Donezk - Nach dem Donnerwetter von Donezk lachte Andrej Schewtschenko im Arm von Laurent Blanc. Dennoch: Vielleicht, mag der Star der ukrainischen Nationalmannschaft gedacht haben, wäre ein Spielabbruch wegen des Gewitters doch besser gewesen. Es hatte wahrlich wie aus Eimern geregnet, die Blitze zuckten gleißend hell über den nachtschwarzen Himmel, als Schiedsrichter Björn Kuipers (Niederlande) für die erste Spielunterbrechung in der EM-Historie wegen höherer Gewalt sorgte. Nach 4:17 Minuten schickte er die Ukrainer und die Franzosen bestimmend in die Kabine.

Als nach 58 Minuten wieder gespielt wurde, erlebte die Ukraine ihr blaues Wunder, die "Blauen" machten die "Gelb-Blauen" nass. Frankreich gewann verdient mit 2:0 (0:0), setzte sich an die Spitze der Gruppe D - und der Co-Gastgeber der Endrunde muss nun in ein echtes "Endspiel" gegen England um den Einzug ins Viertelfinale. Und sie hatten die Niederlage gewittert - denn die Angst vor dem "Fluch von Donezk", wo die Ukraine noch nie ein Länderspiel gewonnen hat, war zuvor schon groß gewesen. Und wo geht es gegen England? Na klar.

"Für diese Platzverhältnisse nicht schlecht"



"Für diese Platzverhältnisse waren wir nicht schlecht", sagte der ukrainische Nationaltrainer Oleg Blochin. Seine Mannschaft habe "gegen eines der besten Teams der Welt" gespielt. Lamentieren wollte er nicht: "Die Umstände waren für beide Teams gleich", sagte er.

Nach dem Wiederbeginn des zweiten Vorrundenspiels wurden die 48..000 Zuschauer in der Donbass-Arena mit einem sehr unterhaltsamen Spiel für ihre Widerstandskraft belohnt. Tore sahen sie zwar zunächst nicht - in der zweiten Halbzeit jedoch nutzten die klar überlegenen Franzosen um den starken Franck Ribery endlich ihre guten Chancen: Zunächst erlöste Jeremy Menez (53.) die Blauen, dann legte Yohan Cabaye (56.) nach.

"Ich bin sehr zufrieden, ich habe meinen Spielern gratuliert. Das war ein klasse Spiel meiner Mannschaft, es hat Spaß gemacht, zuzuschauen", sagte der französische Nationaltrainer Blanc. Mit der Offensive war er nicht glücklich: Wir hätten ein paar Tore mehr schießen können. Wir müssen weiter hart arbeiten, um eine Runde weiterzukommen."

Frankreich verpasst frühe Führung



Für die Ukrainer um den diesmal glücklosen Andrej Schewtschenko war die Niederlage ein Stimmungstöter, die Franzosen haben die angespannte Lage in der Heimat und rund um die Mannschaft dagegen erst einmal beruhigt. Nach dem 1:1 zum EM-Auftakt gegen England hatte es erste Unruhe gegeben, doch gegen die Ukrainer spielte Frankreich mit neuer Leidenschaft und mehr Fortune. Cabaye hätte sogar auf 3:0 erhöhen können, traf aber nur den Pfosten (65.).

Gute Chancen hatte es schon vor der Halbzeit gegeben. Frankreich hatte mehr vom Spiel, Ribery war sehr auffällig, doch in Strafraumnähe war die Equipe Tricolore zunächst harmlos - wie schon gegen England. Und dann auch glücklos. Menez auf Vorlage von Ribery (26.), Samir Nasri (29.) und Philippe Mexes (39.). verfehlten aus bester Position das Tor knapp oder scheiterten an Torhüter Andrej Pjatow.

Die Ukraine, zunächst frenetisch angefeuert, lauerte auf Konter - und war hin und wieder selbst dem Führungstreffer nahe. In der 25. Minute strich ein Flachschuss von Andrej Jarmolenko knapp am Tor vorbei, Schwetschenko scheiterte am glänzend reagierenden Hugo Lloris (34.). Doch nach dem zweiten Treffer der Franzosen war die Hoffnung dahin, den "Fluch von Donezk" noch zu besiegen: Auch im sechsten Versuch gelang den Ukrainern kein Sieg in der Stadt in der Westukraine. Gegen Frankreich sind sie ebenfalls weiter sieglos.

Novum in der EM-Geschichte



Höhere Gewalt hatte kurz nach Spielbeginn um 19.00 Uhr Ortszeit für ein Novum in der EM-Geschichte gesorgt. 4:17 Minuten nach dem Anpfiff blies der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers aus den Niederlanden kräftig in seine Pfeife - und unterbrach die Begegnung wegen eines heftigen Gewitters am nachtschwarzen Himmel über der Donbass-Arena. Die Spieler verschwanden in den Kabinen, die Zuschauer flüchteten von den Tribünen, über die Wassermassen in Sturzbächen flossen.

Als es um zwei Minuten nach 20.00 Uhr Ortszeit schließlich weiterging, war das Spielfeld trotz des beinahe einstündigen Wolkenbruchs erstaunlicherweise perfekt bespielbar. Pfützen, wie einst bei der legendären Wasserschlacht zwischen Deutschland und Polen in Frankfurt bei der WM 1974, waren nicht zu sehen.