraut. Wir wollten das diesmal nicht über die Fairplay-Wertung schaffen, sondern sportlich. Das war sehr ehrgeizig formuliert. Natürlich wollen wir jetzt mehr. Wir haben auf dem Papier ein leichtes Restprogramm. Aber es wird trotzdem ganz schwer. Die Schalker werden am kommenden Samstag nicht abschenken, sie werden versuchen, sich vernünftig zu verabschieden. Die Partie Bayern gegen Stuttgart bietet für uns natürlich Chancen. Wenn wir das nächste Spiel gewinnen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir auf jeden Fall Dritter werden.

Frage: Haben Sie schon einmal an 1992 gedacht als die Konstellation ähnlich spannend war und Sie als Manager mit dem VfB Stuttgart Deutscher Meister wurden?

Hoeneß: Ja natürlich, das war eine ähnliche Situation. Es liegt ähnlich eng beieinander. Für die Fans ist das faszinierend. Bei mir werden Erinnerungen wach, aber jede Saison ist anders.

Frage: Hertha ist wie damals der VfB Stuttgart nicht der Favorit auf den Titel. Liegt darin die Chance?

Hoeneß: Ich freue mich, dass wir zwei Spieltage vor Saisonende um die Meisterschaft mitspielen. Das habe ich nicht erwartet. Da mache ich kein Hehl daraus. Ich habe immer gesagt, dass wir eine gute Chance haben, einen UEFA-Cup-Platz zu erreichen. Den haben wir jetzt erreicht. Alles, was jetzt kommt, ist das Sahnehäubchen.

Frage: Zurück zum Spiel in Köln. Wie hat Ihnen die kontrollierte Spielweise Ihrer Mannschaft gefallen?

Hoeneß: Die gefällt mir absolut. Wir stehen sehr kompakt und können uns nach vorne noch etwas verbessern. Wir können sicher noch druckvoller spielen. Das kommt dann mit der Sicherheit und mit der Erfahrung. Wir haben eine ganze Reihe von jungen Spielern, die noch Entwicklungspotenzial haben. Die Ordnung gefällt mir sehr gut. In der zweiten Halbzeit haben wir ein bisschen das Kompakte verloren. Da sind die Kölner gut aufkommen. Man muss aber auch sagen, dass die Kölner ein gutes Spiel gemacht haben. Sie haben nicht abgeschenkt, Gas gegeben und wollten dieses Spiel gewinnen und ihren Zuschauern etwas zeigen. Das wäre uns in der zweiten Halbzeit beinahe zum Verhängnis geworden. Da haben wir ein bisschen gewackelt. Aber wir haben ja auch einen guten Torwart.

Frage: Wie fühlen Sie sich nachdem Sie in Berlin so lange Aufbauarbeit geleistet haben und ja nicht mehr so lange im Amt bleiben werden, nachdem Sie jetzt ein Ziel erreicht haben?

Hoeneß: Mir geht es sehr gut, aber mir ging es auch in anderen Phasen gut, weil ich die Zusammenhänge besser kenne. Es ist ja nicht so, dass wir in den letzten zwölf Jahren das erste Mal international dabei sind. Wir waren sieben oder acht Mal dabei. Das ist keine neue Situation. Wir hatten zwischendurch eine wirtschaftliche Konsolidierung, die automatisch einher ging mit einer sportlichen Stagnation. Die Konsolidierung haben wir abgeschlossen. Dadurch waren wir in der Lage, wieder Spieler zu holen, die Zeichen setzen können, u.a. Cicero, Voronin, Raffael. Gepaart mit dem guten Stamm, den wir zur Verfügung haben, war mir klar, dass wir wieder zurückkommen können. Aber zwischenzeitlich hatten wir eine Phase, in der wir keine Investitionen tätigen konnten. Dann kommt die sportliche Stagnation automatisch. Dann braucht man einen starken Rücken, um durchzugehen. Das muss man verkaufen können. Die Leute wissen zwar, dass man sich sanieren muss, aber sie akzeptieren die sportliche Stagnation nicht. Durch diese Phase mussten wir durch. Umso erfreulicher ist die Situation jetzt.

Frage: Gibt es Ihrerseits Überlegungen, vielleicht doch noch weiterzumachen?

Hoeneß: Nein, die Entscheidung steht lange fest. Ich habe sehr früh festgelegt. Daran ändert sich nichts. Es fällt ja viel leichter, wenn man ein bestelltes Haus hinterlässt. Aber es ist ja auch noch ein Jahr bis dahin.

Frage: Was bedeutet es Ihnen, dass die Stimmung in Berlin so gut ist und das Stadion selbst gegen Bochum voll ist?

Hoeneß: Wir haben diese Situationen ja auch vorher schon gehabt. Die Stimmung ist immer abhängig vom Tabellenplatz. Man muss guten und erfolgreichen Fußball bieten, dann kommt auch die Begeisterung. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen, die haben wir gemacht. Dementsprechend kommt die Entwicklung automatisch. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass es uns gelungen ist, eine Mannschaft mit Charakter aufzubauen. Jungs, die einfach diesen Hunger und Siegeswillen haben und ein hohes Maß an Teamgeist mitbringen. Diese Mischung ist es.

Frage: Wie beurteilen Sie die Leistung von Marko Pantelic?

Hoeneß: Ich habe schon vor Wochen gesagt, wir brauchen alle Spieler und insbesondere so einen Klassespieler wie Marko, der uns durch eine tolle Einzelleistung auf die Siegerstraße gebracht hat. Dieses 1:0 war kurz vor der Halbzeit ungeheuer wichtig. Steve van Bergen hat Arne Friedrich ersetzt, Lukasz Piszczek kam nach langer Verletzung zurück. Andrey Voronin ist nach seiner Sperre wieder dabei, wir können ihn gut gebrauchen. Es ist gut, dass wir mehrere Möglichkeiten haben.

Frage: Wie sicher sind Sie, dass auch in der kommenden Saison das Duo Pantelic und Voronin für die Hertha stürmt?

Hoeneß: Sicher bin ich nicht. Im Moment steht keiner für nächstes Jahr unter Vertrag. Lassen Sie uns die Saison zu Ende spielen. Wenn wir die Champions League erreichen, werden wir sehen, was machbar ist. Im Moment möchte ich nicht spekulieren. In zehn Tagen werden wir das Thema angehen, wenn wir das können.

Frage: Ist es möglich, dass beide bleiben?

Hoeneß: Im Moment eher nicht.

Aufgezeichnet von Tobias Gonscherowski