Stuttgart - So sehen faire Sieger aus. Als der Coach des 1. FSV Mainz 05, Martin Schmidt, am Samstagabend bei der Pressekonferenz die Leistung seiner Mannschaft analysiert hatte, widmete er sich seinem niedergeschlagenen Nebenmann auf dem Podium.

"Der VfB Stuttgart hat keine einfache Phase und ich hoffe, dass der Kopf schnell wieder oben ist", sagte Schmidt in Richtung seines Stuttgarter Kollegen Jürgen Kramny. "Das Ding ist noch nicht durch, weiterkämpfen, erst am Schluss wird abgerechnet." Man dürfe jetzt nicht zu viel Geschirr zerschlagen, solange es eine Chance gäbe, sollte man diese auch nutzen.

Bis zum letzten Tropfen

Jürgen Kramny dagegen konnte auf der Pressekonferenz die Tränen kaum zurückhalten. Während draußen auf dem Spielfeld einige "Fans" für fast schon historischen Ärger sorgten, zog der VfB-Trainer sein Fazit: "Das ist sehr, sehr bitter", analysierte er das 1:3 gegen den 1. FSV Mainz 05. Aufgeben aber will der Coach noch nicht: "Es ist noch nicht vorbei. Wir werden bis zum letzten Tropfen alles geben."  

In der Tat haben die Stuttgarter noch eine Chance, den zweiten Bundesliga-Abstieg nach der Saison 1974/75 zu vermeiden. Ein Sieg am Samstag beim VfL Wolfsburg bei einer gleichzeitigen Niederlage von Werder Bremen zu Hause gegen den Abstiegsrivalen Eintracht Frankfurt – dann könnte es für die Schwaben für den Relegationsplatz tatsächlich noch reichen. Es ist also noch nicht alles verloren, die Saison "habe schließlich 34 und nicht 33 Spieltage", wie der gegen Mainz mit Abstand beste VfB-Spieler, Torwart Mitchell Langerak, nach der Pleite anmerkte.

Noch ist etwas möglich

Jürgen Kramny verbreitet Hoffnung © gettyimages / Matthias Hangst

Klar ist auf der anderen Seite aber auch, dass eine Rettung des VfB einem sportlichen Wunder gleich käme. Zu verunsichert, zu fehlerhaft präsentierten sich die Schwaben gegen Mainz. Dabei erwischten sie in dieser so wichtigen Partie einen guten Start und gingen durch Kapitän Christian Gentner sogar in Führung. Spätestens nach dem zweiten Gegentreffer aber brachen beim VfB wieder alle Dämme.

Fünf Spiele in Serie haben die Stuttgarter unter Kramny nun verloren. Eine Bilanz, die an den miserablen Saisonauftakt unter dem entlassenen Trainer Alexander Zorniger erinnert. Hinzu kommt, dass der VfB mit vier Heim-Niederlagen in Folge einen Negativrekord aufgestellt hat und nur in der erwähnten Abstiegssaison 74/75 mehr Gegentreffer kassierte (79 zu 72).

Mit Anstand und Ehre

Aber: Noch ist etwas möglich. Das versucht auch VfB-Präsident Bernd Wahler in die Köpfe der Beteiligten zu bekommen: "Wir haben noch eine ganz kleine Chance auf den Klassenerhalt – die wollen wir nutzen." Der Fußball schreibe schließlich die "verrücktesten Geschichten. Ein kleines Stück Hoffnung" gebe es daher noch, sagte Wahler. Aufgegeben hat sich der VfB also noch nicht.

Das belegten auch die Worte von Sportvorstand Robin Dutt. "Es ist wichtig, dass wir nach den Geschehnissen des Spieltags als Einheit gemeinsam mit Jürgen Kramny diesen Schritt gehen", sagte Dutt. "Es geht jetzt nicht nur um die theoretische Chance, es geht auch um Anstand und Ehre."

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer