Mönchengladbach - Dieses rheinische Derby hatte es in sich. In einem Spiel mit zwei grundverschiedenen Hälften siegte Bayer 04 Leverkusen mit 5:1 bei Borussia Mönchengladbach. Trotz des klaren Resultats sprach Gästetrainer Heiko Herrlich nach dem Spiel von einem "glücklichen Erfolg" seiner Mannschaft. Doch dieses Glück erzwang der Coach mit einer brillanten Systemumstellung nach der Pause.

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Mönchengladbach bleibt für Bayer 04 Leverkusen ein gutes Pflaster - lässt man einmal die drei allesamt verlorenen Gastspiele in der Ära Roger Schmidt außen vor. Am Niederrhein blieb die Werkself zwischen 1989 und 2014 satte 25 Jahre am Stück ungeschlagen. Dort feierte sie auch beim 8:2 im Jahr 1998 ihren zweithöchsten Auswärtssieg in der Bundesliga. Diese Höhe konnte die Leverkusener Mannschaft des Jahres 2017 zwar nicht toppen, dafür jedoch eine andere Bestmarke einstellen.

Leno:
Leno: "Die erste Halbzeit war brutal, wir kamen gar nicht ins Spiel." © imago / mika

Fünf Tore in einer Halbzeit - das gab es schon mal

Denn fünf Tore in einer Halbzeit, wie sie Bayer 04 am Samstagnachmittag erzielte, waren Leverkusen auch nur ein einziges Mal zuvor in seiner Bundesliga-Historie gelungen: beim 9:1-Auswärtssieg (Halbzeitstand 4:0) beim SSV Ulm vor 17 Jahren. Dass eine Halbzeit aber mit 5:0 an Bayer 04 ging, gab es noch nie. Und es hätte diesmal sogar noch ein Treffer mehr werden können, wäre Wendells Schuss in der 75. Minute nicht am Aluminium gelandet, sondern im Tor.

Dieses Spiel war ein ganz irres Ding. Eine Halbzeit dominierte die Borussia nach Belieben. "Unsere beste Halbzeit in dieser Saison", meinte Fohlen-Trainer Dieter Hecking zurecht. "Die erste Halbzeit war brutal, wir kamen gar nicht ins Spiel. Alle Bayer-Leute waren froh, als Halbzeit war", stimmte Bayer-Keeper Bernd Leno zu.

"Wenn wir unsere Leistung abrufen, dann können wir auch solche Ergebnisse erzielen" Bernd Leno (Bayer 04 Leverkusen)

Die zweite Halbzeit war entscheidend

In der Pause stellte Heiko Herrlich dann um. Der glücklose Argentinier Lucas Alario musste raus, für ihn kam Julian Brandt. Kevin Volland rückte in die Spitze, Leon Bailey wechselte von links nach rechts. "Außerdem standen wir kompakter und ein Stück tiefer", wie Innenverteidiger Jonathan Tah bemerkte.

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Vorbei war es mit der Borussia-Herrlichkeit. Binnen 13 Minuten drehte die Werkself das Spiel und stellte das Resultat nach Treffern von Sven Bender, Bailey und Brandt nach einer Stunde auf 3:1. Danach erhöhten Kevin Volland und Joker Joel Pohjanpalo sogar noch auf 5:1. "Wenn wir unsere Leistung abrufen, dann können wir auch solche Ergebnisse erzielen", freute sich Bernd Leno. "Wir haben unsere Chancen auch endlich mal genutzt."

Julian Brandt mit einem Tor und einer Vorlage gegen Mönchengladbach
Julian Brandt mit einem Tor und einer Vorlage gegen Mönchengladbach © imago / Jan Huebner

Statistisch eher Durchschnitt

Dabei hatte Leverkusen nicht großartig anders gespielt als in den Wochen zuvor. Die statistischen Werte waren sogar eher durchschnittlich. Bayer hatte nur 42 Prozent Ballbesitzphasen und gewann nur unterdurchschnittliche 45 Prozent der Zweikämpfe. Beides liegt weiter unter dem Saisonschnitt der Rheinländer (56 Prozent bzw. 51 Prozent).

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Auch die Passquote von 84 Prozent lag unter dem Saisonschnitt der Herrlich-Elf (86 Prozent). Leverkusen gab auch "nur" zehn Torschüsse ab. Auch das ist keine Besonderheit: In den 17 Spielhälften zuvor in dieser Saison gab es bereits sechs Mal zehn oder mehr Torschüsse. Den Unterschied machte diesmal die "gnadenlose Effizienz", so Kevin Volland, aus

"Die Mannschaft hat sich in der zweiten Halbzeit in einen Rausch gespielt und nahezu jede Chance genutzt" Heiko Herrlich (Bayer 04 Leverkusen)

Sprung in die obere Tabellenhälfte

"Die Mannschaft hat sich in der zweiten Halbzeit in einen Rausch gespielt und nahezu jede Chance genutzt", meinte Herrlich. "Vielleicht war das eine ausgleichende Gerechtigkeit für die Vielzahl von Chancen, die wir in den letzten Wochen liegengelassen haben. Auch wenn das Resultat hoch ausgefallen ist, war es trotzdem ein glücklicher Sieg."

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Leverkusen schaffte durch diesen Derbysieg zum ersten Mal in dieser Spielzeit den Sprung in die obere Tabellenhälfte. 20 Treffer erzielte der Werkself bereits in dieser noch jungen Saison mit zwölf verschiedenen Torschützen. Mehr Buden gelangen nur Borussia Dortmund und Bayern München. Und für Bayer 04 ist auch erfreulich, dass alle Mannschaftsteile Torgefahr entwickeln.

Leon Bailey mit seinem zweiten Bundesliga-Treffer
Leon Bailey mit seinem zweiten Bundesliga-Treffer

In Mönchengladbach knipste Innenverteidiger Sven Bender genauso wie die offensiven Mittelfeldspieler Brandt (bereits drei Saisontore) und Bailey sowie die Stürmer Volland (fünf Tore) und Joel Pohjanpalo. So geht Bayer 04 gut gerüstet in die englische Woche mit dem Pokal-Heimspiel gegen Union Berlin und dem nächsten Derby gegen den 1. FC Köln.

Aus Mönchengladbach berichtet Tobias Gonscherowski