Sinsheim - Manchmal erfordern ungewöhnliche Situationen ungewöhnliche Maßnahmen. Es stand 1:0 für die TSG 1899 Hoffenheim, als Alexander Zorniger, der Trainer des VfB Stuttgart, in Minute 63 sein ganzes Auswechselkontingent auf einen Schlag erschöpfte.

Das machen Trainer nicht oft und nicht oft so früh im Spiel. Aber Zorniger erklärte hinterher: "Ich hatte das Gefühl, die Mannschaft braucht einen Impuls von außen." Also nahm der Trainer Toni Sunjic, Lukas Rupp und Alexandru Maxim vom Platz und brachte dafür Daniel Schwaab, Arianit Ferati sowie Jan Kliment.

Erleichterung beim VfB

Wer das als Trainer macht, muss sehr mutig und sehr überzeugt von sich sein. Alexander Zorniger ist sicher beides. Am Samstag wurde er belohnt, nur eine Minute nach diesem Dreiertausch köpfte der 22 Jahre junge Tscheche Kliment den 1:1 Ausgleich. Und trotz des erneuten Rückstands nach einem Kontertor durch Kevin Volland (77.) gelang den Schwaben noch einmal der Ausgleich durch Timo Werner - geflankt hatte das 18 Jahre junge VfB-Talent Ferati. Und weil der Ausgleich in der 90. Minute fiel, machte Alexander Zorniger auf der Pressekonferenz einen entschuldbaren Versprecher: "Es war aufgrund des Zeitpunktes ein verdienter, aber glücklicher Sieg." Natürlich wusste der Trainer des VfB, dass dieses fehlerbehaftete, aber spannende Spiel 2:2 (zum Spielbericht) ausgegangenen war.

Beim VfB war die Erleichterung zwar zu spüren, nicht auch das siebte von bisher acht Spielen verloren zu haben. Aber wie ein Sieg fühlte sich das Ergebnis spätestens beim Blick auf die Tabelle auch nicht an: Der VfB ist weiter Letzter, nun mit vier Pünktchen und Sportvorstand Robin Dutt konstatierte dann auch zu Recht: "Der Punkt hat uns in der Tabelle nicht geholfen, wir nehmen ihn aber als einen der Moral und als Strohhalm."

Sieg wäre möglich gewesen

Ein Sieg wäre dem VfB aber fast noch gelungen, doch Timo Werner vergab in der Nachspielzeit aus acht Metern, allerdings hart bedrängt von einem Gegenspieler. Werner, bei dessen Leistungen zuletzt ein Aufwärtstrend zu beobachten war, musste sich danach der Kritik seines Trainers stellen, Zorniger sagte wenig diplomatisch: "Das 3:2 wäre möglich gewesen, aber unter dem Strich ist der Punkt ok. Den konnte Timo nicht reinmachen. Er war noch so mit Küsschen verteilen nach dem 2:2 beschäftigt, dass der Fokus noch nicht darauf lag, ihn reinzumachen. So ist das bei jungen Spielern." Trotzdem wertete der Trainer den Auftritt der Mannschaft im badisch-württembergischen Nachbarschaftsduell generell als Fortschritt - "vom Ergebnis her und von den Comeback-Qualitäten der Mannschaft", wie Zorniger erklärte.

Das Ergebnis war insgesamt auch deshalb für den VfB positiv, weil in Christian Gentner, Filip Kostic und Daniel Ginczek drei Stammspieler verletzungsbedingt gefehlt hatten. Während die Rückkehr von Kapitän Gentner (Achillessehnenprobleme) und Kostic (Muskelfaserriss) absehbar ist, wird Mittelstürmer Ginczek laut Zorniger im Kalenderjahr 2015 wegen eines Bandscheibenvorfalls wohl nicht mehr zum Einsatz kommen. Wie die Verletzung behandelt wird - ob durch eine Operation oder konservativ - ist noch nicht entschieden. Der Ausfall ihres einzigen Zielstürmers im Kader trifft den VfB hart.

Vielleicht ist das die Chance wieder von Martin Harnik, der zuletzt nicht mehr erste Wahl war, in Hoffenheim aber in der Startelf stand und gleich Kapitän war. "Martin hat toll für die Mannschaft gearbeitet", lobte Zorniger. Beim VfB bleibt die Lage also aus vielen Gründen prekär. Es wird spannend zu beobachten sein, wie Trainer und Mannschaft sich aus dieser Lage befreien wollen. Es werden weitere ungewöhnliche Maßnahmen mit gutem Ausgang für den Erfolg in Stuttgart nötig sein.

Aus Sinsheim berichtet Tobias Schächter