Zusammenfassung

Hoffenheim - Nur 14 Monate hat Julian Nagelsmann gebraucht, um die TSG 1899 Hoffenheim von einem Abstiegskandidaten in einen Champions-League-Anwärter zu verwandeln und sich selbst im Kreis der am heißesten gehandelten Bundesliga-Trainer zu platzieren. Am Dienstag gewann die TSG im 18. Anlauf sogar erstmals gegen den FC Bayern München (1:0) und Nagelsmann sagt: "Ich bin keiner, der in einer Hochphase auf die Bremse tritt."

Wie man sich in den Geschichtsbüchern der TSG und der Bundesliga verewigt, weiß ja niemand besser als dieser erst 29 Jahre junge Allgäuer aus Landsberg am Lech. 2014 holte er als Coach der A-Junioren erstmals einen Deutschen Meistertitel der Junioren nach Hoffenheim. Nach seiner Beförderung zum Chefcoach als Nachfolger von Huub Stevens im Februar 2016 steht er mit 28 Jahren als jüngster Bundesliga-Trainer in den Annalen der Liga. Und höchstwahrscheinlich wird die TSG in der kommenden Runde erstmals im Europapokal spielen.

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Nach den Siegen zuletzt in Berlin und gegen die Bayern winkt sogar der ganz große Wurf mit der Champions-League-Teilnahme - der Abstand auf den ersten Europa-League-Rang fünf beträgt für die aktuell Dritten Hoffenheim nach 27 Spieltagen schon elf Punkte. Diese Chance wollen sich der Club und ihr junger Antreiber nicht mehr nehmen lassen, Nagelsmann sagt: "Es ist doch die schönste Situation im Leben, wenn man den eigenen Weg zeichnen kann und niemandem ausgeliefert ist. Nun braucht man einen spitzen Bleistift."

Neben all der Fachkenntnis und seinen taktischen Fähigkeiten, zu der vor allem auch die gehört, nie ausrechenbar zu sein, besitzt Nagelsmann ein natürliches rhetorisches Talent, wie es nur wenige Trainer haben. "Der Menschenführer ist mehr wert als der Topfachmann", sagt er. "Empathie" sei der Türöffner für die Bildung einer Beziehung zwischen Trainer und Spielern. Dennoch ist er offen für jede auch datentechnische Neuerung in der Trainingslehre und Trainingsdurchführung. Aber am Ende wählt er nur das aus, von dem er sich einen Mehrwert verspricht.

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Vom ersten Tag an als Cheftrainer überzeugte er seine Spieler mit seinen Ideen und vor allem mit seinem Mut, die Dinge offensiv anzugehen. Im Abstiegskampf bläute er den Profis ein, Spiele gewinnen und nicht nur daran zu denken, Spiele nicht verlieren zu wollen. Nagelsmann überrascht seine Spieler mit variablem Training, immer neuen Ideen und Matchplänen auf die Schwächen des Gegners ausgelegt. Für einen Matchplan benötige er nach Vorbereitung und Gegnersichtung in seinem Trainerteam am Ende dann "zehn Minuten", erzählt er. Gegen die Bayern fanden seine Spieler die von ihm im Vorfeld angezeigten Räume, um selbst aktiv nach vorne zu spielen und Torchancen zu kreieren. Es war ja nicht so, dass Hoffenheim die Bayern ausgekontert hätte - in der ersten Halbzeit spielte die TSG dominant.

Video: Trainer-Wunderkind Nagelsmann

Nagelsmann, der fast alle Spieler in seinen 14 Monaten besser gemacht hat, hievte auch die Mannschaft sukzessive auf das nächste Niveau: Hoffenheim gewinnt jetzt enge Spiele, durch die klugen Sommer-Zugänge der physisch starken Sandro Wagner, Kevin Vogt und Benjamin Hübner gewann die Elf an Aggressivität, die taktische Umstellung auf ein 3-5-2-Grundsystem wird den Stärken der Spieler noch mehr gerecht, und fußballerisch findet die TSG im Spielaufbau mittlerweile auch fast immer eine Lösung. "Wir sind fußballerisch alle und als Mannschaft noch einmal besser geworden", stimmt Niklas Süle zu. Der erste in Hoffenheims Jugend ausgebildete Deutsche Nationalspieler wechselt im Sommer wie Sebastian Rudy zum FC Bayern. Nagelsmann weint den Weggängen nicht hinterher, auch wenn er sie bedauert. Vielmehr sei es eine Auszeichnung, wenn der Rekordmeister Spieler hole, die er aus- und weitergebildet habe. Und Nagelsmann freut sich auf die Herausforderung, zusammen mit Manager Alexander Rosen im Sommer die Mannschaft wieder neu zu verstärken.

Sieben Spieler aus dem eigenen Nachwuchs stehen im Profikader, die der Cheftrainer einst selbst ausgebildet hat. Die Chance, seine Beförderung zur Win-Win-Geschichte für alle werden zu lassen, hat Nagelsmann überragend genutzt. Jüngst ist der immer für einen Flachs zu habende junge Mann vom DFB zum "Trainer des Jahres 2016" gekürt worden. Mit seiner ihm eigenen Schlagfertigkeit kommentierte er: "Wenn ich den Preis als größte Pfeife des Jahrhunderts bekommen hätte, wäre das schlimmer gewesen." Nagelsmann muss wie jeder hochgelobte Mensch aufpassen, nicht abzuheben. Aber er wirkt geerdet und sagt: "Überheblichkeit hat noch keinem geholfen, weder im Sport, noch im Leben."

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Aber dennoch: Klein zu denken, ist nicht sein Ansatz. Das hat er vielleicht auch von Thomas Tuchel gelernt, der diesen Satz auch oft sagt. Als Tuchel Nachwuchstrainer in Augsburg war, setzte dieser den früh wegen eines Knieschadens um eine Laufbahn als Profi gebrachten Nagelsmann als Scout ein. Nagelsmann erinnert sich: "Tuchel bat mich, Spiele und Gegner zu analysieren. Das habe ich dann gemacht. Ich habe für ihn, nicht mit ihm gearbeitet." Nun kämpfen Tuchel mit Dortmund und Nagelsmann mit Hoffenheim um den direkten Einzug in die Champions-League. Außer den Bayern hat seit den 41 Spielen, die Nagelsmann nun in der Bundesliga reüssiert, nur noch Dortmund mehr Punkte geholt. Nur in sieben Spielen gingen die Hoffenheimer mit Nagelsmann als Verlierer vom Platz und holten insgesamt 74 Punkte. Als Trainer machte er bei 1860 München erste Schritte, sein damaliger Mentor Ernst Tanner, einst bei 1860 Nachwuchschef, später in Hoffenheim Manager, holte ihn 2010 zur TSG. Nagelsmann sagt, von Tanner, der heute Nachwuchschef in Salzburg ist, habe er den Satz verinnerlicht "Mentalität schlägt immer Qualität".

Als Sportler treibt ihn der Ehrgeiz an, Spiele zu gewinnen, am liebsten jedes einzelne. Nach dem Sieg gegen die Bayern gab er zu: "Es ist vielleicht die größte Droge, Spiele zu gewinnen." Dabei wirkt er nicht wie ein Abhängiger. Zwar ist er hochprofessionell, aber er hat auch den Blick über den Tellerrand des Fußballs hinaus. Erholung findet er bei seiner Freundin Verena und Sohn Maximilian. In seiner Freizeit treibt der Motorrad-Fan gerne Sport (Kitesurfen, Ski: "Ich fahre zyklisch in Urlaub, im Sommer ans Meer, im Winter in den Schnee") und hört die Musik von Tim Bendzko. Nagelsmann wirkt für sein Alter sehr reflektiert. Das habe auch mit dem frühen Tod seines Vaters zu tun, der ihm in jungen Jahren "schwierige Entscheidungen" abgerungen habe, wie er sagt.

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Nagelsmann, der sehr leidenschaftlich, manchmal sogar aggressiv coacht während eines Spiels, besitzt auch die Gabe, in Ansprachen mitzureißen und alle auf seiner Erfolgsreise mitzunehmen. Sein Assistent Alfred Schreuder, den einst Huub Stevens mit nach Hoffenheim gebracht hat, erzählte nach dem Bayern-Sieg, dass er von Julian Offenheit lernen könne, aber vor allem auch, was Ansprachen bewirken können. Der 44 Jahre alte Niederländer genießt die Arbeit mit dem 13 Jahre jüngeren Chef sichtlich.

Nagelsmann sagt: Gute Mannschaften schafften es, eine ganze Saison an ihr Optimum heranzukommen. Aktuell sieht er keine Anzeichen, dass seine Elf nachlässt. Warum auch? Das mit der Mannschaft letzten Sommer vereinbarte Saisonziel hütet Nagelsmann weiter wie ein wichtiges Geheimnis. Aber schon vor dem Sieg in Berlin gab der 29-Jährige zu, dass ein schlechteres Abschneiden als ein Europa-League-Platz nach dem bisherigen Saisonverlauf "nicht so schön wäre". Aber er spüre nicht, dass der Druck ins "Unermessliche" steige, und „keine Angst, psychologisch irgendetwas verändern zu müssen“. Mental sieht Nagelsmann seine Spieler für den Schlussspurt gerüstet: Der Großteil der Profis habe schon viel erlebt zusammen, erklärt er: In der vergangenen Saison eine extreme Delle und einen stabilen Schlussspurt zum Beispiel.

Nagelsmann, Vertrag bis 2019, sagt, er werde die Spekulationen um seine Zukunft nicht jede Woche kommentieren. Einen Karriereplan habe er ohnehin nicht, das führe nur zu Enttäuschungen, wie er als Spieler "mit 1,8 Millionen Verletzungen" schmerzhaft habe erfahren müssen. In der nächsten Saison wird er noch in Hoffenheim arbeiten: womöglich dann in der Champions League. Und dass er einmal einen Titel gewinnen wolle, gibt er zu. Aber auch ein Titel sei nicht das absolute Ziel - Julian Nagelsmann sagt viel mehr: "Ich freue mich, wenn man am Ende sagt: Ich war ein guter Mensch."

Tobias Schächter