Dortmund - Auf einmal war sie weg, die ganze Anspannung. Ganz relaxt saß Jürgen Klopp nach der 4:1-Gala von Borussia Dortmund über Real Madrid am Mittwochabend auf dem Podium und sinnierte über eigene Großtaten vergangener Tage. "Vier Tore in einem Spiel habe ich auch schon mal gemacht", erzählte der Trainer mit breitem Grinsen, "gegen Erfurt".

Dieses Mal allerdings hieß der Gegner nicht Erfurt und der Torjäger nicht Klopp. Vielmehr war es Robert Lewandowski, der sich allerdings auch von einer der ganz großen Mannschaften des Weltfußballs nicht am Toreschießen hindern ließ. Vier Stück schenkte der Stürmer den konsternierten "Königlichen" ein, was zuvor noch keinem Spieler überhaupt jemals in einem Halbfinale der Champions League gelungen war.

"Das war geil! Wahnsinn!" schüttelte der Pole nach dem Spiel immer wieder fast ungläubig den Kopf. Und traf damit ziemlich exakt die Gefühlslage von Mitspielern und Fans gleichermaßen. Es war eine Mischung aus Freude, Stolz und Glückseligkeit, die sich in Dortmund breit machte. "Dieser Abend wird definitiv in die Geschichte eingehen", war sich Klopp schnell sicher.

BVB siegt mit Wut im Bauch



4:1 gegen Real - und das bei Voraussetzungen, die man durchaus als suboptimal bezeichnen darf. Die Bekanntgabe von Mario Götzes nahendem Wechsel zum FC Bayern München im Sommer gerade einmal 36 Stunden vor dem Anpfiff hatte mächtig für Unruhe gesorgt. Das mochte auch Ilkay Gündogan nach der Gala gar nicht verhehlen. "Aber wir wollten den Frust mit ins Spiel einbauen und das ist uns gelungen. Alles, was auf uns eingeprasselt ist, wollten wir mitnehmen." Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zollte seinem Team ein Extralob: "Ich bin stolz, was die Mannschaft geleistet hat. Vor dem schwierigen Hintergrund der letzten Tage ist es fast unfassbar."

Tatsächlich hatte die Borussia eine Leistung auf den Rasen gezaubert, die Real schlicht nicht kontern konnte. Von der ersten Minute an agierte Dortmund druckvoll mit hohem Tempo, stand defensiv kompakt und kontrollierte die Partie über weite Strecken. "Wir haben relativ vieles richtig gemacht, gerade im Gegenpressing", lobte Klopp. Selbst der zwischenzeitliche Ausgleich durch Cristiano Ronaldo blieb nur eine spanische Episode. Im Gegenteil - nach der Pause "haben wir noch eine Schippe draufgepackt, das Gute mitgenommen und das Schlechte abgestellt", fasste es der BVB-Coach treffend zusammen.

Hummels erleichtert



Das Schlechte, das war vor allem ein haarsträubender Fehler von Mats Hummels, der das Gegentor eingeleitet hatte. Entsprechend erleichtert war der Verteidiger nach 90 Minuten über den Endstand: "Ich bin wirklich froh, wie die Mannschaft mit meinem Fehler umgegangen ist. Was die Jungs danach auf dem Platz gezeigt haben, war wirklich großartig."

Erstaunlich unbeeindruckt hatten die Schwarz-Gelben den Ausgleich weggesteckt. Und während Madrid in der zweiten Halbzeit nahezu einbrach, dominierten die Dortmunder und trumpften groß auf. Den Rest besorgte Lewandowski in Form von vier Toren mit einer Technik und Schussgewalt, die allein schon Angst und Respekt verbreitet.

"Das wird ein Orkan"



Von ekstatischer Freude aber waren die Spieler nach dem Abpfiff weit entfernt - trotz des zweiten Sieges über Real in dieser Saison. Und trotz einer fast schon unheimlichen Serie in der Champions League. Noch immer ist die Borussia die einzige Mannschaft, die trotz ihrer Duelle gegen den spanischen, englischen, niederländischen und ukrainischen Meister noch keine einzige Partie in Europas Königsklasse verloren hat.

"Wir wissen, was uns jetzt im Rückspiel in Madrid erwartet. Das wird ein Orkan, der über uns hinwegfegt", erklärte Hummels den eher zurückhaltenden Jubel nach dem Abpfiff. Sportdirektor Michael Zorc erinnerte an "viele Spiele, in denen Real hohe Heimsiege erzielt hat. Wir werden in Madrid auf der Hut sein müssen." Eine Einschätzung, die auch Watzke teilt: "Wir sind längst noch nicht durch. Wir haben die Tür nach London aufgestoßen - mehr aber auch nicht."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte